FahrradsammlerDer Traum jeder Sechskantmutter

Nikolaus Adler rettet Rennräder vor dem Tod auf der Müllhalde und lebt mit ihnen zusammen. In seiner Wohnung findet deutsche Sportgeschichte eine Obhut. von 

Das Rennrad Express von 1920

Das Rennrad Express von 1920  |  © Markus Altmann

Wann immer Nikolaus Adler unterwegs ist und er ein besonderes Rad sieht, hat er eine Schnur dabei. An dieser ist ein Schildchen befestigt, wie sie für die Beschriftung von Koffern gebräuchlich sind. Darauf steht:

''Ich bin Sammler und hätte Interesse, ihr Fahrrad zu kaufen. Oder gegen ein fahrbereites zu tauschen. Ich kaufe ihr Fahrrad nur, wenn Sie den Schlüssel zum Schloss haben. Sie können mich anrufen. Nikolaus Adler.''

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So kommt es, dass er mit über 50 Rennrädern zusammenlebt. Sie stehen überall verteilt auf dem Boden oder hängen an den Wänden. Viel mehr als die Räder gibt es in seiner Wohnung nicht. Alles, was sonst da ist, hat einen Nutzen: eine Matratze, ein Sofa, zwei Tische, einige Schemel, wenige karge Pflanzen, Regale, die er selbst angefertigt hat. In seinem Keller kann man sich kaum rühren, so viele Räder stehen auch dort. Oft weiß er nicht, wohin mit ihnen, außer aber, dass sie bei ihm bleiben sollen.

Es sind historische Räder. Manche gibt es nur zwei, drei Mal weltweit. Manche sind Unikate, wie das von Bernd Drogan, auf dem er 1979 Weltmeister wurde. Bevor ein neues in Adlers Wohnung einzieht, hat er es in Handarbeit restauriert. Aber sie sollen nicht neu aussehen, das ist die Herausforderung. Einmal wurde er von einem Fachmann auf sein Opel ZR 3 von 1925 angesprochen. ''Endlich mal eines, das nicht restauriert ist'', sagte der. ''Da muss ich Sie enttäuschen'', sagte Adler und war dabei etwas stolz.

Eine Schreinerwerkstatt wie von Meister Eder

Nikolaus Adler ist von hagerer Statur und nicht der Größte. Sein Haar ist licht und ergraut, seine Ausstrahlung sanftmütig, 52 Jahre ist er alt. Unscheinbar, aber mit bestimmten Schritten bewegt er sich durch seine Altbauwohnung, zwei Etagen tiefer unterhält er eine Schreinerwerkstatt wie Meister Eder. Bevor er an Rädern montiert, pinselt er dort Bahnen, sägt Holz, schnitzt, schmirgelt und fräst, um selbst entworfene Möbel in Kleinserie anzufertigen. Er hört Radio, wenn das Getöse seiner Maschinen nicht lauter ist.

Wenn Nikolaus Adler von früher erzählt, erzählt er vom Hunsrück, wo er aufgewachsen ist, und von Saarbrücken, wo er Industriedesign studiert hat. Schrauben, tüfteln, werkeln, das war immer Seins, sagt er. Wer ihm zuhört, macht das gerne und schweift mit dem Blick durch sein Wohnzimmer, wo sich auch ein Regal befindet. Ersatzteile liegen dort. Schrauben, Scharniere, der Laie hält es für Gedöns. Nebenan, an einer freien Partie seiner mit Rennrädern behängten Wände, baumelt ein Bilderrahmen mit einem Porträt. Ist das Karl Marx? ''Ja'', sagt er, ''hier hat er überlebt.''

Als Junge machte er aus seinem Mofa ein Motorrad

Gerne erinnert er sich an seine Jugend und wie er mit zwölf Jahren sein erstes Mofa bekam. Eine Vorliebe für Zweiräder hatte er schon immer, anfangs für motorisierte. Darauf war er angewiesen. Um aus seinem Dorf rauszukommen, musste er Steigungen von zwölf, dreizehn Prozent überwinden. Der örtliche Bus ist dort im ersten Gang hochgefahren. Ob das nicht zu anstrengend ist für ein Mofa? ''Ich bin ja Schrauber'', sagt er, ''das war ganz schnell ein Motorrad.''

Leserkommentare
    • 29C3
    • 22. Juli 2013 13:59 Uhr

    Das hätte mal ein authentischer Beitrag für die Serie "Freunde von Freunden" werden können...

    8 Leserempfehlungen
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    Vielleicht gab es zunächst technische Probleme beim Laden der Fotostrecke, die sich am Ende der ersten Seite befindet. In dieser finden Sie u.a. zwei Aufnahmen aus der Werkstatt sowie eine aus dem Wohnzimmer.

    Herzliche Grüße
    Sören Maunz

    da kann ich Ihnen nur recht geben. Das wäre doch mal eine Wohnung, die ich gerne bei "Freunde von Freunden" sehen würde. Die paar Bilderchen am Ende des Artikels sind mir als Radfanatikerin einfach zu wenig.

  1. Vielleicht gab es zunächst technische Probleme beim Laden der Fotostrecke, die sich am Ende der ersten Seite befindet. In dieser finden Sie u.a. zwei Aufnahmen aus der Werkstatt sowie eine aus dem Wohnzimmer.

    Herzliche Grüße
    Sören Maunz

  2. da kann ich Ihnen nur recht geben. Das wäre doch mal eine Wohnung, die ich gerne bei "Freunde von Freunden" sehen würde. Die paar Bilderchen am Ende des Artikels sind mir als Radfanatikerin einfach zu wenig.

    Eine Leserempfehlung
    • 29C3
    • 22. Juli 2013 14:59 Uhr

    Das 6. Bild lässt zumindest Vermutungen zu. (mehr aber auch nicht)

  3. Auch hier in Italien erlebt das Sammeln und Restaurieren von alten Rädern derzeit einen Aufschwung, wie man nicht zuletzt daran erkennen kann, dass fachspezifische Zeitschriften auftauchen.
    Es ist aber auch schön, ein eigenwilliges Fahrrad zu haben, das so ist, wie es einem selbst gefällt.
    Ich habe beispielsweise ein MTB, das ich im Laufe der Jahre immer weiter aufgerüstet habe und das nicht zuletzt wegen der Farbkombination ziemlich speziell ist, manchmal erlebe ich auch positive Kommentare, obwohl es eigentlich ein MTB ist, das vor einigen Jahren weit verbreitet war: Ein 1998er Specialized Stumpjumper mit dunkelgrünem Stahlrahmen, das ich mit roter (Edel) Federgabel aufgerüstet habe und ebenso roten Hydraulikfelgenbremsen.
    Es ist nicht nur schön sondern, dank der ausgereiften Geometrie, auch jederzeit im Hardcorebereich einsatzfähig (was ich auch in den Alpen öfter ausnutze).

  4. Ich treibe seit über 35 Jahren Radsport. In unserer Stadt gab's früher eine belgische Kaserne und die Offiziers-Familien hatten ihre Häuser in meinem Viertel. Damals, Mitte der 70er, war die goldene Zeit des belgischen Radsports und in unserer Strasse wimmelte es von Jungs, die auf ihren Peugeots, Merciers und Gitanes unterwegs waren. Ich spürte gleich in allen Knochen: Radsport - das ist genau mein Ding.

    An den Moment, als mein Herz für klassische Rennräder entflammte, kann ich mich noch genau erinnern. Ende der 90er wollte ich eigentlich von einem Aluminium-Rahmen auf Carbon umsteigen. Aber vom Gebotenen hat mir eigentlich nichts so gut gefallen, dass ich bereit war, an die DM 2000.- anzulegen.
    Als ich gelegentlich bei einem klitzekleinen Radhändler im Laden war, hing es dann da: Ein Gianni Motta Personal 2001R Rahmen-Kit in meiner Grösse. Italienischer Stahlrahmen. Chrom ohne Ende. Tolle Verarbeitungs-Details. Es war Liebe auf den ersten Blick. Auch heute ist dieses Bike immer noch mein absoluter Liebling.

    In meiner kleinen Sammlung befinden sich mittlerweile ein Vitus 979, einer der ersten Aluminium-Rahmen. Ausserdem ein früher Carbon-Rahmen von 1989. Diese 3 Bikes sind bei mir praktisch tägl. im Einsatz.
    Andere Klassiker werden von mir aufgearbeitet, eine Weile gefahren und dann wieder weitergegeben. Zur Zeit z.B. ein "early" Colnago und ein Plum Vainqueur aus den späten 60ern.
    Sportlich bereite ich mich gerade auf L'Heroica vor, den grössten Klassiker-Event weltweit.

  5. in den letzten 3-4 Jahren boomen die alten Räder wieder "wie verrückt". Die Preise für gut erhaltene italienische Marken-Rennräder gehen schon in den 4-stelligen Bereich. Selbst die "alten Franzosen" kosten inzwischen weit über 100.-€ Sowohl Fahrradhändler, als auch Second Hand Läden bestätigten mir, dass das Rennrad wieder Nummer 1 in der Gunst der Jugend und der Studenten sei. MTB dagegen ist uncool.

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  • Schlagworte DDR | Fahrrad | Motorrad | Radtour | Japan
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