Doping in der BRDDas Institut, dem die Doper vertrauten

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ließ sich von Dopingärzten vereinnahmen. Noch heute werfen Kritiker dem Institut fehlende Distanz zum Sport vor. von 

Mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert zu werden, kann wehtun. So muss es derzeit dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) ergehen. Es wollte es genau wissen und gab eine Studie in Auftrag, die klären sollte: Wie sehr wurde in der Bundesrepublik gedopt? Und wer ist dafür verantwortlich?

Dass es nicht ganz unschuldig war, war den Verantwortlichen schon länger klar. Die Antwort der Historiker der Humboldt-Universität Berlin dürfte sie trotzdem erschüttern: "Die Rolle des BISp für die Anabolika-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland war zentral."

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Ein hartes Urteil. Das BISp diente vor allen Dingen dazu, Anabolika-Doping wissenschaftlich zu legitimieren. Mit chemischer Hilfe wollte man die Bundesrepublik Deutschland zur größten Sportnation der Welt machen - gemeinsam mit dubiosen Forschern, die staatliche Förderung einstrichen und sich möglicherweise daran bereicherten. Forschungsanträge derjenigen, die Doping aufklären wollten, bewilligte das BISp nicht.

Heute unterstützt das Institut keine Doping-Forschung mehr, aber Kritiker werfen ihm nach wie vor mangelnde Distanz zum Sport vor. Wieso aber gibt es das BISp überhaupt noch? Das liegt an seiner Funktion. Es wurde 1970 gegründet, um sportwissenschaftliche Forschung zu fördern und deren Erkenntnisse mit dem Sport in die Praxis umzusetzen. Eigentlich. Gelder beantragen durften dort zwar auch Pädagogen und Soziologen. Doch die monierten früh, dass vor allem die Medizin fast alles einstrich.

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft

Das BISp sitzt in Bonn als sogenannte nicht rechtsfähige Bundesanstalt im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums. Es hat einen Gesamtetat von rund 8,3 Millionen Euro, wovon 4,8 Millionen in die Forschung fließen. Damit fördert es im laufenden Jahr 62 Forschungsprojekte, wobei das Bundesinstitut sowohl Förderungsanträge bewilligt als auch Studien zur Forschung ausschreibt, wie auch die Studie „Doping in Deutschland“. Insgesamt 33 Mitarbeiter hat das BISp in drei Fachbereichen: Forschung und Entwicklung, Wissenschaftliche Beratung, Grundsatz und Controlling. Der Bereich der Dopingbekämpfung ist keinem der Fachbereiche, sondern unmittelbar dem Direktor unterstellt.

Einer profitierte davon besonders: der Freiburger Arzt Joseph Keul, einer der führenden Sportmediziner seiner Zeit. Später wurde er unter anderem Olympia-Arzt und Teamarzt des Tennis-Daviscup-Teams. Das BISp sorgte dafür, dass die staatlich subventionierten Anabolika-Forschungen in den siebziger Jahren bei Keul konzentriert wurden, die Gelder dafür flossen zu ihm ins Breisgau. Seit Langem ist bekannt: Keul war der führende Doping-Forscher der Bundesrepublik.

Das BISp ließ zu, dass Forscher-Egos diejenigen verdrängten, die ihnen nicht passten, wie die Studie zeigt: "Der erste Medizin-Referent im BISp wurde von den Kapazitäten der sportmedizinischen Zentren Köln und Freiburg nicht ernst genommen." Auf einer Sitzung warf ihn einer der Forscher heraus. Der Grund: sein Haarschnitt. Schon früh beherrschte also Testosteron das BISp. In den achtziger Jahren ließ das Institut die leistungssteigernde Wirkung dieses Hormons erforschen. Ein besonders dunkles Kapitel in der Geschichte des BISps.

Giftschränke der DDR wurden übernommen

Das BISp brachte selbst Doping-Visionäre hervor. Sein Direktor August Kirsch wurde massiv beschuldigt, Anabolika-Doping zu tolerieren. Kirsch war zugleich Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und konnte bestimmen, wie einer der größten Sportverbände der Republik mit Doping umgeht.

Erst nach siebzehn Jahren trat er 1990 als Chef des BISp ab. Doch vorher sorgte er dafür, dass Sportinstitutionen, die in der DDR zur Kaderschmiede dienten, in die Bundesrepublik integriert wurden: das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig, das Dopingkontroll-Labor in Kreischa sowie die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte in Ost-Berlin. Die Giftschränke der DDR verblieben somit im wiedervereinigten Sport.

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