Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hat seine Karten aufgedeckt: "Liebe Athleten", sagte er am Wochenende, "bei uns geht es eh nur um Kohle, das weiß doch jeder. Auch von Euch lassen wir uns unser schönes Spektakel nicht verhageln! Falls bei den Winterspielen in Sotschi Zeichen von Solidarität mit Homosexuellen sichtbar werden sollten, schmeißen wir Euch raus!"

Wörtlich hat Rogge, der als kultivierter Zeitgenosse gilt, natürlich etwas anderes gesagt. Zwar sei Diskriminierung nicht im Sinne der Olympischen Idee, versicherte er. Doch Regel 50 der Olympischen Charta werde durchgesetzt. Sie verbietet "politische, religiöse und rassistische Propaganda" während der Spiele. Und aus Rogges Sicht auch Solidaritätsbekundungen mit Homosexuellen, die von Putin, dem Gastgeber der nächsten Spiele, zu Parias erklärt wurden – angeblich zum Schutz von Minderjährigen.

Rogge verteidigte damit die Entscheidung des Weltverbands IAAF. Der hatte die schwedische Hochspringerin Emma Green-Tregaro verwarnt, weil sie sich während der Leichtathletik-WM in Moskau ihre Fingernägel in den Regenbogenfarben bemalt hatte. Das sei nicht als Sanktion zu verstehen, sagte Rogge, sondern als "Mittel, um Athleten zu schützen, damit sie nicht unter Druck gesetzt werden, die Spiele als Plattform zu nutzen". Das klingt ähnlich perfide wie die Kreml-Erklärung, Schwule und Lesben könnten ja zu Hause ein kuscheliges Dasein führen.

Regenbogenfarben verboten

Die Debatte verrät viel über die Welt des Sports. Ein Teil der Funktionäre ist den Potentaten dieser Welt durch eine gemeinsame Weltsicht verbunden. Auch deren Endziel ist ja nicht die Gewalt gegen Minderheiten, wie Putins Duma sie gerade im Fall der queeren Community faktisch mit legalisiert hat. Es ist der willfährige Untertan. 

Auf die Spiele in Sotschi übertragen heißt das: der entmündigte und zum Objekt der globalen Unterhaltungsmaschinerie degradierte Athlet. Im Klartext: Wer in Russland Händchen haltend mit seinem gleichgeschlechtlichen Partner auf der Straße bummelt, die Fingernägel lackiert oder eine Regenbogenfahne schwenkt, muss damit rechnen, in den Knast geschickt zu werden – oder vom IOC sanktioniert.

Deutschland muss sich den damit verbundenen Fragen besonders verantwortungsvoll stellen. Schließlich will sich ein Deutscher, Thomas Bach, am 10. September zum IOC-Präsidenten wählen lassen. Allerdings gibt es keine Indizien, dass sich der Weltsport mit ihm ändern würde, dass Bach zum Beispiel die Don't-say-Gay-Regel aufheben würde.