Hockey-Bundestrainer Markus Weise jubelt. © dpa

ZEIT ONLINE: Herr Weise, Sie wurden mit Ihrem Team am Sonntag in Belgien Europameister. Glückwunsch! Wie geht es Ihnen?

Markus Weise: Ich bin noch ein bisschen geschädigt und ziemlich platt, aber insgesamt ist die Stimmung sehr gut.

ZEIT ONLINE: Klingt nach einer ausschweifenden Feier.

Weise: Nein, ich habe mich relativ früh ausgeklinkt und bin mit einem Teil des Mannschaftsstabs zurück ins Hotel. Wir haben einen Absacker getrunken, uns gefreut und philosophiert.

ZEIT ONLINE: Philosophiert? An einem solchen Abend?

Weise: Ich frage mich, ob es wirklich gut ist, dass wir 2013 Europameister werden, wo doch 2014 die WM kommt. Weltklassespieler sind verletzungsbedingt ausgefallen und wir haben trotzdem gewonnen. Ich glaube, dass wir eine spannende Truppe zusammen haben, aber dass nicht klar ist, in welche Richtung das Ganze geht.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre Befürchtungen?

Weise: Ich frage mich, ob in der Zwischenzeit gut trainiert wird. Eigentlich müsste man gerade jetzt im Athletik- und Technikbereich ansetzen. Aber wenn die Jungs so einen Titel gewinnen, dann machen sie gerne erst einmal ein bisschen Pause. Pause im Hockey geht eigentlich nie, aber vor allem nicht ein Jahr vor der WM.

ZEIT ONLINE: Es gab vor der EM einige Umbrüche im Team. Ihr Kapitän Max Müller fehlte wegen einer Achillessehnenoperation. Wie erklären Sie den Erfolg?

Weise: Wir haben schon häufiger Mannschaften umgebaut. Das funktioniert, weil wir immer noch Leute in der Pipeline haben. Die geben nicht auf, obwohl sie nicht nominiert sind für ein großes Turnier, weil sie von uns Wertschätzung erfahren und motiviert bleiben. Man muss aus jeder U21-Mannschaft drei bis vier interessante Leute entwickeln. Solange wir das schaffen, haben wir auch gute A-Kader.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie die besondere Herausforderung an Ihrem Job?

Weise: Mich reizt es, Gruppen zusammenzustellen, die gut funktionieren. Sie müssen nicht immer harmonieren, aber in den entscheidenden Tagen alles aus sich herausholen. Mich interessiert Gruppendynamik: Wie schafft man es, Individuen oder auch manchmal Egomanen zu Teams zusammenzustellen? Teams, denen es gelingt, über sich hinaus zu wachsen und an absolute Grenzen zu gehen. Der Erfolg ist nur das Abfallprodukt dieser Leistung. Das ist es nicht, was mich anspornt. Ich will den Erfolg schon haben, aber letztlich will ich die Leistung aus meinen Jungs herauskitzeln.

ZEIT ONLINE: Sie können sich Ihrer Leistungsträger anders als im Profisport nicht immer sicher sein. Ihr Top-Torjäger Christoph Zeller zum Beispiel konnte wegen seiner Universitätsabschlussprüfungen nicht mit zur EM fahren.

Weise: Vom Hockey kann er nicht leben, er will Jurist werden. Aber immerhin haben wir auch ohne ihn im Sturm vernünftig gespielt und der Youngster Mats Krambusch hat fünf Tore in fünf Spielen gemacht. Da kann man nicht meckern. Ich hatte gehofft, dass es funktioniert, aber konnte mir im Vorfeld nicht sicher sein. Junge Spieler kann man nur einbinden, wenn sie in einem Turnier früh Verantwortung bekommen. Alles andere ist nur Gerede und nicht gut für die Motivation.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es, dass Sie auf so viele Nachwuchsspieler zurückgreifen können? Andere Sportarten scheinen ein größeres Nachwuchsproblem zu haben.

Weise: Wir auf unserer einsamen Nichtprofi-Insel können Talent- und Mannschaftsentwicklung betreiben. Meinem Kollegen Martin Heuberger im Handball fällt das deutlich schwerer, weil er eine Profiliga an der Backe hat. Und die hat das Hoheitsrecht über das Talent, bei Joachim Löw ist es das gleiche, im Eishockey auch. Da bestimmt der einzelne Klub die Regeln. Bei uns gibt es nicht dieses Denken: entweder Klub oder Nationalmannschaft. Wir machen eine zentrale Diagnostik, eine zentrale Trainingssteuerung. Im Vergleich zu den Kollegen habe ich den Luxus vieler gemeinsamer Lehrgangstage, man kann gut zusammenarbeiten. So paradox es klingt: Wir sind erfolgreich, weil wir Amateure sind.

ZEIT ONLINE: Sie wünschen sich also keine Profiliga?

Weise: Korrekt. Da wäre sofort Schluss mit lustig. Nur der Fußball hat einen so großen Talentpool, da funktioniert es auch so. In den anderen Sportarten geht es eben nicht. Eishockey, Basketball – da sind wir nicht Weltklasse. Und es liegt unter anderem daran, dass da eine andere Talententwicklung betrieben wird als im Hockey.