Gunter Gebauer (l.) und Michael Vesper diskutieren © Michael Danner

Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), hat sich für neue Finanzierungsformen im Spitzensport offen gezeigt. "Das ist ein Denkanstoß", sagte Vesper über ein Konzept, das der Sportphilosoph Gunter Gebauer beim Philosophischem Armdrücken von ZEIT ONLINE ins Spiel brachte.

Gebauer schlug wie schon in seinem vorab veröffentlichten Text eine Verwertungsgesellschaft Sport vor. "Der Sportler liefert die Bilder. Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaft werden unglaubliche Geldsummen generiert. Die Sportler müssen davon mehr abbekommen", sagte er. In seinem Modell würden die Sportler jedes Mal, wenn sie mit ihren Leistungen in den Medien auftauchen, einen bestimmten Geldbetrag erhalten, ähnlich eines Schriftstellers oder Musikers, der durch die Verwertungsgesellschaften Wort und Musik entschädigt wird.

Gebauers Kontrahent Vesper zeigte sich interessiert, äußerte aber auch Bedenken an der Machbarkeit des Konzepts. Er verwies auf juristische Hindernisse. Zudem halte er es für unmöglich, dass dieses Modell auch international funktionieren könne.

"Brauchen offene Debatte über Wert des Spitzensports"

Bei der Sport-Debatte im Veranstaltungsraum der Redaktion ging es auch um das deutsche Sportfördersystem, das im vergangenen Jahr in die Kritik geraten war. Das Bundesinnenministerium legte erst nach Androhung eines Zwangsgeldes offen, welcher Sportverband wie viel Geld erhält. Etwa 250 Millionen Euro fließen vom Bund jährlich in den Sport, ein Großteil davon in den Spitzensport.

Vesper verteidigte diese Summen. Es würden Teamärzte, Stützpunkte, Ausrüstung gebraucht. "Wer soll das sonst übernehmen?", fragte er. Er gab aber auch zu, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit breiter diskutiert werden müsse. "Wir brauchen eine offene Debatte über den Wert des Spitzensports", sagte Vesper. Diese folgte dann gleich am Diskussionsabend.

Gunter Gebauer sagte, ein Land wie Deutschland hätte es nicht mehr nötig, sich aus Prestigegründen mit Spitzensportlern schmücken zu müssen. "Ist es nicht angemessener für uns, auf unsere sozialen Errungenschaften stolz zu sein?", fragte er. Michael Vesper hielt dagegen. Er sprach von Emotionen. "Das Feiern, das Armehochreißen – diesen nationalen Zusammenhalt spürt man bei Goldmedaillengewinnern, nicht bei Merkel", sagte er. Und er zitierte eine Studie, wonach 66 Prozent der Deutschen glücklich sind, wenn deutsche Sportler Medaillen gewinnen. Ein Zuschauer aus dem Publikum warf ein, er könne sich mindestens genau so gut für einen Sportler aus einem anderen Land freuen.

Sportler zu Kanonenfutter

Die Erfolge von Spitzensportlern würden sich auch auf den Breitensport auswirken, sagte Vesper. Er nannte das  Beispiel Sabine Lisicki. Durch ihren Wimbledon-Finaleinzug würden nun viele Kinder zum Tennisspielen animiert werden. So sei es schon bei den früheren Erfolgen von Boris Becker und Steffi Graf zu beobachten gewesen. Sein Kontrahent Gunter Gebauer bezweifelte diesen Effekt und hinterfragte die elterliche Motivation, nun einen Tennislehrer mit der Bitte aufzusuchen: "Machen Sie eine Lisicki aus meiner Tochter."

Der Sportphilosoph warnte davor, Sportler zu Kanonenfutter zu machen. "Staatliche Spitzensportförderung produziert Opfer", sagte Gebauer und erinnerte an ehemalige Medaillengewinner von Olympischen Spielen, die nun schlecht bezahlter Arbeit nachgehen müssen, weil sie während ihrer aktiven Zeit Ausbildung und Beruf vernachlässigten. Vesper stimmte zu: "Wir müssen uns mehr Gedanken über die Karriere nach der Karriere machen." Er plädierte für das duale System, also eine Kombination von Ausbildung und Spitzensport. Hier sei vor allem die Wirtschaft noch mehr gefragt.

Das Publikum war nach der Diskussion unentschieden. Bei der Frage, ob Deutschland für sein nationales Prestige Spitzensportler brauche, ergriff es je zur Hälfte Partei für Vesper und für Gebauer. Den anschließenden sportlichen Wettkampf, das Armdrücken, konnte Vesper knapp für sich entscheiden.