Bis mindestens 1989 lässt sich sagen: Deutschland war ein geteiltes Land, aber in gewisser Hinsicht ein Doping-Land. Chemisch nachgeholfen wurde hüben und drüben. Dass in der DDR der Staat das Doping anordnete, ist seit zwei Jahrzehnten bekannt, als Brigitte Berendonk und Werner Franke Stasi-Akten analysierten. Auch in der BRD waren staatliche Organisationen in ein Doping-System involviert, wie die Heidelberger Forscher Gerhard Treutlein und Andreas Singler im Jahr 2000 herausfanden. Jüngst hat eine Berliner Studie die Doping-Geschichte der BRD um viele Facetten bereichert und die Debatte neu entfacht.

Vergleicht man die Doping-Systeme der beiden deutschen Staaten, stellt man neben Gemeinsamkeiten viele Unterschiede fest. Experten treffen die semantische Unterscheidung, dass in der DDR "systematisch" und in der BRD "systemisch" gedopt wurde. Was heißt das konkret?

An den Doping-Strukturen der DDR und der BRD lassen sich musterhaft die beiden verschiedenen politischen Systeme darstellen. In der Diktatur DDR wurde Doping seit 1974 staatlich angeordnet und hierarchisch umgesetzt. Damals befahl das Zentralsekretariat der SED auf Wunsch des organisierten Sports den Staatsplan 14.25, das "Manhattan-Projekt des Sports" (Berendonk). Die Menschen- und Medaillenzucht sollte nicht dem Zufall überlassen und die Auswüchse des Dopings begrenzt werden. Gedopt wurde nämlich schon lange vor 1974, teilweise exzessiv und gefährlich (nicht nur in der DDR). Mit 14.25 wurde Doping zum bürokratischen Akt.

Beteiligt waren viele Institutionen, etwa das Ministerium für Gesundheit oder die Arbeitsgruppe Unterstützende Mittel, die beschönigende Bezeichnung der DDR für Dopingmittel. Die Rhetorik verdeutlicht, dass den Verantwortlichen durchaus bewusst war, dass sie unethisch handelten – und übrigens auch illegal. Auch in der DDR war es per Gesetz verboten, Frauen im gebärfähigen Alter und Kinder medizinischen Versuchen zu unterziehen, Jugendliche nur mit schriftlicher Genehmigung der Eltern. Dennoch wurden Frauen und Minderjährige gedopt.

Die Aufsicht führten die Sportverbände, der Deutsche Turn- und Sport-Bund (DTSB) und das Nationale Olympische Komitee sowie das Sportmedizinische Institut (SMD). Das SMD ordnete zum Beispiel die Produktion der Pharmazeutika im VEB Jena und im Arzneimittelwerk Dresden an. Das bekannteste Pharmazeutikum war das Anabolikum Oral-Turinabol, die blaue Wunderpille.   

Selbst die Sowjetunion war neidisch

Die Wissenschaft half mit: die medizinischen und naturwissenschaftlichen Institute wie das Zentralinstitut für Mikrobiologie und experimentelle Therapie, auf der anderen Seite die sportwissenschaftlichen Eliten an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, beide ansässig in Leipzig. Am Ende der Befehlskette standen die Trainer und die Athleten, die meisten von ihnen wurden unwissend gedopt.

Die DDR hatte auch ein Zentrales Doping-Kontroll-Laboratorium. Es kontrollierte sogar, allerdings nur, damit ostdeutsche Athleten bei internationalen Wettkämpfen nicht aufflogen. Und nichts ging im Osten ohne die Stasi. Sie selektierte, schikanierte und rekrutierte Sportler, Trainer und Wissenschaftler. Viele der beteiligten Personen auf allen Ebenen waren Mitarbeiter der Stasi, die genau Buch über die Dosierungen führten. Nichtlinientreue wurden "ausdelegiert", der Euphemismus für aussortiert, dazu zählten auch Sportler, die sich gegen das Doping wehren wollten. 

Das menschenverachtende Doping-System wurde in der DDR von einer strengen Bürokratie betrieben. Es dürfte in seiner Perfidie und seiner deutschen Gründlichkeit einzigartig in der globalen Sportgeschichte sein, selbst die Sowjetunion beneidete die DDR um ihr System. Alles war geregelt, angeordnet, befohlen. Ziele waren vor allem die "medaillenintensiven Sportarten", zum Beispiel die Leichtathletik oder das Schwimmen.

Es gab in der DDR vereinzelte Abweichler: Verweigerer wie den Langlauftrainer Henrich Misersky oder die Rudertrainerin Johanna Sperling. Andernorts wurde beinahe unkontrolliert gedopt. Manche Trainer dopten Athleten mit einer Überdosis, selbst Zehnjährige bekamen Einstiegsdrogen zu schlucken. Wer also eine kontrollierte Doping-Freigabe unter ärztlicher Aufsicht befürwortet, wie das noch heute manche fordern, dem sei gesagt: Das funktionierte nicht mal nach einem großen Staatsplan.

Doping in Westdeutschland

Im demokratischen Westen funktionierte Doping anders. Es gab Keimzellen wie die beiden Universitäten Freiburg und Köln, die sich seit Ende der siebziger Jahre nahezu einen Pharmazie-Wettbewerb lieferten. Federführend waren der Berliner Studie zufolge die Professoren Joseph Keul (Freiburg) und Wildor Hollmann (Köln). Ärzte, die die Prinzipien ihres Berufsstands verrieten, um als Erfolgsbringer der Nation dazustehen und ein bisschen von der Prominenz der Sportstars abzubekommen. Keul, inzwischen verstorben, war lange Arzt der Olympiamannschaft und Betreuer des Davis-Cup-Teams im Tennis.

Tiefpunkt ihres Treibens, das schildert die Berliner Studie detailreich, war die Studie Testosteron und Regeneration Mitte der achtziger Jahre. Die Forscher wussten, dass sie gegen Regeln und Gesetze verstießen. Es handelte sich um "anwendungsorientierte Dopingforschung", wie die Berliner Forscher schreiben. Vor allem Keul gelang es aber, sein wahres Tun zu verschleiern, etwa bei einer Kleinen Anfrage der SPD im Bundestag im Jahr 1991.

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Den Griff in die Apotheke hat der Staat mit Steuermillionen finanziert. Erhalten haben die Ärzte das Geld vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), das dem Innenministerium unterstellt ist – und das offensichtlich zu dem Zweck gegründet wurde, chemische Leistungssteigerung zu erforschen. Im Gründungsjahr 1970 standen die Olympischen Spiele in München 1972 an, die die Konkurrenz im Kalten Krieg auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs verschärften.

Die Politik ist in der BRD beim Doping nicht vorangegangen, hat aber weggeschaut, geduldet, vertuscht, unterstützt. Die ehemaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher, Manfred Kanther und Wolfgang Schäuble beispielsweise erhalten in der Studie ein schlechtes Zeugnis. Ihr direktes Mittun ist nicht bewiesen, verantwortlich sind sie dennoch. Doping war in der BRD zum Teil politisch und sportpolitisch gewollt. Von Schäuble ist lange bekannt, dass er Anabolika in den siebziger Jahren befürwortete. Später sagte er, er bereue diese Haltung. Genscher bestreitet, Doping gefördert zu haben. Die Indizien, nachzulesen in der Studie, sprechen eher gegen ihn.

Keine Reaktion auf Ostblock-Doping

Generell wurde im Westen vielfältiger, individueller, eigenverantwortlicher gedopt. Die Entscheidungsfreiheit der Akteure war größer, über Doping diskutierten Presse und Öffentlichkeit. Das sollte man bei der moralischen Wertung bedenken. Die Autoren Treutlein und Singler sprechen vom "Föderalismus" und von einer "Subkultur des Dopings" in der BRD. Einige Trainer, Verbände, Vereine und Athleten handelten autonom, auch einige Ärzte. Der wirkungsmächtigste war Armin Klümper, der unter anderem die Siebenkämpferin Birgit Dressel und den VfB Stuttgart betreute, auch Schäuble zählte zu seinen Förderern. Dressel gilt als die bekannteste von vielen westdeutschen Doping-Toten. Klümper lebt heute in Südafrika.

Die Ärzte des Westens, die sich offenbar als Doping-Avantgarde sahen, scheuten vor hochgefährlichen Menschenversuchen nicht zurück. Aus einer Akte wurde jüngst bekannt, dass Sportärzte in der BRD Anfang der siebziger Jahre mit Wachstumshormonen experimentierten. Die konnte man damals nicht künstlich herstellen, sondern nur Leichen entnehmen. Die Berliner Studie deckte auf, dass westdeutsche Ärzte Ende der achtziger Jahre die leistungssteigernde Wirkung von Epo analysieren wollten. Das Mittel war damals nahezu unbekannt. Ob es zur Umsetzung kam, weiß man nicht, auch wenn einige Medienberichte das suggerieren.

Im Westen ging es naturgemäß für Athleten, Trainer und auch Ärzte um Cash. Die Autonomie des Sports gegenüber der Politik begünstigte dort Doping-Strukturen. Die Forscher aus Berlin und Heidelberg, die die neue Studie erstellten, räumen auch mit einem Mythos auf, mit dem noch heute manch Westler den Betrug rechtfertigen will: Das Doping der BRD war keineswegs eine Reaktion auf das Doping im Ostblock. Es geschah zunächst unabhängig, aus eigenem Antrieb.

Im Westen wurde insgesamt wohl weniger gedopt als im Osten. Historischen Berechnungen zufolge wurden rund 10.000 DDR-Athleten zwangsbehandelt, entsprechende Zahlen aus dem Westen existieren nicht. Das Ostdoping ist wegen der Stasi-Akten schlicht besser erforscht als das Westdoping.   

Über das Doping-System nach 1989 ist bisher übrigens wenig bekannt. Der Berliner Projektteil, der sich damit befassen sollte, scheiterte an der Finanzierung.