Spieler des Hertha BSC feiern ihren 6:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt am Samstag im Berliner Olympiastadion. © Matthias Kern/Getty Images

Es war, als halle der Angriff unter dem Dach des Olympiastadions nach. Es klang wie ein Peitschenhieb. Mit vier präzisen Pässen hatten sich die Berliner aus der eigenen Hälfte vor das Tor der Frankfurter Eintracht gespielt. Die ersten beiden brachten das Tempo, der dritte zersprengte die gegnerische Ordnung, der vierte kam in den Fünfmeterraum geschossen.

Nachdem Adrian Ramos den Ball von dort über die Linie katapultiert hatte, fanden sich die Herthaner zum Jubeln zusammen. Auf den Tribünen warfen die Menschen ihre Gliedmaßen von sich, wie Hampelmänner standen sie in der Luft. Herthas Trainer, Jos Luhukay, saß. Leise sprach er zu sich selbst. Sein Geflüster brachte den Sturm.

Für Hertha BSC Berlin, den Aufsteiger, war das das erste Tor am ersten Spieltag der Bundesligasaison. Fünf weitere, ähnlich imposante, sollten noch folgen. Hinzu kam eines, das nicht gegeben wurde und drei Treffer ans Aluminium, 6:1 bezeugte am Ende die Anzeigetafel, was zunächst keiner begreifen konnte. Zu schnell war das alles gegangen. Das schwere Gewitter, das sich nach einer halben Stunde entlud, hatte nichts von der Gewalt, mit der Hertha spielend ihr Stadion erschütterte. Die Eintracht war zu bemitleiden, ein armseliger Haufen.

Luhukay ist ein guter Freund und ein strenger Vater

Die Hertha hat lange nach einem Trainer gesucht, der mit ihr umzugehen versteht. Seit 2009 versuchten es derer fünf, zwei Mal war sie in dieser Zeit abgestiegen. Mit Jos Luhukay hat sie ihn gefunden. Der Niederländer kündigte 2012 beim FC Augsburg, weil dieser mit ihm, nicht aber mit seinen Co-Trainern verlängern wollte. Er hatte seinen Klub aber noch vor dem Abstieg gerettet, bevor er nach Berlin wechselte. Damals lag die Hertha am Boden, geschockt von der Relegation gegen Düsseldorf, der Niederlage, den Ausschreitungen, dem erneuten Abstieg. Aber Luhukay schien gewusst zu haben, dass Berlin ein schlafender Fußballriese ist. Dass es sich lohnt, sich um ihn zu sorgen.

Ein Jahr später sind sie als Tabellenerster aufgestiegen. Nun ist Hertha BSC auch Spitzenreiter der Bundesliga, für den Moment. Luhukay ist ein monotoner, gewissenhafter Typ, ein exzellenter Fußballlehrer, der selbst nach einem Samstag wie diesem wenig von sich preisgibt. Er wäre wohl lieber ein Niemand denn ein falscher Held. Auch ist er keiner, der seine Truppe vor einem Spiel aufgeilt. Er bindet seine Spieler mit einer natürlichen Autorität an sich, verlangt von ihnen nichts, als professionell zu sein. Er ist ihnen ein guter Freund und ein strenger Vater. In Berlin hat er bislang wenig gesprochen, vieles bewegt, vieles verändert. 

Berlin konnte seine Talente nicht binden

Hertha BSC hat seit vielen Jahren eine Jugendabteilung mit gesegneten Talenten. Doch die meisten, so schien es, waren schwierige Charaktere, Rowdys, die der Verein nicht in den Griff bekam. So mussten Patrick Ebert und Kevin-Prince Boateng suspendiert werden, weil sie nachts durch die Straßen gezogen waren und Seitenspiegel von Autos zertraten. Auch die Beziehungen zu Sejad Salihović, Ashkan Dejagah, Jérôme Boateng und Ibrahima Traoré entzweiten sich, obwohl sie lange gefördert wurden. Sie und andere gingen woanders hin, um Stars zu werden.

So hat sich der Fußball in Berlin nie entwickeln, sein Potenzial nie entfalten können. Michael Preetz, ein überdurchschnittlicher Stürmer und Gábor Király, ein Torhüter, der in grauer Schlabberhose spielte, sind die herausragenden Persönlichkeiten. Jos Luhukay ist auf dem besten Weg, das zu verändern.

Er hat Fabian Holland und Nico Schulz, die seit über zehn Jahren im Verein sind, an die Hertha und sich gebunden. Adrian Ramos, ein launischer Charakter, der über Jahre erzählte, den Klub verlassen zu wollen, blieb. Gegen Frankfurt traf er doppelt. Anthony Brooks, ein Schrank von Innenverteidiger und seit sechs Jahren im Verein, blieb. Der Exzentriker räumte gegen Frankfurt hinten alles ab und traf vorne. Unter Luhukay sind sie zu Erwachsenen erwachsen. "Meine Spieler sollen den Moment genießen und feiern", wird Luhukay nach diesem Spiel sagen, "aber es gibt noch viel zu verbessern."