Besetzte Gebiete, Südtirol.

Vor fast einem Jahrhundert, im Ersten Weltkrieg, eroberten die Italiener diesen Teil der Welt. Damals sprachen die Menschen hier Deutsch und waren gute Österreicher, doch die Italiener wollten den Landstrich für sich, als schöne Erweiterung ihrer nördlichen Grenze. Sie waren stärker und schlauer und setzten sich durch.

Außerdem fluteten sie die Gegend mit Zehntausenden von Italienern, so wie es siegreiche Kreaturen tun, wenn sie ein fremdes Gebiet erobern. Die berühmten internationalen Menschenrechtsaktivisten hat das bis heute nicht gestört. Jeder halbwegs bedeutende Europäer heult vor Qualen auf, sobald die Israelis einen palästinensischen Olivenbaum entwurzeln, doch niemand nimmt wahr, wenn die Italiener die höchsten Berge erobern.

Darüber habe ich vor ein paar Tagen nachgedacht, als ich gerade auf der Suche nach einer neuen Sportart war. Und auf wundersame Weise kam mir da ein Gedanke: Eroberer müssen ausgesprochen sportlich sein. Warum sehe ich mir nicht an, wie sie das machen?

Als Mann, der im Universum dafür bekannt ist, seine Ideen auf der Stelle in die Tat umzusetzen, stieg ich gleich in ein Flugzeug und landete eine Stunde später in der Nähe der Berge. Sobald meine Füße den Boden berührten, fragte ich die Besatzer: In welcher Sportart sind Sie besonders gut?

"Im Schießen", sagten sie. 

So sprechen Besatzer. 

Ich stehe nicht so sehr auf Schießen, weil das Töten von Menschen nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, aber ich lerne gerne etwas Neues. Als Liberaler bin ich für alles offen. Ich bin wirklich jederzeit bereit, Neues zu lernen und neue Denkweisen zu übernehmen.

Ich habe das Glück, dass mich nach der Landung meines Flugzeugs ein netter Herr namens Alex am Flughafen abholt, um mich durch sein wunderschönes besetztes Land zu fahren.

Ich sitze jetzt neben Alex, der mir beim Fahren von sich erzählt. "Ich bin Italiener", sagt er. Ich denke: Dieser Mann muss ein italienischer Faschist sein; ich frage mich, wie viele Österreicher seine Vorfahren getötet haben. Aber ich sage nichts. Ich kann noch nicht schießen und halte besser den Mund. 

Die Fahrt dauert ziemlich lange. Nirgendwo eine Spur von toten Österreichern, und schließlich setzt mich Alex sicher im herrlichen Kronplatz, Südtirol, ab.

Ich versuche ins Internet zu kommen, um mehr über diesen Ort zu erfahren, doch statt des Internets wird eine Sicherheitsmeldung auf meinem Bildschirm angezeigt:

"Neue Anti-Terror-Gesetze erfordern die Registrierung sämtlicher Personalien…"

Besatzer, denke ich mir, haben immer Angst vor Terroristen.

Aber ich sage nichts.

Es dauert ungefähr eine Stunde, bis die Internetschützer mich ins Netz lassen, und das erste, was ich über Kronplatz lese, ist dies: Heute ein Grad und Schnee. Vorhersage für heute Nacht: noch mehr Schnee.

Entweder spielen mir meine Augen einen Streich oder die Besatzungstruppen wollen mich verunsichern. Noch vor ein paar Tagen hat Präsident Obama öffentlich verkündet, dass unser Klima sich erwärmt hat. Wie kann es da im Sommer schneien?

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als die Internetverbindung abrupt getrennt wird. Ich versuche sie wieder herzustellen, doch der Bildschirm fragt erneut, wer ich bin, wann ich geboren wurde und wann ich zu sterben gedenke – oder etwas in die Richtung, ist auch egal. Nur eines weiß ich ganz genau: Ich muss schießen lernen, sonst verliere ich hier noch den Verstand.