Doping in Ost und WestDeutschland, einig Dopingland?

In den Doping-Strukturen spiegeln sich die politischen Systeme der DDR und der BRD. Im Osten diktierte der Staat, im Westen betrog man föderal und autonom. von 

Birgit Dressel, Siebenkämpferin aus der Bundesrepublik, starb 26-jährig an Folgen von Doping.

Birgit Dressel, Siebenkämpferin aus der Bundesrepublik, starb 26-jährig an Folgen von Doping.  |  © Bongarts/Getty Images

Bis mindestens 1989 lässt sich sagen: Deutschland war ein geteiltes Land, aber in gewisser Hinsicht ein Doping-Land. Chemisch nachgeholfen wurde hüben und drüben. Dass in der DDR der Staat das Doping anordnete, ist seit zwei Jahrzehnten bekannt, als Brigitte Berendonk und Werner Franke Stasi-Akten analysierten. Auch in der BRD waren staatliche Organisationen in ein Doping-System involviert, wie die Heidelberger Forscher Gerhard Treutlein und Andreas Singler im Jahr 2000 herausfanden. Jüngst hat eine Berliner Studie die Doping-Geschichte der BRD um viele Facetten bereichert und die Debatte neu entfacht.

Vergleicht man die Doping-Systeme der beiden deutschen Staaten, stellt man neben Gemeinsamkeiten viele Unterschiede fest. Experten treffen die semantische Unterscheidung, dass in der DDR "systematisch" und in der BRD "systemisch" gedopt wurde. Was heißt das konkret?

Anzeige

An den Doping-Strukturen der DDR und der BRD lassen sich musterhaft die beiden verschiedenen politischen Systeme darstellen. In der Diktatur DDR wurde Doping seit 1974 staatlich angeordnet und hierarchisch umgesetzt. Damals befahl das Zentralsekretariat der SED auf Wunsch des organisierten Sports den Staatsplan 14.25, das "Manhattan-Projekt des Sports" (Berendonk). Die Menschen- und Medaillenzucht sollte nicht dem Zufall überlassen und die Auswüchse des Dopings begrenzt werden. Gedopt wurde nämlich schon lange vor 1974, teilweise exzessiv und gefährlich (nicht nur in der DDR). Mit 14.25 wurde Doping zum bürokratischen Akt.

Beteiligt waren viele Institutionen, etwa das Ministerium für Gesundheit oder die Arbeitsgruppe Unterstützende Mittel, die beschönigende Bezeichnung der DDR für Dopingmittel. Die Rhetorik verdeutlicht, dass den Verantwortlichen durchaus bewusst war, dass sie unethisch handelten – und übrigens auch illegal. Auch in der DDR war es per Gesetz verboten, Frauen im gebärfähigen Alter und Kinder medizinischen Versuchen zu unterziehen, Jugendliche nur mit schriftlicher Genehmigung der Eltern. Dennoch wurden Frauen und Minderjährige gedopt.

Die Aufsicht führten die Sportverbände, der Deutsche Turn- und Sport-Bund (DTSB) und das Nationale Olympische Komitee sowie das Sportmedizinische Institut (SMD). Das SMD ordnete zum Beispiel die Produktion der Pharmazeutika im VEB Jena und im Arzneimittelwerk Dresden an. Das bekannteste Pharmazeutikum war das Anabolikum Oral-Turinabol, die blaue Wunderpille.   

Selbst die Sowjetunion war neidisch

Die Wissenschaft half mit: die medizinischen und naturwissenschaftlichen Institute wie das Zentralinstitut für Mikrobiologie und experimentelle Therapie, auf der anderen Seite die sportwissenschaftlichen Eliten an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, beide ansässig in Leipzig. Am Ende der Befehlskette standen die Trainer und die Athleten, die meisten von ihnen wurden unwissend gedopt.

Die DDR hatte auch ein Zentrales Doping-Kontroll-Laboratorium. Es kontrollierte sogar, allerdings nur, damit ostdeutsche Athleten bei internationalen Wettkämpfen nicht aufflogen. Und nichts ging im Osten ohne die Stasi. Sie selektierte, schikanierte und rekrutierte Sportler, Trainer und Wissenschaftler. Viele der beteiligten Personen auf allen Ebenen waren Mitarbeiter der Stasi, die genau Buch über die Dosierungen führten. Nichtlinientreue wurden "ausdelegiert", der Euphemismus für aussortiert, dazu zählten auch Sportler, die sich gegen das Doping wehren wollten. 

Das menschenverachtende Doping-System wurde in der DDR von einer strengen Bürokratie betrieben. Es dürfte in seiner Perfidie und seiner deutschen Gründlichkeit einzigartig in der globalen Sportgeschichte sein, selbst die Sowjetunion beneidete die DDR um ihr System. Alles war geregelt, angeordnet, befohlen. Ziele waren vor allem die "medaillenintensiven Sportarten", zum Beispiel die Leichtathletik oder das Schwimmen.

Es gab in der DDR vereinzelte Abweichler: Verweigerer wie den Langlauftrainer Henrich Misersky oder die Rudertrainerin Johanna Sperling. Andernorts wurde beinahe unkontrolliert gedopt. Manche Trainer dopten Athleten mit einer Überdosis, selbst Zehnjährige bekamen Einstiegsdrogen zu schlucken. Wer also eine kontrollierte Doping-Freigabe unter ärztlicher Aufsicht befürwortet, wie das noch heute manche fordern, dem sei gesagt: Das funktionierte nicht mal nach einem großen Staatsplan.

Leserkommentare
  1. "Generell wurde im Westen vielfältiger, individueller, eigenverantwortlicher gedopt. Die Entscheidungsfreiheit der Akteure war größer, über Doping diskutierten Presse und Öffentlichkeit."

    Staatsdoping ist böse und eigenverantwortliches Doping aus Profitgier ist halb so schlimm? Doping in einer Demokratie ist nicht so schlimm - moralisch?

    Du darüber müssen wir mal reden. Findeste das gut?

    Ich bin empört.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn zwei das gleiche machen, ist es noch lange nicht das selbe.

    Eigentlich traurig!

    Ich wäre dafür, jetzt genauso eine Aufklärung zu starten, wie sie zum DDR-Doping angestrengt wurde. Dort wurden erst einmal alle Sportler unter Generalverdacht gestellt. Warum ist das jetzt anders? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
    Bloß keine Namen nennen. Es könnte ja jemand darunter sein, den man kennt und der auch immer noch etwas zu sagen hat!
    Die DDR war böse und die BRD ist gut! In allen Lebenslagen! Und daran wird gefälligst nicht gerüttelt!

    Es ist doch ein Unterschied, ob ein Mensch Dopingmittel freiwillig, d.h. im Wissen der Konsequenzen, oder unfreiwillig, d.h. ohne Wissen darum einnimmt. Diese Differenz herauszustellen, entlastetet niemanden, sondern es ist ein Hinweis darauf, dass die Sportler mitverantwortlich waren.

    Dennoch braucht es für Doping ein Umfeld, z.B. an willigen Ärzten, an Pharamkonzernen und Krankenkassen, die solche Mittel herstellen und finanzieren, sowie an Sportfunktionären und Politikern, die Doping immer hingenommen haben, wenn sie es nicht sogar offen unterstüzten (z.B. Schäuble). Auch darüber gilt es zu reden.

    Redaktion

    Huch, wie konnte ich mich so missverständlich ausdrücken? Ich wollte das Gegenteil sagen.

  2. wenn zwei das gleiche machen, ist es noch lange nicht das selbe.

    Eigentlich traurig!

    Ich wäre dafür, jetzt genauso eine Aufklärung zu starten, wie sie zum DDR-Doping angestrengt wurde. Dort wurden erst einmal alle Sportler unter Generalverdacht gestellt. Warum ist das jetzt anders? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
    Bloß keine Namen nennen. Es könnte ja jemand darunter sein, den man kennt und der auch immer noch etwas zu sagen hat!
    Die DDR war böse und die BRD ist gut! In allen Lebenslagen! Und daran wird gefälligst nicht gerüttelt!

    Eine Leserempfehlung
  3. Es ist doch ein Unterschied, ob ein Mensch Dopingmittel freiwillig, d.h. im Wissen der Konsequenzen, oder unfreiwillig, d.h. ohne Wissen darum einnimmt. Diese Differenz herauszustellen, entlastetet niemanden, sondern es ist ein Hinweis darauf, dass die Sportler mitverantwortlich waren.

    Dennoch braucht es für Doping ein Umfeld, z.B. an willigen Ärzten, an Pharamkonzernen und Krankenkassen, die solche Mittel herstellen und finanzieren, sowie an Sportfunktionären und Politikern, die Doping immer hingenommen haben, wenn sie es nicht sogar offen unterstüzten (z.B. Schäuble). Auch darüber gilt es zu reden.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    oder deren Eltern ist immer gegeben. Vielleicht ist es in einer Diktatur nur schwieriger sich zu verweigern. Schwieriges Thema.
    Ging es hier nicht um Moral?

  4. http://www.zeit.de/2013/3...

    Im Grunde ist Doping ja nur eine Form der Selbstoptimierung, nicht wahr? Jetzt müssen wir nur noch eine moralisch saubere Legitimation austüfteln und schon ist alles gut.

    Die Verantwortung liegt hier bei den Sportverbänden. Haben diese eindeutige Regeln und Strafen lässt sich das vielleicht noch eindämmen.

    In letzter Zeit hört man häufiger von Krebserkrankungen bei Sportlern, nicht wahr?
    Die Armen haben es dann tapfer überwunden. Wachstumshormone sind da dann wohl kein Thema.

    Warum optimieren die eigentlich keine Athleten bis sie 18 sind und lässt sie dann dopingfrei zu den ersten Wettkämpfen antreten, oder man wird mal 1-2 Jahre krank und erscheint dann wie Phönix aus der Asche.

    Die Zukunft wird noch einiges bieten. Wenn doch nur die Reporter aufhören würden zu sagen: Es bleiben Zweifel an der Leistung. Das nervt.

  5. oder deren Eltern ist immer gegeben. Vielleicht ist es in einer Diktatur nur schwieriger sich zu verweigern. Schwieriges Thema.
    Ging es hier nicht um Moral?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum empört?"
    • Radeba
    • 14. August 2013 17:15 Uhr

    Existiert noch Doping auch in heutzutage? Ja.
    Immer schwieriger es aufzufinden? Ja.
    Ist Wettkampfsport schaedlich fuer Gesund und Leben? Ja.

    http://radeba.manifo.com/

  6. Radeba bestätigt, dass auch heute noch gedopt wird. Daher empfehle ich die Suspension aller Fördermittel der öffentlichen Hände bis die geförderte Sporteinheit zweifelsfrei nachgewiesen hat, dass bei ihr kein Doping vorkommt und dafür gesorgt ist, dass dies auch in Zukunft nicht geschieht.

  7. ist gehörig ins Wanken geraten.

    Es gibt auffallend viele Artikel zum Thema: Waren wir im Westen wirklich so schlimm und verwerflich wie die im Osten? Und schon werden wieder Stasi und Politbüro bemüht, quasi als Minus vor der Klammer damit klar ist wo die wirklich Schlechten zu verorteten sind ...

    Selten sah man die gesellschaftlichen Sieger bisher so vorgeführt wie durch dieses Thema. Die Entscheidungen der Sportler sind vergleichbar und dann auch wieder nicht.

    Dabei ist vor allem klar, dass es wohl im Osten für Sportler wohl noch andere Motive für sportliche Spitzenleistungen gab als der Sport selbst, das große Geld jedenfalls nicht, aber dafür mögliche Reisen usw..

    Auch für andere Themen wäre eine solche Diskussion über vergleichbare Lebenslagen mal ein Segen und die menschlichen Entscheidungen dahinter, denn ostdeutsche Lebensläufe werden von den Siegern der Geschichte auch 2013 immer noch vorzugsweise nach der Kategorie "Ausreisewillig"- gut, "Stasi-Spion / SED-Funktionär" - böse sortiert.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service