Bayern gegen DortmundDer Kampf der Fußballkulturen

Erst haben sie voneinander abgeschaut, nun werden sich Bayern und der BVB stilistisch entfernen. Es kommt wieder zum Duell Ballbesitz gegen Pressing. von 

Szene aus dem Supercupspiel Dortmund gegen Bayern

Szene aus dem Supercupspiel Dortmund gegen Bayern  |  © Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images

Vorbei die Zeit des Catenaccio, die Bezeichnung für den defensiven, abwartenden Fußball, mit dem manch italienischer Verein große Erfolge feierte. Der internationale Fußball erlebt eine schöne Epoche, es siegt der offensive Stil. Meist zumindest, die Europapokaltitel von Chelsea in den Jahren 2012 und 2013 sind Ausnahmen. Das prägende Modell der vergangenen fünf bis zehn Jahre war der FC Barcelona. Seine Fußballkultur ist eine Mischung aus Ballbesitz und Gegen-Pressing, eine Kombination der beiden aktuellen, sich gegenüberstehenden Taktikmodelle.

Die Bundesliga folgt diesem Trend, zählt inzwischen sogar zu den Vorreitern. Im deutschen Spitzenfußball, das zeigte der 1. Spieltag der Bundesliga, wird man in dieser Saison wieder exemplarisch und wohl auch gegensätzlicher den Wettkampf der zwei Schulen beobachten können:

Anzeige

a) der klassische Ballbesitzfußball

Er ist gekennzeichnet von vielen Pässen, Seitenwechseln, Flügelspiel und breit aufgefächerten Mannschaftsteilen. Für Teams, die diesem Stil nachgehen, beginnt der Angriff, wenn sie den Ball haben. Wichtigster Vertreter dieser Taktik in der Bundesliga ist Bayern München. Auch Bayer Leverkusen kann das, Eintracht Frankfurt an guten Tagen, der VfL Wolfsburg versucht es zunehmend. Dieser Stil eignet sich nicht für alle Teams. Um lange und sicher in Ballbesitz zu bleiben, braucht man durchweg technisch gute Spieler, die keine Angst haben, den Ball zu verlieren. "Wenn zwei oder drei Spieler im Team sind, die den Ball nicht fordern, geht das nicht", sagt beispielsweise Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking. In Nürnberg und Aachen ließ er defensiver spielen.

b) das Gegen-Pressing

Das meint die schnelle Rückeroberung des Balls – gefolgt vom schnellen Umschalten von Defensive auf Offensive. Für Teams, die diesen intensiven Fußball bevorzugen, beginnt der Angriff gedanklich, wenn der Gegner noch den Ball hat. Protagonist dieser Schule ist Borussia Dortmund. Dem BVB gelingt Pressing am besten – und am höchsten. Das ist Taktiksprech für: Nähe des gegnerischen Tors. Das ist effizient, ist doch die Zeit bis zum eigenen Torschuss kurz. Das ist aber auch schwer, denn das Power-Pressing birgt Risiken: Beim Aufrücken entstehen in der eigenen Hälfte Räume, in die konterstarke Mannschaften stoßen können.

Erstaunlich nah am gegnerischen Tor haben in der Vergangenheit auch Augsburg, Freiburg und Mainz gepresst. Diese drei Teams haben Trainer, die viel aus ihren Teams rausholen. Deswegen ist damit zu rechnen, dass sie trotz billiger Kader die Klasse halten oder sogar besser bestückte Mannschaften hinter sich lassen. "Der FC Augsburg ist wegen seines hohen Pressings taktisch eine der mutigsten Mannschaften der Liga", sagt Hecking. Auch Hannover 96 und Hertha spielen Pressing, allerdings wollen sie den Ball erst um die Mittellinie herum erobern: Risikominimierung.

Leserkommentare
  1. Borussia Dortmund nicht als Erfinder oder Vorreiter des Gegenpressing bezeichnen.
    Insbesondere Freiburg hat dieses Systen schon erfolgreich in den Neunzigern unter Volker Finke praktiziert.

    7 Leserempfehlungen
  2. Dortmund hatte letzte Saison vorallem ein Problem: Sie haben den anstrengensten Fussball gespielt und hatten nicht genug Ersatzspieler, um das durchzuhalten. Wer Liga und CL spielt, kann diese Power nicht dauerhaft abrufen.

    Mal sehen, ob diese Saison besser wird. Der Kader ist ja etwas breiter jetzt.

  3. Gegen-Pressing, Taktiksprech, Power-Pressing, Tiki Taka, Kurzpassfuror

    Tika-Taka erinnert mich irgendwie an Baby-Sprache

    Gibt es keine ganz normale Sprache beim Fußball mehr?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gib mich die Kirsche. Wennst denkst, isses eh zschpät.

    Kurzpass-Spiel, Tiki-Taka, One-Touch-Fussball...
    Neuerdings verwenden einige Fußballexperten den Begriff "gechippt", zumindest hört es sich so an. Ich wünsche mir einen Neusprech-Filter, den ich selbst programmieren und an meinen Fernseher anstöpseln kann.

    • ictus
    • 13. August 2013 12:29 Uhr

    Die Darstellung ist interessant, aber leider stark verkürzt. So kann der BVB sein Gegen-Pressing freilich nur dann sinnvoll einsetzen, wenn der Gegner relativ häufig ballführend ist. Das ist in der Bundesliga (und mittlerweile wohl sogar in der Champions-League) eine Seltenheit. Die meisten Gegner der Borussia stehen tief und verzichten, um die Qualitäten der Schwarz-Gelben wissend, auf lange Ballstafetten. Insoweit kommt das Gegen-Pressing an seine natürlichen Grenzen. Deshalb spielt Dortmund über weite Strecken des Spiels klassische Ballbesitzfußball und wird dies auch in Zukunft so praktizieren (müssen).

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gegenpressing und Ballbesitz schließen sich nicht aus. Eine Mannschaft, deren Philosophie es ist, möglichst viel Ballbesitz zu haben, wird bei Ballverlust versuchen, sich den Ball möglichst schnell wiederzuholen und das geht nun mal sehr gut über Gegenpressing.

    Eine andere Möglichkeit ist, dass man den Ballbesitz nutzt, um in eine Situation zu kommen, wo man besonders vielversprechend gegenpressen kann und dann dort den Ball dort bewusst verlieren.

    Dazu empfehle ich auch diesen Artiekl von Spielverlagerung.de:
    http://spielverlagerung.d...

    Das stimmt jetzt aber so nicht. Eine Mannschaft wie Dortmund riskiert nämlich den Ballbesitz auch gerne, um den Ball in den richtigen Raum zu bekommen. Bestes Beispiel sind Hummels lange Bälle und die generelle Erlaubnis Pässe zu spielen, bei denen ein hohes Risiko besteht den Ballbesitz zu verlieren. Das sind Spielelemente, die eben genau deshalb funktionieren, weil man hofft (und es auch durchaus oft tut, so man denn richtig spielt) sich den Ball sehr schnell in einem gefährlichen Gebiet wieder zurückholen zu können und dann so weiterzuleiten, das man zum Abschluss kommt. Eine auf sehr viel Ballbesitz fokussierte Mannschaft spielt keine so langen und gefährlichen Pässe, da ist die Idee vielmehr das Risiko eines Ballverlustes zu minimieren.

    Genau deshalb sieht (oder sah) der BVB eben auch so spektakulär aus. Weil die erstmal mit viel mehr Risiko spielen und das Risiko eines Gegenangriffs durch gutes Pressing und schnelle Ballrückeroberung minimieren. Das geht aber eben auch gegen tief stehende Mannschaften, wahrscheinlich sogar besser als gegen sehr ballsichere Mannschaften wie Bayern oder Barcelona, bei denen es ausgesprochen schwierig ist dem einzelnen Spieler den Ball abzunehmen und die geschickt freie Anspielstationen schaffen.

    • ictus
    • 13. August 2013 16:59 Uhr

    Selbstverständlich können Mannschaften mit viel Ballbesitz auch Gegen-Pressing spielen. Aber genauso selbstverständlich ist es auch, dass soweit man selbst den Ball führt, kein Gegen-Pressing möglich ist. Nun war mein Kommentar so zu verstehen, dass man beim BVB längst nicht nur gegen den Ball spielt (wie der Artikel suggeriert), sondern die weit überwiegende Zeit im Spiel den Ball selbst führt. Deshalb auch die Einordnung des Gegen-Pressings als Spielelement, konträr zum Autor der darin scheinbar eine Spielkultur sieht. Letztlich ist das vielleicht auch eher eine semantische Diskussion.

    Ob nun die Risikopässe immer zuvorderst dem Ballverlust dienen sollen wage ich zu bezweifeln. Sicherlich gibt es dieses Element aber im Dortmunder Spiel. Jedoch empfinde ich es nicht als stilprägend.

  4. Gib mich die Kirsche. Wennst denkst, isses eh zschpät.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Es lebe der Sport ...."
  5. Mir scheint, im Artikel werden Pressing und Gegenpressing in einen Topf geworfen. Schade! Nach meinem Verständnis ist Gegenpressing eine Offensivstrategie, die darauf abzielt, unmittelbar nach eigenem Ballverlust den Ball vom Gegner zurückzuerobern, der gerade auf Offensive umschaltet und deshalb nicht in der optimalen Defensivordnung positioniert ist. Daher der berühmte Spruch vom Gegenpressing als bestem Spielmacher. Demgegenüber handelt es sich beim "normalen" Pressing um eine Defensivstrategie, die das Angriffsaufbauspiel des Gegners durch aktives und kollektives Verteidigen unterbinden, erschweren oder in bestimmte - vermeintlich ungefährlichere - Zonen des Spielfeldes leiten möchte.
    Anstatt Ballbesitzfußball und (Gegen-)Pressing als vermeintliche Antagonisten einander gegenüberzustellen, hätte sich wohl eher die Kontrastierung des bayerischen Ballbesitzfußballs mit dem auf schnelles Umschaltspiel und direkteres Ausspielen der Angriffe abzielenden Dortmunder Ansatz angeboten, wie es im Artikel auch mitunter durchscheint. Denn Pressing und Gegenpressing spielen - wenn auch in unterschiedlicher Ausrichtung - beide.

    Eine Leserempfehlung
  6. Gegenpressing und Ballbesitz schließen sich nicht aus. Eine Mannschaft, deren Philosophie es ist, möglichst viel Ballbesitz zu haben, wird bei Ballverlust versuchen, sich den Ball möglichst schnell wiederzuholen und das geht nun mal sehr gut über Gegenpressing.

    Eine andere Möglichkeit ist, dass man den Ballbesitz nutzt, um in eine Situation zu kommen, wo man besonders vielversprechend gegenpressen kann und dann dort den Ball dort bewusst verlieren.

    Dazu empfehle ich auch diesen Artiekl von Spielverlagerung.de:
    http://spielverlagerung.d...

    4 Leserempfehlungen
    • FPopp
    • 13. August 2013 14:38 Uhr

    b) das Gegen-Pressing

    Das meint die schnelle Rückeroberung des Balls – gefolgt vom schnellen Umschalten von Defensive auf Offensive.

    - - -

    Nein, das "meint" nicht, sondern das "bedeutet". Wie es Guido so schön ausdrückte: "Das ist Deutschland hier!" ;-)

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service