Der alte rote Nissan ist inzwischen verschrottet. 268.000 Kilometer hatte der Wagen ausgehalten, mehr ging nicht. Kreuz und quer durch Europa ist Richard Lisicki damit gefahren, jahrelang, von einem Jugendturnier zum nächsten. Ohne Sponsoren war die Reisekasse meist klamm. Doch er nahm das in Kauf, weil seine Tochter Sabine eines unbedingt wollte: Tennisprofi werden. "Manchmal mussten wir die Teilnahme an einem Turnier absagen, weil wir es nicht mehr rechtzeitig dorthin geschafft haben", erzählt Sabine Lisicki. Zu Hause stand ihr Vater jeden Tag von morgens um acht bis abends um zehn Uhr auf dem Tennisplatz und gab Trainerstunden.

"Das hat er nur für mich gemacht, um mir das Tennisspielen zu ermöglichen." Eigentlich ist Richard Lisicki Historiker.

Als Sabine Lisicki noch im Grundschulalter war, hatte sie mit ihrer Familie einen Ausflug nach London unternommen. Die berühmte Church Road im Südwesten der Stadt besuchten sie auch. Dort liegt der All England Club, das Heiligtum für alle, die sich dem Tennissport verbunden fühlen. Sabine Lisicki hatte es sofort gepackt. "Ich weiß noch genau, wie wir reingegangen sind", erinnert sie sich, "ich habe mit ganz großen Augen geguckt und diese besondere Atmosphäre aufgesaugt." Danach stand für sie fest, dass sie hier eines Tages spielen würde. Hier, auf dem Centre Court von Wimbledon, auf dem Tennisgeschichte geschrieben wurde, wollte sie die Siegerschale gewinnen. "Davon habe ich immer geträumt", sagt sie.

Am Sonnabend könnte sich dieser Traum für Sabine Lisicki erfüllen. Mit 23 Jahren steht sie zum ersten Mal im Finale eines Grand-Slam-Turniers, und das auch noch in Wimbledon. Jenem Ort, an dem die Tradition dieses Sports noch fühlbar ist, mit der weißen Spielkleidung, der prätentiösen Etikette. Und es ist ein Ort, an dem auch deutsche Profis große Erfolge feierten: Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf, die siebenmal auf dem englischen Rasen gewann. Zuletzt stand Graf 1999 im Endspiel, da war Lisicki gerade neun Jahre alt und saß mit ihren Eltern vor dem Fernseher. Nun ist für sie selbst die Siegerschale zum Greifen nahe, einzig die Französin Marion Bartoli steht ihr im Weg. Ein Schritt fehlt, dann wäre der Masterplan der Familie Lisicki endlich aufgegangen.

Die ganze Familie zog nach Berlin

"Der harte Weg, den wir gegangen sind, hat uns zusammengeschweißt", sagt sie, "und er hat uns stark gemacht." Ihren Eltern habe sie alles zu verdanken, niemandem sonst als ihnen wolle sie ihren Finaleinzug widmen. Vor 30 Jahren waren Richard und Elisabeth Lisicki als Spätaussiedler aus Breslau hergekommen. "Als Historiker musste man sich entweder dem System unterordnen oder auswandern", sagte er. Seine Frau war Künstlerin, und zunächst zogen die beiden nach Bonn. Richard Lisicki studierte in Köln Sportwissenschaft und jobbte nebenher als Tennistrainer beim TC Rot-Weiß Troisdorf. Seine Promotionsarbeit "Trainingsmethoden für die Entwicklung der Schlaggeschwindigkeit unter Beibehaltung der Schlagpräzision" setzte seine Tochter von klein auf immer besser in die Praxis um.

Vor zehn Jahren zog die Familie nach Berlin, der LTTC Rot-Weiß bot Lisicki bessere Trainingsmöglichkeiten. Ihr Vater wurde Trainer im Verein und blieb erster Förderer seiner Tochter. Die Klubanlage des LTTC liegt im Grunewald. Bis heute wird hier in Weiß gespielt wie in Wimbledon. Stolz ist man im Verein auf das Steffi-Graf-Stadion, das den Centre Court beherbergt. Direkt nebenan liegt der zweite große Platz, der noch unbenannt ist. Wird er bald Lisicki-Platz heißen? "Sabine steht am Anfang ihrer Karriere. Perspektivisch würde ich nichts ausschließen", sagt Werner Ellerkmann, der seit zwei Jahren Präsident des LTTC ist.

Die Vorbereitungen für das Finale am Samstag um 15 Uhr haben in Sabine Lisickis Berliner Tennisklub längst begonnen. "Wir haben alle eingeladen, auf unserer Vereinsterrasse am Mittag gemeinsam zu grillen und anschließend Sabine zu unterstützen", sagt Rot-Weiß-Sportdirektor Markus Zoecke. "Wir hoffen auf über 100 Personen." Bei Lisickis Halbfinal-Erfolg gegen die Polin Agnieszka Radwańska waren rund 60 Mitglieder im Vereinsheim, das auch "das Wohnzimmer" genannt wird, dabei. "Sie hat eine große Chance, den Titel nach Hause zu holen. Auf Rasen kann sie alle schlagen", sagt der ehemalige Tennisprofi Zoecke.

Bianca Freymuth-Brumby ist seit 60 Jahren Mitglied im Verein. Im Mai, während der Vorbereitung auf die French Open, hat sie Lisicki zuletzt auf dem Gelände gesehen und war begeistert. Das Halbfinale von Wimbledon hat auch sie im Vereinsheim verfolgt. "Ich habe gewettet, dass Sabine in drei Sätzen gewinnt. Was soll ich sagen? Wette gewonnen."