Fett wie ein TurnschuhJetzt wird nicht nachgedacht, jetzt wird geschossen

Im besetzten Südtirol probiert unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom einen neuen Sport aus: Schießen. Er entpuppt sich schnell als geborener Killer. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom entpuppt sich als Schießtalent

Tuvia Tenenbom entpuppt sich als Schießtalent  |  © Isi Tenenbom

Besetzte Gebiete, Südtirol.

Vor fast einem Jahrhundert, im Ersten Weltkrieg, eroberten die Italiener diesen Teil der Welt. Damals sprachen die Menschen hier Deutsch und waren gute Österreicher, doch die Italiener wollten den Landstrich für sich, als schöne Erweiterung ihrer nördlichen Grenze. Sie waren stärker und schlauer und setzten sich durch.

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Außerdem fluteten sie die Gegend mit Zehntausenden von Italienern, so wie es siegreiche Kreaturen tun, wenn sie ein fremdes Gebiet erobern. Die berühmten internationalen Menschenrechtsaktivisten hat das bis heute nicht gestört. Jeder halbwegs bedeutende Europäer heult vor Qualen auf, sobald die Israelis einen palästinensischen Olivenbaum entwurzeln, doch niemand nimmt wahr, wenn die Italiener die höchsten Berge erobern.

Darüber habe ich vor ein paar Tagen nachgedacht, als ich gerade auf der Suche nach einer neuen Sportart war. Und auf wundersame Weise kam mir da ein Gedanke: Eroberer müssen ausgesprochen sportlich sein. Warum sehe ich mir nicht an, wie sie das machen?

Als Mann, der im Universum dafür bekannt ist, seine Ideen auf der Stelle in die Tat umzusetzen, stieg ich gleich in ein Flugzeug und landete eine Stunde später in der Nähe der Berge. Sobald meine Füße den Boden berührten, fragte ich die Besatzer: In welcher Sportart sind Sie besonders gut?

"Im Schießen", sagten sie. 

So sprechen Besatzer. 

Ich stehe nicht so sehr auf Schießen, weil das Töten von Menschen nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, aber ich lerne gerne etwas Neues. Als Liberaler bin ich für alles offen. Ich bin wirklich jederzeit bereit, Neues zu lernen und neue Denkweisen zu übernehmen.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Ich habe das Glück, dass mich nach der Landung meines Flugzeugs ein netter Herr namens Alex am Flughafen abholt, um mich durch sein wunderschönes besetztes Land zu fahren.

Ich sitze jetzt neben Alex, der mir beim Fahren von sich erzählt. "Ich bin Italiener", sagt er. Ich denke: Dieser Mann muss ein italienischer Faschist sein; ich frage mich, wie viele Österreicher seine Vorfahren getötet haben. Aber ich sage nichts. Ich kann noch nicht schießen und halte besser den Mund. 

Die Fahrt dauert ziemlich lange. Nirgendwo eine Spur von toten Österreichern, und schließlich setzt mich Alex sicher im herrlichen Kronplatz, Südtirol, ab.

Ich versuche ins Internet zu kommen, um mehr über diesen Ort zu erfahren, doch statt des Internets wird eine Sicherheitsmeldung auf meinem Bildschirm angezeigt:

"Neue Anti-Terror-Gesetze erfordern die Registrierung sämtlicher Personalien…"

Besatzer, denke ich mir, haben immer Angst vor Terroristen.

Aber ich sage nichts.

Es dauert ungefähr eine Stunde, bis die Internetschützer mich ins Netz lassen, und das erste, was ich über Kronplatz lese, ist dies: Heute ein Grad und Schnee. Vorhersage für heute Nacht: noch mehr Schnee.

Entweder spielen mir meine Augen einen Streich oder die Besatzungstruppen wollen mich verunsichern. Noch vor ein paar Tagen hat Präsident Obama öffentlich verkündet, dass unser Klima sich erwärmt hat. Wie kann es da im Sommer schneien?

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als die Internetverbindung abrupt getrennt wird. Ich versuche sie wieder herzustellen, doch der Bildschirm fragt erneut, wer ich bin, wann ich geboren wurde und wann ich zu sterben gedenke – oder etwas in die Richtung, ist auch egal. Nur eines weiß ich ganz genau: Ich muss schießen lernen, sonst verliere ich hier noch den Verstand.

Leserkommentare
  1. Tenenbom, ich wusste gar nicht das Schießen immer gleich zu setzen ist mit Töten von Menschen.

    4 Leserempfehlungen
    • tb
    • 17. Juli 2013 20:17 Uhr

    Wenn es um Waffen geht, ist Tisha unerreicht!

    http://www.youtube.com/wa...

  2. >>Ich "vermenschliche" jedes der Ziele, gebe jedem den Namen eines CIA- oder NSA-Agenten, über den ich gelesen habe, und schieße. Ich schieße und schieße und schieße.<< Zitatende

    Mein lieber Scholli, Mr. Tenenbom! Sie trauen sich was!! Ihnen ist doch klar, dass auch das imaginäre Killen von CIA- oder NSA-Agenten einen höchst unpatriotischen Akt darstellt. Lassen Sie sich bloß nicht von denen erwischen.
    Wo halten Sie sich jetzt auf? Soso, Im Transitbereich des Bozener Flughafens. Da Sie Italien Besatzungsmacht in Südtirol nannten, wird man Ihnen dort aber kaum Asyl gewähren.
    Melden Sie sich, wenn Sie Duschgel und Rasierzeug brauchen. Im Pariser Flughafen soll sich so etwas einmal über 18 Jahre hingezogen haben!

    2 Leserempfehlungen
  3. "Außerdem fluteten sie die Gegend mit Zehntausenden von Italienern, so wie es siegreiche Kreaturen tun, wenn sie ein fremdes Gebiet erobern. Die berühmten internationalen Menschenrechtsaktivisten hat das bis heute nicht gestört. Jeder halbwegs bedeutende Europäer heult vor Qualen auf, sobald die Israelis einen palästinensischen Olivenbaum entwurzeln, doch niemand nimmt wahr, wenn die Italiener die höchsten Berge erobern."

    Wie wahr, wie wahr. Aber sobald es um die Probleme* der deutschsprachige Bewohner eines wunderschönen Landstrichs geht, verschließen alle Berufsempörten vom Dienst die Ohren. Aber wehe, irgendeine andere kleine (exotische) Volksgruppe wird unterdrückt, schon gibts Raudau, dass es einen nur wundern kann.

    *Ein paar aktuelle Probleme:
    1. Südtirol will seit über 60 Jahren dass dem immer noch bestehendem Italofaschistischen Spuk in Südtirol ein Ende gesetzt wird. Mussolinidenkmäler und Siegesbauten weit und breit, der Staat verteidigt sie und lässt sie sogar dann und wann für viel Geld restaurieren. Man würde sich das mal in Deutschland vorstellen, wenn die ganzen Nazibauten noch stünden.
    2. Südtirol bangt jeden Tag um den Fortbestand der Autonomie. Aktuelles Beispiel wieder die Regierung 1 nach Monti, der einfach südtiroler Steuergelder nicht auszahlt, obwohl laut Verfassungsgesetzes bzw. Autonomiepaktes 90% dieser Gelder wieder zurückfliesen sollen.
    3. Italien versucht teilweise immer noch verdeckt das kleine Land hoch im Norden Italiens zu Italianisieren.

    4 Leserempfehlungen
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    ... das 2. praktisch nichts mit dem Südtirol-Problem zu tun hat, sondern eher auf der Ebene Länderfinanzausgleich angesiedelt ist. Es wird nur aus praktischen Gründen der hübschere Deckmantel genommen.

    Italien steckt in einer Krise. Durch die bestehende Regelung schafft Südtirol es weit gehend, sich aus der Verantwortung zu ziehen.

    Bei all dem Bitteren und tatsächlich arg Verdrängten der Vergangenheit. Man sollte auf dem Teppich bleiben.

    • Stt
    • 18. Juli 2013 1:15 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiver Kritik. Die Redaktion/au

    2 Leserempfehlungen
    • Stt
    • 18. Juli 2013 1:16 Uhr

    Stereotypen, das muss wohl fuer 14-jaehrige sein.

    Eine Leserempfehlung
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    • fx66
    • 18. Juli 2013 1:29 Uhr

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Die Redaktion/au

    • fx66
    • 18. Juli 2013 1:29 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Die Redaktion/au

    Antwort auf "So viele "
  4. ... das 2. praktisch nichts mit dem Südtirol-Problem zu tun hat, sondern eher auf der Ebene Länderfinanzausgleich angesiedelt ist. Es wird nur aus praktischen Gründen der hübschere Deckmantel genommen.

    Italien steckt in einer Krise. Durch die bestehende Regelung schafft Südtirol es weit gehend, sich aus der Verantwortung zu ziehen.

    Bei all dem Bitteren und tatsächlich arg Verdrängten der Vergangenheit. Man sollte auf dem Teppich bleiben.

    Eine Leserempfehlung

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