Ich bin 1.000 Kilometer nördlich von Moskau aufgewachsen. Alle meine Verwandten leben noch dort. Als ich 18 Jahre alt war, zog ich nach Moskau, wo ich Chemie studiert und auch darin promoviert habe. Eigentlich wollte ich nach der Doktorarbeit Wissenschaftler werden und nach Frankreich ziehen. Aber vor drei Jahren hat der Sport mein Leben grundlegend verändert. Ich gewann die Goldmedaille bei den Gay Games in Köln. Der Sportwettbewerb für homosexuelle Teilnehmer findet alle vier Jahre statt. Für mich war neu, dass es Orte auf diesem Planeten gibt, an denen Homosexuelle akzeptiert werden. Danach beschloss ich, Aktivist für Gleichstellung zu werden.

Nach dem Wettkampf war das Fernsehen hinter mir her, und ich beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen. Durch den TV-Bericht erfuhren meine Kollegen, Freunde und Verwandten, dass ich schwul bin. Ich hatte mich darauf eingestellt, von ihnen zurückgewiesen zu werden. Aber das ist nicht passiert. Mein Leben ist besser, jetzt wo alle Bescheid wissen. Ich muss meine Aussagen nicht mehr selbst zensieren und fühle mich wohl, so wie ich bin.

Ich gebe auch meinen Freunden und Teammitgliedern den Rat, das Coming-out zu wagen. Denn je mehr Leute darüber reden, desto schneller wird sich in der öffentlichen Wahrnehmung in Russland durchsetzen, dass auch Homosexuelle zur Gesellschaft gehören. Nach den Gay Games bin ich in Russland geblieben und habe die nationale LGBT-Sportbewegung gegründet. LGBT steht für lesbisch, schwul, bisexuell und transsexuell.

Zu wenig Protest während der Leichtathletik-WM

Seit Putins neue Gesetze gegen "Homosexuellen-Propaganda" gelten, können wir LGBT-Sportler keine öffentlichen Veranstaltungen mehr austragen, die zum Beispiel mit Regenbogenflaggen auf unsere sexuelle Orientierung schließen lassen. Ich finde diese Politik falsch, denn Sport soll Menschen stärker machen und vereinen.

Viele haben Angst, verhaftet zu werden und das aus gutem Grund. Zum Beispiel wurden zwei Frauen, die in der St. Petersburger U-Bahn Händchen hielten, von einer anderen Passagierin angeschwärzt und verhaftet. Immer mehr Leute verbergen ihre sexuelle Orientierung. Das Image der Homosexuellen wird durch diese Regierung schlechter. Stalin und die Nazis haben Juden diffamiert. So ähnlich geht es uns gerade.

Noch bis Sonntag findet die Leichtathletik-WM in Moskau statt. Der Wettbewerb wäre eine großartige Gelegenheit gewesen, zu demonstrieren und die Öffentlichkeit auf unsere Lage aufmerksam zu machen. Doch ich bin enttäuscht darüber, dass die russische LGBT-Menschenrechtsorganisation während der Leichtathletik-WM nichts hat von sich hören lassen. Moskau ist eine Stadt, in der die Menschen Geld verdienen wollen, sozial engagiert sind hier nur wenige.

Als die russische Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa vor wenigen Tagen Gold bei der Leichtathletik-WM gewann, war ich selbst im Moskauer Lushniki-Stadion. Die Leute dort waren einfach glücklich. Sie jubelten und umarmten mich, obwohl ich einen Regenbogen-Aufkleber trug. Sport verbindet die Menschen eben und kann zum gesellschaftlichen Wandel beitragen.