Sport-DebatteDer Spitzensportler, Aushängeschild und Almosenempfänger

Deutsche Sportler sollen wie zu DDR-Zeiten für ihr Land glänzen. Und kriegen dafür nur Almosen. Gunter Gebauer fordert ein neues Finanzierungskonzept – ohne Staatsgelder. von Gunter Gebauer

Robert Harting im Olympiastadion von London

Robert Harting im Olympiastadion von London  |  © Alexander Hassenstein/Getty Images

Dieser Text ist Ausgangspunkt für das dritte Philosophische Armdrücken. In der Sport-Debatte von ZEIT ONLINE geht es dieses Mal um die Frage: "Wozu Sportförderung: Braucht Deutschland Staatssportler?" Der Philosoph Gunter Gebauer wird dazu am Dienstag, den 9. Juli im Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE mit Michael Vesper diskutieren, dem Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Anmelden können Sie sich hier.

Nach seinem Olympiasieg zerreißt Robert Harting sein Trikot. Die Goldmedaille wird Deutschland gutgeschrieben, die Trikotszene aber gehört zu seiner Performance. Man muss dieses Theater nicht mögen – in einem Punkt hat Harting recht: Sport ist zur Show geworden. Und sein Part wird viel zu gering bezahlt.

Welche Rolle spielen Spitzensportler für die Öffentlichkeit, die diese Show fordert und genießt? Die Medien und die Politik zählen die Medaillen; vom Ergebnis ihrer Addition wird ihr Urteil über die Athleten und ihre Trainer bestimmt. Eine möglichst große Medaillenausbeute macht für sie den Rang aus, den Deutschland im Wettbewerb der Nationen innehat. Sportler werden dafür verantwortlich gemacht, dass unser Land im Rang ganz oben liegt. Bei einem minderen Rang werden sie abgekanzelt. Für die Unterstützung, die ihnen der Staat hier und da gewährt, haben sie sich voll hinzugeben. Dies ist die Sicht von oben; von dort aus sehen die Medien, Politiker, Verbandsfunktionäre und Teile des Publikums auf sie herab.

Anzeige
Gunter Gebauer
Gunter Gebauer

In seinen Büchern und Essays befasst sich der Sportphilosoph Gunter Gebauer mit dem Mythos der Olympischen Spiele sowie anthropologischen und soziologischen Fragen des Sports. Er ist Dauergast beim Philosophischen Armdrücken von ZEIT ONLINE.

Wie verkehrt diese Sicht ist, erkennt man, wenn man die Athleten der olympischen Disziplinen mit den Profis im Fußball vergleicht. Wenn ein deutscher Verein ein wichtiges Spiel verliert, fallen die Maßnahmen wie Kritik, Gehaltskürzungen oder Mannschaftsumstellung in die Zuständigkeit des Vereins. Von einer schlechten Repräsentation Deutschlands würde man wohl kaum reden, auch weil ausländische Spieler in die Mannschaft integriert sind. Die Profi-Fußballer verdienen ihr Geld in Events, die das Publikum unterhalten. An den generierten Millionen werden die Spieler indirekt, als wesentlicher Teil eines ökonomischen Kreislaufs beteiligt. Dies ist insofern berechtigt, als ihr Können weithin anerkannt und als wichtiger Teil des emotionalen Lebens ihrer Zuschauer genossen wird.

Potentaten aus aller Welt sonnen sich im Glanze ihrer Goldmedaillen

Bei den olympischen Sportarten ist das grundlegend anders: Die Athleten erhalten de facto einen staatlichen Auftrag und werden im Gegenzug wie Almosenempfänger behandelt. Worum es dem Staat einzig geht, ist ein weltweiter Leistungsvergleich, der sich angeblich im Medaillenspiegel abbildet. Sportler treten hier nicht als sie selbst, sondern als Repräsentanten ihrer Nation an. Mit einem erfolgreichen Ausdruck hat Benedict Anderson Nationen als "imagined communities" bezeichnet. Weiter gedacht müssten dann auch deren Repräsentationen als "imagined" angenommen werden: Nationale Repräsentation durch Sportmedaillen sind blanke Illusion; sie dient vielfach dazu, die Rückständigkeit von sozialen und politischen Systemen hinter der Fassade von Olympia-Erfolgen zu verbergen.

So kommt es, dass Länder, die keine Sozial- und Kranken-Versicherung, keine Gewerkschaften und geringe Freiheitsrechte haben, bei Olympia glänzende Reputationsgewinne einfahren. Auf der Londoner Olympiatribüne sonnten sich Potentaten aus aller Welt im Glanze ihrer Goldmedaillen. Eine solche Vorstellung von Repräsentation kann man für die Bundesrepublik nicht gelten lassen.

Leserkommentare
  1. "Folgerichtig sollte man eine Organisation, eine uneigennützige VG Sport schaffen"

    Wie kommen die Sportler auf die Idee, dass die Gesellschaft ihnen ihr Hobby finanzieren müsse? Wer als Sportler nicht genug verdient, kann ja Hartz IV beantragen. Das ist für den Rest der Bevölkerung schließlich auch gut genug.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da Sport weder etwas produziert, noch eine Dienstleistung ist, wird er sowieso von der Gesellschaft durchgefüttert, so oder so. Und auch der Umweg über Werbung und Sponsoren kostet, denn deren Arbeiterbienchen wollen genauso essen, während der gesellschaftliche Wert ihrer "Produkte" sich in Grenzen hält.

    • fx66
    • 05. Juli 2013 15:43 Uhr

    > Sport ist zur Show geworden. Und sein Part wird viel zu gering bezahlt.

    Ich dachte es geht auch um Kritik am Kommerz der Olympischen Spiele. Aber wenn die Spieler mehr Geld bekommen, wird der Kommerz noch grassierender - genau wie im Fußball.

    > Eine solche Vorstellung von Repräsentation kann man für die
    > Bundesrepublik nicht gelten lassen.

    Wieso nicht? Die Idee und Umsetzung der modernen Olympiade ging aus dem europäischen Nationalismus hervor. Sollte man es jetzt marktkonform machen, wo sich jeder mit jedem misst, könnte man sie auch gleich ganz abschaffen. Individuelle Meisterschaften gibt es ja zu genüge.

    > So kommt es, dass Länder, die keine Sozial- und Kranken-Versicherung,
    > keine Gewerkschaften und geringe Freiheitsrechte haben, bei Olympia
    > glänzende Reputationsgewinne einfahren.

    Es lässt sich wohl an jedem Land Kritik nehmen. Aber der Geist der Olympiade steht für Brüderlichkeit, unabhängig von der Herkunft der Sportler. Herr Gebauer befürwortet hier einen politischen Missbrauch der Olympiade wie wir ihn in den Jahren 1936 und insbesondere 1980 bzw. 1984 bereits hatten.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Früher war es eben mehr eine Show "Kommunismus" vs. "Kapitalismus"; Heute ist es mehr Show im Unterhaltungssinne. Gerade Olympia ist aber noch sehr staatlich zersetzt, was in dem Sinne kritikwürdiger ist, da hier Steuergelder verschleudert werden, für irgend ein Wettbewerb der auf irgend eine Weise einem Phallvergleich auf Staatsebene gleicht.

    Es gibt keinen Grund Angst zu haben bei Olympia zurückzufallen. Wir machen uns ja auch keine Sorgen das die Frankfurter Hochhäuser im Internationalen Vergleich niedrig sind. Da könnte man ja auch einen Staatsfond schreien. (Und nach einer VG Architektur ! :-) )

  2. Die Sportler über die Berichtet wird, haben in der Regel weniger Geldprobleme. Das Problem das Anfangs geschildert wird, wird so kaum gelöst. Es gibt keine Almosenempfänger über die derart viel berichtet wird. Wer prominent ist, der kann Werbeverträge schließen. Gerade bei Sportartikeln ist hier ein gigantischer Markt. Und dann noch alle Produkte die als "männlich" oder "leistungsfähig" beworben werden sollen. Wer dagegen nur Zählkandidat für den Medallienspiegel ist, der ist eben auch kaum in den Medien.

    Die Idee das der Staat den Spitzensport als kindischen Leistungsvergleich finanziert, halte ich nebenbei für unangemessen. Die Leistungszentren sollten abgebaut oder privatisiert werden. Unser Rang bei Olympia ist irrelevant. Genauso wie Olympia in Wahrheit irrelevant ist. Olympia ist die Vereinigung der Sportarten, die nicht stark genug sind für ein eigenen Wettbewerb. Bei den relevanten (=Zuschauerträchtigen) Sportarten, trittt nur B-Sportler an. Wer Olympia Gold beim Fußball holt, interessiert keinen, weil da nicht die besten Fußballer spielen, sondern die besten die sich für Olympia nicht zu schade sind. Gleiches bei Basketball, Eishokey etc...

    PS: Für die Werthaltigkeit eines Spitzensportes gibt es keine andere Messung als Interesse. Alles andere ist nur Dichtung.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • fx66
    • 05. Juli 2013 16:01 Uhr

    Ach so, wenn es privatwirtschaftlich finanziert wird wie beim Fußball, dann ist das gut & richtig. Aber wenn es die Olympiade ist, dann profiliert sich nur der Staat. Wer ist denn eigentlich der "Staat"? Und sitzen die Staatsoberhäupter nicht auch bei der Fußball-WM in den Rängen (=Profilierung)?

    • fx66
    • 05. Juli 2013 15:52 Uhr

    > Wie verkehrt diese Sicht ist, erkennt man, wenn man die Athleten der
    > olympischen Disziplinen mit den Profis im Fußball vergleicht.

    Vergleichen Sie lieber die Olympischen Spiele mit der Fußball-Weltmeisterschaft, dann kommen Sie zu ganz anderen schlüssen. Kein Mensch wird sonntäglich Stabhochspringen oder Schwimmen sehen wollen. Daher sind die Verdienstmöglichkeiten für die Sportler und das Ansehen eines Landes nur mit der Weltmeisterschaft vergleichbar. Und so hoch fallen die Gagen hier nicht aus (wie im Vereinsfußball).

    Eine Leserempfehlung
  3. Früher war es eben mehr eine Show "Kommunismus" vs. "Kapitalismus"; Heute ist es mehr Show im Unterhaltungssinne. Gerade Olympia ist aber noch sehr staatlich zersetzt, was in dem Sinne kritikwürdiger ist, da hier Steuergelder verschleudert werden, für irgend ein Wettbewerb der auf irgend eine Weise einem Phallvergleich auf Staatsebene gleicht.

    Es gibt keinen Grund Angst zu haben bei Olympia zurückzufallen. Wir machen uns ja auch keine Sorgen das die Frankfurter Hochhäuser im Internationalen Vergleich niedrig sind. Da könnte man ja auch einen Staatsfond schreien. (Und nach einer VG Architektur ! :-) )

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • fx66
    • 05. Juli 2013 15:58 Uhr

    > Sport war schon immer Show

    Wenn Sie das so sehen, können Sie ja auch einfach den Fernseher auslassen und müssen solche Artikel nicht lesen. Ich weiß nicht, warum Sie sich hier profilieren..

    • fx66
    • 05. Juli 2013 15:58 Uhr

    > Sport war schon immer Show

    Wenn Sie das so sehen, können Sie ja auch einfach den Fernseher auslassen und müssen solche Artikel nicht lesen. Ich weiß nicht, warum Sie sich hier profilieren..

    Eine Leserempfehlung
    • fx66
    • 05. Juli 2013 16:01 Uhr

    Ach so, wenn es privatwirtschaftlich finanziert wird wie beim Fußball, dann ist das gut & richtig. Aber wenn es die Olympiade ist, dann profiliert sich nur der Staat. Wer ist denn eigentlich der "Staat"? Und sitzen die Staatsoberhäupter nicht auch bei der Fußball-WM in den Rängen (=Profilierung)?

    Eine Leserempfehlung
  4. "Ihnen steht das Recht zu, für die Verbreitung ihrer Bilder durch die Medien Geld zu verlangen."

    Und den Medien steht das Recht zu, dann auf die Berichterstattung zu verzichten.

    Es ist doch so, daß man in so ziemlich jeder Sportart froh ist über jede Kamera, damit die Sponsoren ins Bild kommen und dadurch mehr zahlen. Wenn also jetzt eine VG Sport jedes Mal beide Hände hinhalten würde, wenn man von einer Sportveranstaltung berichten würde, würde die Berichterstattung meines Erachtens schnell zurückgefahren und man würde sich wirklich ausschließlich auf die echten Publikumsmagneten (Fußball, Fußball, Fußball, ..., Fußball!) konzentrieren.

    Natürlich würde über Olympia weiterhin berichtet und sicher auch gezahlt, aber wenn die Bezahlung der VG Sport nur nach Berichterstattung in den Medien erfolgt, wird sich die Bezahlung wohl nur auf wenige Medaillenanwärter konzentrieren und die heutigen "Almosen"-Empfänger der Sporthilfe werden gar nix mehr bekommen. Inakzeptabel.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Robert Harting | Medien | DDR | Show | Sportler | Berlin
Service