Anti-Doping-GesetzDoper müssen vor Gericht

Der Sport ist unfähig, sich selbst zu retten. Vermutlich will er es auch nicht. Deshalb muss der Staat ran und endlich ein Anti-Doping-Gesetz schaffen. Ein Kommentar von 

Beim Thema Doping wird der Systemfehler des deutschen Sports offensichtlich: seine Autonomie, die er eigentlich für seine Stärke hält. In der Nationalen Anti-Doping-Agentur, die in ihren Kontrollen eine Trefferquote unter der Promillegrenze aufweist, sitzen Vertreter der Sportverbände, ebenso im Sportausschuss des Bundestags. Die Sportfamilie leidet an Inzest. Dem Olympiasieger aus dem eigenen Haus pinkelt man nicht ans Bein.

Nur unabhängige Instanzen können helfen, Staatsanwälte, Polizisten, Richter. Sie klären wirksamer auf als Sportgerichte, dürfen Zeugen laden, Verdächtige abhören, Hintermänner vernehmen und verhaften. Deshalb wird es höchste Zeit für ein Anti-Doping-Gesetz.

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Das Kriterium Endkampfchance ist fatal

Das Arzneimittelgesetz, das vor sechs Jahren verschärft wurde, greift zu kurz. Es verbietet nur den Besitz "nicht-geringer Mengen" von Doping-Mitteln. Es eignet sich vor allem, um Doping im Breitensport zu bekämpfen, weil es den Großhandel ahndet. Den Leistungssport trifft es weniger, weil es den Einzelfall verschont, den dopenden Arzt oder Athleten.

Mit einem Doping-Gesetz wären Geld- oder Bewährungsstrafen möglich, in Extremfällen sogar Haft. Es wäre die drastischste Folge: Ärzte und Doper im Knast. Das würde viele Betrüger abschrecken.

Im Juni lehnte der Bundestag einen Entwurf der SPD noch ab. Inzwischen fordern es selbst ehemalige Skeptiker wie Horst Seehofer, Reinhard Rauball, Manfred von Richthofen oder Robert Harting. In Italien, Spanien und vielen anderen Ländern ist es längst üblich. Die neue Regierung wird sich damit befassen müssen.

Der spanische Blutpanscher Eufemiano Fuentes wurde überführt, weil die spanische Polizei ihn und seine Leute abhörte. Der jüngste Beleg, wie notwendig ein Doping-Gesetz in Deutschland wäre: Im Prozess gegen den überführten Radfahrer Stefan Schumacher hätte es die Staatsanwälte berechtigt, vielleicht sogar verpflichtet, Wohnungen, Häuser und Koffer der Ärzte und Mitarbeiter des Teams Gerolsteiner zu durchsuchen.

Der Sport kann das Problem nicht lösen, weil der Sport es selbst hervorgebracht hat. Die Berliner Studie über das BRD-Doping legt das erneut dar. "Dass sich der Sport wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen wird, glaube ich nicht", sagt der Jurist Michael Lehner.

Vielleicht will der Sport sich gar nicht retten. "Dem organisierten Sport fehlt die ethische Grundüberzeugung", sagt Lehner. "Die geben ihren Athleten bloß zu verstehen: Lasst euch nicht erwischen!" Dass die Medaillenzähler des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) bei der Nominierung zu Olympia am Kriterium Endkampfchance festhielten, sei Anstiftung zum Doping, sagt er.

Oliver Fritsch
Oliver Fritsch

Oliver Fritsch ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nach der jüngsten Debatte über Doping im Westen müsste auch dem Letzten klar sein, dass die Geschichte des deutschen Sports auch eine Geschichte des Dopings ist. Hört man viele Vertreter des Sports in diesen Tagen über Doping reden, stellt man jedoch Ignoranz fest. Eine aktuelle alarmierende Umfrage der Deutschen Sporthilfe über die Verbreitung des Dopings in Deutschland blieb folgenlos. Ein Antrag der Leichtathleten auf ein Doping-Gesetz fand auf der Sitzung des DOSB im Dezember gerade mal fünf Prozent Zustimmung. Thomas Bach, der als IOC-Präsident kandidiert, scheint zurzeit Wichtigeres zu tun zu haben. Der Fußball gibt in der Debatte ein trauriges Bild ab.

Es mag Gründe gegen das Gesetz geben. Wenn Sportgerichte und normale Gerichte parallel ermitteln, kommen womöglich zwei Instanzen zu zwei verschiedenen Ergebnissen. Das würde dem Kampf gegen die unlautere Chemie schaden. Vorsatz ist nicht immer leicht nachzuweisen. Auch Staatsanwälte und Richter können falsch liegen, weil sie vielleicht Fans sind. Sie können auch übereifrig sein. Wenn ein Sportler zu Unrecht im Gefängnis säße, wäre das ein hoher Preis eines Doping-Gesetzes.

Doch die Gegenargumente sind nicht mehr stark genug. Doping ist schon lange kein simpler Regelverstoß mehr, sondern in vielen Fällen kriminell. Doper erschleichen sich durch Täuschung Geld und Prestige. Sie betrügen ihre Konkurrenten, Millionen Fans, sie betrügen die Idee des fairen Wettkampfs. Sie gefährden den Sport, gefährden ein wichtiges und teures Gut in unserer Gesellschaft, ein wichtiges Rechtsgut. Der Sport kann es nur dann bleiben, wenn er wieder sauber wird, wenn nicht mehr die unehrliche Leistung als Vorbild wirkt.

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Leserkommentare
    • vagabuu
    • 22. August 2013 17:41 Uhr

    Der Staat unterstützt(e) Doping.
    Und jetzt sollen staatliche Instanzen Doping bestrafen,
    dass es nicht mehr geschieht?

    2 Leserempfehlungen
    • outis
    • 22. August 2013 17:47 Uhr
    2. Unsinn

    Die Regeln werden von Sportverbänden aufgestellt und sollten auch von diesen durchgesetzt werden. Alles kein Problem für die staatliche Gerichtsbarkeit und schon gar nicht für den Strafvollzug.
    Vielmehr sollte sich der Staat aus diesen Zirkusspektakeln zurückziehen: es ist schon skandalös, was da für Kommerzveranstaltungen an staatlichen Subventionen rausgehauen wird: von den Sportsoldaten bis zur Subventionierung der Milliarden schweren, korrupten Großverbände wie Fifa oder IOC mit Steuermitteln.
    Warum jetzt der Staat auch noch deren Spielregeln auf Kosten der Allgemeinheit durchsetzen soll, erschließt sich mir nicht. Die dopenden Sportler machen sich freiwillig zu modernen Gladiatoren und schaden sich nur selbst. Wer sich angesichts der Nachrichtenlage als Zuschauer nicht abwendet, dem ist das offensichtlich egal.

    3 Leserempfehlungen
    • tb
    • 22. August 2013 17:49 Uhr

    Der Glaube der Fans, Konkurrenten oder der faire Wettkampf sind keine durch Strafrechtsnormen zu schützende Rechtsgüter.

    Eine Ausdehnung des Strafrechts führt nicht zu mehr Rechtsschutz sondern höhlt die ultima ratio der Gesellschaft aus.

    3 Leserempfehlungen
  1. Doping muss im Sport offen gehandhabt werden.

    Statt einer pseudosauberen Tour de France eine ehrliche Apothekenrundfahrt, bei der klar ist, dass jeder gedopt mitfährt. Wenn die Bestzeiten der Doping-Tour dann denen der "sauberen" Tour de France gleichen, kapieren auch die Letzten, was Sache ist. Alles andere ist Volksvera...ung.

    5 Leserempfehlungen
  2. Doping im Sport strafrechtlich zu verfolgen ist so, als würde man Schummeln beim Mau-Mau mit Gefängnis bestrafen.

    Sport wird entschieden zu ernst genommen. Das sind alles nur ziemlich nebensächliche Spielchen.

    7 Leserempfehlungen
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    dieser Sportler und Vergabe diverser Preisgelder zumindest bei Olympia geschieht nunmal aber eben auch durch einen nicht unerheblichen Steueranteil. Wenn, dann sollte dies ab sofort eben durch die Pharmaindustrie geschehen. Dann weiß jeder, woran man ist und es wäre zumindest fairer, als es bisher war. Das wäre dann auch eine hervorragende Methode, neue Mittel direkt am Menschen ungeniert auszuprobieren...

  3. "Der Sport ist unfähig, sich selbst zu retten. Vermutlich will er es auch nicht. Deshalb muss der Staat ran und endlich ein Anti-Doping-Gesetz schaffen."

    Wer ist denn der Staat? Sind die nicht alle, die gedopt, oder Doping unterstützt haben, ob aktiv, oder passiv, nicht alle auch Staat? Wird nicht lieber von Verantwortlichen aus 2. Hand immer standardmäßig erklärt:" Die Leute wollen das sehen ". Es müssen Rekorde purzeln. Alte Binsenweisheiten werden da immer vorgekaut. Weil ja immer gern vom Wettbewerb geredet wird, nicht nur beim Sport. Welches Land (Politik) würde es zulassen, dass seine Sportler auf einmal ohne die letzte Konsequenz nicht alles rausholen, was rauszuholen geht?

    Eine mehr als schizophrene Geschichte, die sich hier uns darstellt. Und viel zu lange, und zu sehr, hat man es zugelassen, dass sich da eine kleine Parallelgesellschaft- und Industrie angesiedelt hat.

    Das ganze hat sich zusehr verflechtet, als das man es chirurgisch aus der Gesellschaft entfernen kann, was dieser Kommentar ja implizieren will. Letzten Endes werden es wieder die Kleinen sein, die hier mit bestem Beispiel vorangehen und die kämpfen auf verlorenem Posten.

    Die Gesellschaft und deren Ansichten müssen sich ändern, denn ich wüsste nicht, was eine Verordnung bringen sollte und wie sollte die geregelt werden und von wem? Denn wie gesagt, wer ist der Staat?

    Eins macht unsere Zeit doch klar, wir wettern über Kapitalismus, etc. und vom Staat. Nein, es muss bei jedem anfangen.

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  4. Diese Grenze kann nicht klar gezogen werden.
    Im Amateursport wird am meisten gedopt, auch dort zählen Prestige, fairer Wettkampf und Konkurrenzkampf. Will der Staat Amateursportler kontrollieren auf zahlreiche Dopinglisten-Medikamente? Lächerlich.

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    in der Nichtgewinner selbst Schuld sind, können Sie LEIDER nicht erwarten, dass es im Sport anders gehandhabt wird.

  5. Artikel: "Der Sport ist unfähig, sich selbst zu retten. Vermutlich will er es auch nicht. Deshalb muss der Staat ran und endlich ein Anti-Doping-Gesetz schaffen. "

    Die Unfähigkeit des Sports allein reicht nicht als Begründung für umfassende strafrechtliche Regelungen. Es muss überhaupt erst einmal ein staatliches Interesse an einer Strafverfolgung in diesem Bereich vorliegen, zudem stets unter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes.

    Vor allem ergeben sich viele praktische Probleme. Wenn ich mir diverse TV-Dokus in Erinnerung rufe, ist Doping auch im Hobbysport weit verbreitet, und sei es nur um ganz abseits von Wettkämpfen den eigenen Körper mit Anabolika zu formen. Will man wirklich einen Monster-Anti-Doping-Staatsapparat schaffen, um landauf-landab Doper zu jagen? Wartet beim Crosslauf die Polizei, wenn vor dem Start die Asthmasprays zischen? Ganz abgesehen davon, dass Hobbysportler nicht vor jeder Erkältung die Giftliste der WADA konsultieren. Oder verknüpft man die Strafverfolgung allein mit dem Profisport? Das wiederum hieße, dass sich Leute wenigstens bis zum Vertrag hochdopen.

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    dopen wir uns doch täglich:

    Zigaretten zum Zeitvertreib und zur Aufmunterung, Kaffee zum Munterbleiben, Alkohol zum Runterkommen. Das sind die legalen Drogen.
    Und dann gibt es noch die Medikamente:
    Durchzechte Nacht? Da brauchen wir Aspirin.
    Wir kommen mit dem fordernden Alltag nicht klar, wir schlucken Sedative.
    Wir fordern zu viel von unseren Kindern und stopfen sie mit Ritalin voll.
    Wir pumpen unsere Ernährung auf.

    kurz formuliert: Wir sind eine einzige Dopinggesellschaft!

    Wer ohne all diese Dinge klarkommen will, muss sich als Ökofreak und Weltfremd bezeichnen lassen...

    In dem Sinne ist die Diskussion äußerst schizophren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gericht | Horst Seehofer | Thomas Bach | Arzt | Bewährungsstrafe | Breitensport
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