LeichtathletikIch habe nie gedopt, und fühle mich verdächtigt

Ohne Doping hatte ich als Deutscher Meister keine Chance auf die Weltspitze. Jetzt stehe ich trotzdem unter Generalverdacht. Wie viele saubere Sportler heute. von Jens Knipphals

Jens Knipphals bei der Deutsche Meisterschaft 1982

Jens Knipphals bei der Deutsche Meisterschaft 1982  |  © Frinke/imago

Schon einmal wurde ich als Sportler gnadenlos fallen gelassen. 1980 war ich 22 Jahre alt, Weitspringer und durfte wegen des Boykotts nicht zu den Olympischen Spielen in Moskau. Sportfunktionäre haben sich damals einer zweifelhaften politischen Linie unterworfen. Mir blieb nur eine Olympia-Urkunde. Auf der steht der Spruch: "Robustere Kräfte verhinderten die Teilnahme". Eine Farce.

 

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Nun werde ich erneut von Politik und Sportfunktionären im Stich gelassen. Die aktuelle Dopingdiskussion stellt mich, völlig undifferenziert, unter Generalverdacht. Ich habe nicht gedopt. Dafür haben gedopte Sportler mich und viele andere ehemalige, saubere Athleten illegal in den Schatten gestellt. Und jetzt werden wir auch noch nachträglich in den Dopingsumpf gezogen.

Jens Knipphals
Jens Knipphals

Jens Knipphals ist ein ehemaliger Weitspringer. 1979 und 1980 wurde er Deutscher Meister. Bei der Leichtathletik-EM in der Halle 1983 in Budapest gewann er Bronze. Er gehörte zum Olympiaaufgebot 1980, konnte aber wegen des Boykotts nicht nach Moskau fahren. Sein Sohn Sven Knipphals lief mit der 4x100-Meter-Staffel bei der WM in Moskau auf den vierten Platz.

Das ist unfair, indiskutabel und kaum auszuhalten.

Die Versuchung war damals durchaus da. Aber ich habe mich gegen Doping entschieden, weil ich bereits Zahnmedizin studiert hatte und daher um die gesundheitlichen Risiken wusste. Anhand der Athleten aus dem Ostblock haben wir zudem die Auswirkungen des Dopings vor Augen gehabt, Sportlerinnen mit Bärten und tiefen Stimmen. Das schreckte ab. 

Die Praktiken in BRD und DDR gleichzusetzen, ist hanebüchen

Mit der Entscheidung gegen Doping hatte ich erhebliche Nachteile. Ich wusste, dass ich sonst 20 Zentimeter weiter gesprungen wäre. Damit hätte ich mich auf einem Niveau mit damaligen Weltstars wie Carl Lewis bewegt, eine Medaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen wäre durchaus realistisch gewesen.

Doch es waren die gefeierten (gedopten) Stars, die die Lorbeeren ernteten und immer noch ernten. Die sauberen Sportler dagegen werden für ihre "Schlechtleistung" kritisiert, nicht mehr nominiert, nicht mehr gefördert. So erfolgt gleichzeitig im Sinne des Dopings eine positive Auslese. Damals, als man das mitbekam, war es nicht einfach, sich dennoch zu motivieren. Unter anderem deshalb habe ich bereits mit 25 Jahren aufgehört.

In einem Interview hat Manfred Ommer, ein deutscher Sprinter der siebziger Jahre, offen über sein Doping gesprochen. Er dopte, weil er nicht einsah, es nicht zu tun. All seine Gegner haben doch mitgemacht. Ohne Doping, sagte er, hatte er keine Chance.

Dafür danke ich ihm und bewundere seinen Mut, seine Klarheit und Offenheit. Diese Offenheit und diesen Mut wünsche ich mir von anderen gedopten Sportlern. Dann wüsste jeder, was Sache ist. Und die Sauberen wären rehabilitiert.

Die Dopingpraktiken in der BRD jedoch mit dem systematischen Doping der ehemaligen DDR, in der Doping nachweislich 1974 staatlich angeordnet wurde, gleichzusetzen, ist hanebüchen!

Selbstverständlich wurde in der BRD in der Zeit des Kalten Krieges, an der Grenze der beiden Ideologien, auch über Doping geforscht. Das Ganze wurde staatlich unterstützt und war politisch gewollt.

Aber jeder Sportler im Westen hatte die freie Wahl. Ich konnte Nein sagen. Und ich sagte Nein.

Leserkommentare
    • Petka
    • 22. August 2013 12:26 Uhr

    Ich übersetze mal den Aufmacher, wie ich ihn verstehe: 'Ich find das gemein, das man mich des Doping mitverdächtigt, verdächtige selbst aber pauschal alle, die an der Weltspitze mitspielen'.

    Janeiskla.

    Der Artikel geht durchaus interessant weiter, aber der Aufmacher vermiest einem einfach schon mal das Lesen.

    6 Leserempfehlungen
  1. Es reicht eben nicht, für sich allein "Nein" zu sagen und ansonsten zugeschaut zu haben.
    Diese Mentalität des unschuldigen Mitläufers dann weiter zu pflegen bis zum "gleichzusetzen, ist hanebüchen!" ist bezeichnend genug. Da glaubt immer noch einer, eins sei besser gewesen als das andere, wegen der freien Wahl. Die Grenzen auch seiner Wahlfreiheit hat er doch selbst gezeigt bekommen, beim Olympiaboykott.

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    • TDU
    • 22. August 2013 13:57 Uhr

    Ihr Kommentar ist interessant und erinnert mich an die "falschen" Kritiker der DDR und der Sowjet Union im kalten Krieg. Wer sich beklagte war irgendwie immer selbst schuld und hatte gefälligst den Mund zu halten.

    Dieses "Selbst schuld" Argument gibts jetzt bei der Bankenkrise und der Bealstung durch hohe Strom- udn ander Preise. Mal sehen, was noch draus wird. Da ich Sie nicht kenne, hoffe ich erstmal, dass es sich nicht mal zu Ihrem Nachteil gegen Sie selbst wendet.

  2. Ist jedenfalls mein Fazit sowohl als Sportler im allgemeinen und als Fußball Fan im speziellen.
    Doping Kriegen sie nicht mehr weg.
    Doping ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
    Kontrollen bei den Weltstars ? Fangen sie mal bei den Bundesjugendspielen an !

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    • TDU
    • 22. August 2013 13:57 Uhr

    Ihr Kommentar ist interessant und erinnert mich an die "falschen" Kritiker der DDR und der Sowjet Union im kalten Krieg. Wer sich beklagte war irgendwie immer selbst schuld und hatte gefälligst den Mund zu halten.

    Dieses "Selbst schuld" Argument gibts jetzt bei der Bankenkrise und der Bealstung durch hohe Strom- udn ander Preise. Mal sehen, was noch draus wird. Da ich Sie nicht kenne, hoffe ich erstmal, dass es sich nicht mal zu Ihrem Nachteil gegen Sie selbst wendet.

    Eine Leserempfehlung
    • Azenion
    • 22. August 2013 14:01 Uhr

    Die Olympischen Spiele waren eine Mode des 20. Jahrhunderts -- wie im Grunde der ganze Leistungssport. Im 18. Jh. hat sich kein Mensch dafür interessiert, und so langsam kommen wir wieder dahin.
    Es ist ja auch nicht einzusehen, warum man anderen bei körperlichen Verrichtungen zusehen sollte.

    Einfach ignorieren, dann hört vielleicht auch das Doping auf. Und wenn nicht, dann ist es auch egal.

    4 Leserempfehlungen
  3. 6. leider

    werden auch solche Beiträge am Generalverdacht nichts ändern.
    Der Umkehrschluß wäre ja, daß alle, die auf den hinteren Rängen gelandet sind, ungedopt und die Guten waren/sind. Vielleicht hatten/haben sie trotz Doping einfach weniger Talent als die besseren gedopten ?

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    • TDU
    • 22. August 2013 14:08 Uhr

    Man liebt die Sensation, und wer sie bringt wird gefeiert. Beim Radsport kann man Gelder sparen, wenn man sich aus Empörung der Berichterstattung verweigert, olympische Spiele sind ein Muss, und Bolt ist kein Deutscher.

    Im übrigen ist es keine Garantie dafür, dass einer nicht gedopt hat. Und die Anständigen haben es in allen Lebensbereichen schwer. Verspricht man marktübliche Renditen ist man ein lausiger Vermögensverwalter.

    3 Leserempfehlungen
  4. kam der in das Gefängnis?
    Oder wurde er einfach nicht mehr gefördert?

    Und wenn Zweiteres der Fall war, dann möchte ich wissen, wo der Unterschied zwischen DDR und BRD lag?

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    • TDU
    • 22. August 2013 17:11 Uhr

    In der BRD gabs die Sporthilfe, da wurden auch junge Talente unterstützt, und es gab private Sponsoren. Und auch die Vereine selbst waren so verbandelt nicht mit dem Staat. Man kann also Ökonomie m. E. nicht einfach mit Staatlicher Organisation gleich setzen.

    Zumal der "Zweite" ja auch noch genug andere Berufschancen hatte, bei denen der Staat überhaupt keine Rolle spielte. Freiräume für den erzwungenen oder freiwilligen "Looser" gabs also genug, wenn eine Ausbildung oder Fähigkeiten da waren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Carl Lewis | Usain Bolt | Weltmeisterschaft | Auslese | DDR | Doping
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