HSV – HoffenheimAuf der Suche nach Fans der TSG Hoffenheim

Die TSG Hoffenheim ist der erste und einzige Bundesligist mit einem Fanklub für Akademiker. Ein Versuch, sich der Gruppe beim Auswärtsspiel in Hamburg zu nähern. von 

Bis kurz vor Spielbeginn war noch alles in Ordnung. In der S-Bahn zum Stadion sagten ein etwa 50-jähriger Mann mit HSV-Jeansweste und Langhaarschnitt sowie eine Gruppe von Jugendlichen mit Kurzhaarschnitt, die alle den Namen van der Vaart auf den Schulterblättern trugen, sie hätten in ihrem Leben noch keinen Fußballfan gesehen, der aus Hoffenheim kommt. Zwei weitere junge Männer, die vor dem Stadion Schnaps aus Kanistern für einen Euro verkauften, bestätigten voller Überzeugung: "Hoffenheim hat keine Fans!" Und für den unmöglichen Fall, ergänzten sie noch, dass hier jemals doch einer auftauchen sollte, müsste der zwei Euro für einen Kurzen bezahlen.

So weit, so gut. Der Hamburger SV, der Dinosaurier unter den alten großen Traditionsvereinen der Bundesliga, spielt gegen Hoffenheim, ein Verein, der keiner ist, der Unverein, Retortenklub der Liga. So sehen das Fußballkenner. Es heißt, in Hoffenheim gibt es viel Geld, wenig Fans und wenn, dann keine echten. Doch bereits nach fünf Minuten Spielzeit weiß der Reporter nicht mehr, ob die These stimmt.

Anzeige

Da steht es schon 1:0 für die TSG. Die Gäste aus Hoffenheim führen und im Block ihrer Fans brüllen sich etwa 300 Menschen die Freude aus dem Leib. Einige tragen Fanschals und Bierbecher, die meisten Trikots der TSG. Sie sehen alle real aus. Der Verein mag bundesweit nicht sonderlich beliebt, in mancher Hinsicht gar ein Widerspruch in sich sein. Doch wer in diesem Block steht, kann nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die wie Fans schreien und hüpfen.

Einen Widerspruch in sich – das würde Heiko Walkenhorst übrigens als Oxymoron bezeichnen, wie Autopilot, Hassliebe, allein in der Menge, fast fertig oder eben der Fußballverein TSG 1899 Hoffenheim, weil er als Fußballverein erst seit 1945 existiert.

Dreimal das Klassenziel nicht erreicht

Walkenhorst benutzt das Wort Oxymoron ab und an, wenn es passt und weil er intellektuell ist. Und um das kurz zu erklären: Auf Wikipedia heißt es, der Intellektuelle ist "wissenschaftlich, künstlerisch, literarisch, journalistisch oder religiös tätig", hat "dort ausgewiesene Kompetenzen erworben" und bezieht deshalb "kritisch oder affirmativ Position". Laut Sartre sei intellektuell, wer in öffentlichen Diskursen gesellschaftliche Vorgänge analysiert, hinterfragt, kritisiert.

Walkenhorst hat als Schüler dreimal das Klassenziel nicht erreicht, sein geisteswissenschaftliches Studium nach 14 Semestern abgebrochen und 2007 trotz oder wegen allem den Akademiker-Fanklub der TSG Hoffenheim gegründet. Er sagt, weil er lieber ins Fußballstadion als zu einer Vernissage geht. Und weil Akademiker-Fanklub ein Oxymoron sei, das macht neugierig, immer.

Die TSG Hoffenheim ist somit der erste und, wie Walkenhorst betont, weltweit einzige Bundesligist mit einem Fanklub für Akademiker. Bei einem solchen Superlativ wackelt der Reporter mit den Ohren. Weltweit einzigartiges muss hinterfragt werden. Schon am Freitagnachmittag, am Telefon, musste Walkenhorst sich deshalb erklären. Er sagte, zwischen seiner Heimat in Heidelberg und dem Stadion in Hoffenheim liegen keine 30 Kilometer und doch Welten. Es sei unter Geisteswissenschaftlern in Heidelberg leichter, sich als schwul zu outen, als zuzugeben, dass man Hoffenheim-Fan ist. Er, Walkenhorst, tat es dennoch und mittlerweile zähle der Akademiker-Fanklub 35 Mitglieder.

Beitrittsvoraussetzung sei, irgendwann mal eine höhere Schule besucht zu haben, wie lange oder mit welchen Abschluss spiele keine Rolle, nur als Putzfrau oder Hausmeister sollte man nicht dort gewesen sein. Nach jedem Heimspiel, sagt Walkenhorst, schreibe ein Mitglied eine intellektuelle Abhandlung über die Ereignisse auf dem Rasen. Auf der Website des Vereins gebe es eine Fanklub-Kollektion: Polohemden, Wein, Basecaps, Gläser und Tassen mit der Aufschrift: "Fußball ist ein kontinuierliches Ereignis, kein ephemeres Event. Er ist der Inbegriff alles Gesellschaftlichen."

Und in echt? Gibt es den intellektuellen Hoffenheim-Fan auch zum Anfassen im Fanblock? Am Telefon sagt Walkenhorst, er könne persönlich nicht im Gästeblock beim HSV dabei sein. Bei 25 Grad Sommersonne wolle er keinesfalls 10 Stunden fahren, um beim HSV im Stadion zu stehen. Aber vielleicht werde ein anderes Fanklubmitglied da sein. Der Reporter solle nur aufmerksam suchen. Wenn er da sei, erkenne man ihn daran, dass er nicht "Hure, Arschloch, Wichser" in einem Satz Richtung Spielfeld brülle.

Leserkommentare
  1. Erster,

    einziger und letzter?

    2 Leserempfehlungen
    • zeman
    • 18. August 2013 12:25 Uhr

    Wenn das mal nicht Abgründe sind....

    ...sagt ein Anhänger von "Traditionsscheiße".

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich find's amüsant. Und gönne den Hoffenheimern ihre Freude am Fußball. Manch ein stolzer Traditions-Fan muss sich angesichts der Strukturen des eigenen Vereins ja ganz schön winden, um mit der "Echte Liebe" oder sonstigen Phrasen noch argumentativ punkten zu können, wenn es gegen das gemeinsam erklärte Ziel Hoffenheim geht. Und das sage ich als Dortmund-Sympathisant.

    11 Leserempfehlungen
    • arnim25
    • 18. August 2013 13:20 Uhr

    Tsg!

    Eine Leserempfehlung
    • lxththf
    • 18. August 2013 13:52 Uhr

    dass bei ZO gefühlt sehr viele Artikel zu Hoffenheim erscheinen.
    Es gibt viele Gründe, warum ich Hoffenheim nicht mag, vor allem im Bezug auf den Umgang mit Personal (gab es nicht neulich einen Artikel zum Thema Mobbing im Verein?).
    Vor vielen Jahren hätte mich ein Phänomen wie Hoffenheim wohl geärgert und ich hätte ihnen den Abstieg gegönnt und dann kam RB nach Leipzig und etablierte nach weit über einem Jahrzehnt professionelle Strukturen und belebte den Fußball wieder, ich ging ins Stadion und änderte meine Sicht. Ich kann die Hoffenheim Fans verstehen, denn man sollte es mal umgekehrt betrachten. Es gibt genügend Menschen, die von dem Begriff "Tradition" eher genervt sind, weil er am Ende für etwas sehr elitäres steht. Wir sind ein Traditionsverein und haben darum die besseren Fans und darum ist es bei uns auch viel trauriger, wenn wir absteigen und umgekehrt viel toller, wenn wir gewinnen und die Kommerzfans sind nur Eventfans tritratrallala.
    Ich glaube ich bin heute viel mehr Fußballfan als früher, kann mich darüber freuen, wenn selbst Schalke schönen Fußball spielt, wenn Bayern zaubert und bin natürlich ganz vernarrt in den Dortmunder Fußball. Tradition oder nicht spielt für mich keine Rolle, denn warum sollten nicht auch andere Städte das Vergnügen haben, im Fokus zu stehen, schönen Fußball zu sehen und einfach den Sport zu genießen.
    Und im Bezug auf Traditionsvereine. Wieviele wurden von ihren Fans im Stich gelassen und spielten dann, bei Misserfolg vor leeren

    15 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 18. August 2013 13:58 Uhr

    Duisburg hätte nicht absteigen müssen, genauso wie viele andere Klubs, denen die Zuschauereinnahmen fehlten.
    Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass es recht viele Anhänger von Traditionsvereinen gibt, denen ein gewisses Maß an Demut fehlt. Für viele ist es selbstverständlich, dass ihr Klub in der 1. oder 2. Liga spielt und ich glaube darum mag ich Klubs wie Hoffenheim und RB, weil sie diese festgefahrene Struktur etwas durcheinanderwirbeln und Regionen Fußball bringen, die in den letzten Jahren fußballerisch extrem gelitten haben. Tradition bedeutet im Fußball häufig auch eine gewisse Form von Ungerechtigkeit, wie z.B. bei der Verteilung von Fernsehgeldern, oder dass sportlich erfolgreiche Klubs, die eh schon viel Geld haben, in der Regel durch die Wettbewerbsteilnahmen, wie bei der CL noch mehr Geld scheffeln und sich so den sportlichen Erfolg auf lange Sicht sichern können, bzw. deutlich bessere Chancen haben.

    lxththf, du regst mich langsam auf. Deine Argumente sind allesamt inhaltsleer. Schöner Fußball ist dein Maßstab? Prima. Nur gibt es immer und überall mal gute und mal schlechte Spiele. Und der Verein, der zuerst so erfrischenden Fußball spielt, wie Hoffenheim beim Bundesliga-Debut, spielt in der Rückrunde dann plötzlich enttäuschend.

    Daher ist auf Dauer nur die Liebe zum Verein das entscheidende. Ich steh zu meinem Verein. Und wenn er gegen Hoffenheim 1:5 verliert, dann ärgere ich mich, an meiner grundsätzlichen Einstellung ändert sich jedoch nichts. Und DAS ist der Unterschied.

    Hat RB Leipzig überhaupt schon mal verloren? Die gewinnen doch mit ihrem Geld in den unteren Ligen quasi jedes Spiel. Und dann von "guter Stimmung" zu reden, ist schon höhnisch. Würde der HSV jedes Spiel gewinnen, stünden vielleicht auch mehr Fans auf der Matte. Doch solche Erfolgsfans möchte ich gar nicht haben.

    Warum aus allem eine Wissenschaft machen? Red Bull oder Herr Hopp sehen den Fußball als Investition und die Fans als zahlungskräftige Kunden. Es ist so. Und das schadet dem Fußball. Punkt.

    • lxththf
    • 18. August 2013 13:58 Uhr

    Duisburg hätte nicht absteigen müssen, genauso wie viele andere Klubs, denen die Zuschauereinnahmen fehlten.
    Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass es recht viele Anhänger von Traditionsvereinen gibt, denen ein gewisses Maß an Demut fehlt. Für viele ist es selbstverständlich, dass ihr Klub in der 1. oder 2. Liga spielt und ich glaube darum mag ich Klubs wie Hoffenheim und RB, weil sie diese festgefahrene Struktur etwas durcheinanderwirbeln und Regionen Fußball bringen, die in den letzten Jahren fußballerisch extrem gelitten haben. Tradition bedeutet im Fußball häufig auch eine gewisse Form von Ungerechtigkeit, wie z.B. bei der Verteilung von Fernsehgeldern, oder dass sportlich erfolgreiche Klubs, die eh schon viel Geld haben, in der Regel durch die Wettbewerbsteilnahmen, wie bei der CL noch mehr Geld scheffeln und sich so den sportlichen Erfolg auf lange Sicht sichern können, bzw. deutlich bessere Chancen haben.

    6 Leserempfehlungen
  3. Und "Unverein" oder sonstiger Dumm(pf)sinn kommentiere ich auch als ehemaliger Eintracht und für immer und ewig Grabowski Fan (praktisch von Geburt, da ich im Herzen und von Geburt ein Biebricher bin) nicht.

    Die gute alte Eintracht, bevor sie zeitweise zum 'Rotlicht' Verein mutierte, und dann auch zu Recht fast ganz unten - zumindest für EintrachtVerhältnisse - strandete, war ein toller Club.

    Und wenn sich Tradition in der BuLi jetzt u.a. dadurch definiert, dass sich Vereine lieber von Gazprom und Wiesenhof sponsern lassen, oder lieber gleich links der Isar ähh Steuer vorbei handeln, anstatt sich von einer Person, die sich u.a. durch ihr Engagement im sozialen, wissenschaftlichen, sportlichen und kulturellen Bereich als Förderer, Stifter und Mäzen hervorgetan hat, dann bin ich lieber Fan von Hoffenheim, als von irgendeinem dieser Vereine.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • fx66
    • 18. August 2013 15:22 Uhr

    Was haben auch diese Van der Vaarts mit Tradition zutun..!? Dieser Spielerhandel ist knallhartes Geschäft und hat "Tradition" schon längst auf- und abgelöst.

  4. lxththf, du regst mich langsam auf. Deine Argumente sind allesamt inhaltsleer. Schöner Fußball ist dein Maßstab? Prima. Nur gibt es immer und überall mal gute und mal schlechte Spiele. Und der Verein, der zuerst so erfrischenden Fußball spielt, wie Hoffenheim beim Bundesliga-Debut, spielt in der Rückrunde dann plötzlich enttäuschend.

    Daher ist auf Dauer nur die Liebe zum Verein das entscheidende. Ich steh zu meinem Verein. Und wenn er gegen Hoffenheim 1:5 verliert, dann ärgere ich mich, an meiner grundsätzlichen Einstellung ändert sich jedoch nichts. Und DAS ist der Unterschied.

    Hat RB Leipzig überhaupt schon mal verloren? Die gewinnen doch mit ihrem Geld in den unteren Ligen quasi jedes Spiel. Und dann von "guter Stimmung" zu reden, ist schon höhnisch. Würde der HSV jedes Spiel gewinnen, stünden vielleicht auch mehr Fans auf der Matte. Doch solche Erfolgsfans möchte ich gar nicht haben.

    Warum aus allem eine Wissenschaft machen? Red Bull oder Herr Hopp sehen den Fußball als Investition und die Fans als zahlungskräftige Kunden. Es ist so. Und das schadet dem Fußball. Punkt.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Warum aus allem eine Wissenschaft machen? Red Bull oder Herr Hopp sehen den Fußball als Investition und die Fans als zahlungskräftige Kunden. Es ist so. Und das schadet dem Fußball. Punkt."

    ...oder jeder andere Sponsor der Fußballvereine.

    >Jetzt< dürfen Sie den Punkt setzen

    • fx66
    • 18. August 2013 15:35 Uhr

    > Red Bull oder Herr Hopp sehen den Fußball als Investition und die Fans als
    > zahlungskräftige Kunden. Es ist so. Und das schadet dem Fußball. Punkt.

    Das ist unbewiesener Quatsch. Hopp hält viel von seinem Verein (1899 ist eben auch "Tradition") und war immer auf finanzielle Selbstständigkeit aus. Und RedBull macht Werbung - ja und, wer nicht?

    Dass im Gegenzug BVB Watzke und FCB Hoeneß nur altruistisch an andere denken wie Sie es suggerieren, ist ebenso Quatsch. Und was ist mit den Investoren für Leverkusen, Wolfsburg und Ingolstadt?

    • lxththf
    • 18. August 2013 15:47 Uhr

    also etwas mehr Respekt bitte. Ich weiß nicht seit wann Sie HSV Fan sind, weiß nichts über Ihre Gefühle zum Verein, warum und wie Sie Fan wurden und Sie wissen nichts über meine Präferenzen. Meine große Fußballliebe war und wird immer Dortmund sein und das seit ca. 20 Jahren (auch, als es zappenduster aussah). Und was sagt das jetzt über mich als Fan aus? Macht mich das jetzt zu einem besseren Fan?
    Ich mochte damals auch den VFB Leipzig, bis es ihn schlicht und ergreifend nicht mehr gab. Der Verein war weg und genau das liegt vielen Leipziger Fußballfans schwer auf der Seele. Ich kann mir nicht im Ansatz vorstellen, dass Sie einen Einblick in die leipziger Fußballseele haben, also urteilen Sie nicht über etwas, was Sie nicht kennen.
    Gerade Hamburgfans sollten sich nun wirklich nicht aus dem Fenster lehnen, wenn es um Sponsoring geht, oder warum spielt ein van der Vaart bei Ihrem Klub? Ach wegen dem Butterbrot und dem Ei? Und Tottenham wurde mit einem warmen, feuchten Händedruck bezahlt? Klar, dass dann keine 100.000€ für die Frauen übrig waren ;)
    RB hat eine sehr gute Jugendabteilung und Jugendarbeit und wenn Sie es etwas näher betrachten, dann werfen Sie einen Blick auf die Transferbilanz - http://www.transfermarkt....
    die meisten Spieler kamen schlicht auf Grund der sportlichen Perspektive, teilweise von höheren Ligen, wo sie sich nicht durchgesetzt haben. Darum ist es ein schönes Märchen, dass der böse reiche Klub sich die

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service