WM in MoskauDeutsche Leichtathleten sind nicht schwul

Am Samstag beginnt die Leichtathletik-WM in Moskau, wo Putins Anti-Homosexuellen-Gesetz gilt. Den deutschen Sport kümmert das wenig. von 

Marcus Urban ist gefragt. Der ehemalige Zweitliga-Fußballer, der 2008 sein Coming-out hatte, berät Mitarbeiter der Kirche, Manager und Kapitäne. Berufe, die als Bastionen der Männlichkeit gelten – in denen es keine Homosexuellen zu geben scheint, es sie aber doch gibt. Wie im Sport.

Mit ziemlicher Sicherheit werden auch bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die am Samstag in Moskau beginnt, homosexuelle Sportler teilnehmen. Doch die leben dort gefährlich. In Russland gilt Putins neues Anti-Homosexuellen-Gesetz. Es stellt positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder im Internet unter Strafe.

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Russlands Sportminister Witali Mutko versprach zwei Tage vor Beginn der Wettkämpfe zwar, dass "alle Rechte und Interessen" gewahrt werden. Das Gesetz verbiete nicht, nach homosexuellen Neigungen zu leben, sondern nur, öffentlich für Homosexualität zu werben. Dass es die Meinungsfreiheit einschränkt, bereits Ausländer ausgewiesen wurden und es mehr Übergriffe gegen Homosexuelle gibt, erwähnt Mutko aber nicht.

Keine Proteste aus dem deutschen Sport

Marcus Urban bedauert, dass sich niemand im deutschen Sport so richtig darum kümmert. Es gibt keine Proteste, keinen lauten Widerspruch. "Das hätten Sportverbände initiieren können. Aber so weit ist es wohl noch nicht", sagt er.

Für Klaus Heusslein, den Kopräsidenten der European Gay and Lesbian Sport Federation, die sich gegen Diskriminierung Homosexueller im Sport einsetzt, liegt auf der Hand, wieso Großwettkämpfe in Länder wie Russland vergeben werden: "Da steht nur das Geld im Vordergrund. Es wird nicht auf Menschenrechte geschaut. Wenn ich in einem Sportverband etwas zu sagen hätte, würden solche Länder nicht auf der Liste der Bewerber stehen."

Heusslein und Urban sind sich einig: Die deutschen Sportverbände sind in der Pflicht. Im Fall der Leichtathletik-Weltmeisterschaft ist das der Deutsche Leichtathletikverband (DLV). Sein Präsident Clemens Prokop sagt: "Das Anti-Homosexuellen-Gesetz widerspricht der Intention der Wettbewerbe. Ich würde mir wünschen, dass es außer Kraft gesetzt wird." Bei den Athleten, so seine Einschätzung, sei Politik in Russland aber kein Thema. Sie seien unmittelbar vor den Wettkämpfen mit der Vorbereitung beschäftigt.

Das Problem des DLV ist ein grundsätzliches: Wer kein Coming-out hatte, kann dafür auch nicht einstehen. Von keinem aktiven deutschen Profi-Leichtathleten ist bekannt, dass er oder sie homosexuell wäre. Der transsexuelle Hochspringer Balian Buschbaum hat seine Karriere beendet und von der ehemaligen Siebenkämpferin Sabine Braun ist bekannt, dass sie mit ihrer früheren Trainerin zusammen ist. Doch die aktuellen Leistungsträger scheinen sich zu verstecken.

Keine homosexuellen Athleten?

Der DLV-Präsident Prokop sagt, ihm sei kein Fall bekannt, in dem ein Athlet seine sexuelle Neigung aus Angst verborgen habe. "Entweder haben wir momentan niemanden, der eine solche Ausrichtung hat oder er will es aus irgendwelchen Gründen nicht öffentlich machen", sagt er. Seine Athleten seien mündig und hätten nie der Hilfe des Verbandes bedurft.

Dass es keinen homosexuellen Leichtathleten gibt, ist jedoch schwer vorstellbar. Marcus Urban schätzt, dass Homosexualität in der Leichtathletik sehr verbreitet ist. "Unter Schwulen und Lesben gibt es einen Körperkult. Leichtathleten bedienen eine gewisse Körperästhetik", sagt er. Ein befreundeter Journalist habe auf eine Geschichte sehr viel Rückmeldung von Homosexuellen aus der Leichtathletik erhalten. Deren Bilder finde man im Internet – mit heterosexuellen Partnern.

Woher aber auch sollen homosexuelle Sportler wissen, wie Bekannte, Fans und Öffentlichkeit auf ihr Coming Out reagieren, wenn es niemanden gibt, an dem sie sich orientieren können? Homosexuelle Sportler brauchen eine Anlaufstelle. Hier ist nicht nur der DLV gefragt. Die Sportverbände müssen ihre Egal-Haltung ablegen und mit der Aufklärungsarbeit beginnen. Wie es zum Beispiel der DFB vorsichtig versucht. "Die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, ist in allen Sportarten wichtig", sagt Marcus Urban.

Denn eine Sportgroßveranstaltung wie die Leichtathletik-WM ist eigentlich die ideale Bühne, um als Sportler für Toleranz zu werben – und zu zeigen, dass man rückschrittliche Gesetze nicht akzeptieren wird.

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Leserkommentare
  1. artikel zu diesem thema, bitte!

    Bleiben Sie dran!

    5 Leserempfehlungen
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    ...muss Mann/Frau nicht homosexuell sein!

    Die Athleten können auch sagen:"Ich habe schwul-lesbische Freunde und das ist gut so!"

    Das wäre nicht nur ein Zeichen, es wären auch Proteste gegen dieses ungemein menschenverachtende Gesetz gegen Homosexualität!

    Als ich Anfang Juli in Köln beim Christopher Street Day war, gab es eine ausgelassene Stimmung, Fröhlichkeit, Unbeschwertheit und dennoch eine gewisse Ernsthaftigkeit, weil ein CSD auch immer Protest bedeutet!

    Zu wissen, dass Schwule und Lesben in Russland genau S O nicht demonstrieren dürfen, machte mich hin und wieder sehr traurig. Was müssen die Gays dort für eine Angst haben??? So möchte ich nicht leben und ich möchte auch nicht, dass Irgendjemand auf dieser Welt irgendwo S O leben muss!!!! Deshalb bin ich für Protest!

  2. 3. [...]

    Entfernt, da diskriminierend. Die Redaktion/fk.

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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

  3. Russland strafbar machen, wenn sie in einem Gespräch, bei dem zufällig Kinder oder Jugendliche anwesend sind, oder in einem Interview oder in sozialen Medien sich positiv bis neutral über Homosexuelle äußern. Man kann sich leicht verplappern, und selbst neutrale Äußerungen können als Propaganda für Homosexualität gewertet werden. Eigentlich ist es unverantwortlich in so einem Land eine internationale Sportveranstaltung durchzuführen. Da braucht ja nur ein Sportler zu twittern, dass sein Bruder oder sein bester Freund homosexuell ist, und schon kann man das als strafbares Delikt verfolgen.

    9 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Entfernt. Wenn Sie hier nur Kommentieren, um die Sexualität anderer Menschen herabzuwürdigen, unterlassen Sie bitte das Verfassen von Kommentaren. Die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
  5. 6. Schade

    Schade,ich hatte gehofft,dass der eine oder andere Sportler dabei ist,der Mut beweist...ein schlichtes,kleines Regenbogenlogo,oder ein kleiner Schriftzug "Gay Pride" würden ja schon reichen,um mal den Ernstfall zu provozieren.

    2 Leserempfehlungen
  6. Es gibt kein Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland. Warum ist es so wichtig, Kindern Homosexualität näherbringen zu müssen, warum sollten Athleten überhaupt mit ihren sexuellen Vorlieben "hausieren" gehen, was hat Sexualität, welcher Spielart auch immer, überhaupt in der Öffentlichkeit zu suchen?

    6 Leserempfehlungen
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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde wegen diffamierende Äußerungen entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

    Es geht nicht darum, dass sich Hetero- oder Homosexuelle in der Öffentlichkeit begatten. Es geht schon allein um das öffentliche Bekenntnis zur eigenen Sexualität.

    Genauso wie sich jeder heterosexuelle Mensch mit seinem Partner in der Öffentlichkeit zeigen darf -- "Darf ich ihnen meine Frau vorstellen ..." -- sollte es auch jeder homosexuelle Mensch dürfen. Auf diese Art "offen" gelebte "Sexualität" ist Homosexuellen in Russland aber verboten. Sie riskierten damit sogar Leib und Leben.

    Und es gibt somit ganz klar ein Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland.

    Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    • dth
    • 09. August 2013 21:37 Uhr

    Natürlich gibt es das. Die sexuelle Orientierung ist nichts, was man sich aussucht und sexuelle Aufklärung ist für Kidnder/Jugendliche wichtig. Homosexuelle Jugendliche haben demnach in Russland keine Möglichkeit, an objektive Informationen über ihre Neigung zu gelangen, sich mit Erwachsenen darüber in einer für sie förderlichen Weise auszutauschen und eine positive Einstellung zu ihrer Sexualität zu entwickeln.
    Damit werden homosexuelle und insbesondere minderjährige Homosexuelle natürlich massiv diskriminiert. Diese Art der Diskriminierung ist besonders hinterhältig, da man sich darauf herausredet, homosexualität ja nicht zu verbieten, sie aber gleichzeitig stigmatisiert und einen normalen, gesellschaftlichen Umgang damit zuverlässig verhindert.
    Wer das nicht erkennt, muss wohl einfach zu kurzsichtig dafür sein, oder selbst Hass und Ablehnung gegenüber Homosexuellen empfinden. Wenn man letzteres tut, sollte man doch aber bitte dazu stehen, und nicht zu feige sein, es klar zu sagen.

    So wie aktuell in Russland, so fing auch das Dritte Reich an: Diskrimminierung einer Gruppe anhand eines für die Gesamtheit unschädlichen Wesensmerkmales, dass für diese Gruppe aber unabdingbar ist. Es ist die Beschneidung eines Grundrechtes. Typischerweise sieht man in Russland dumpfe Rechtsnationale auf den Zug aufspringen. Insofern ist Russland auf einem schrecklichen Weg.

    • hsamuel
    • 09. August 2013 18:28 Uhr

    berichten sie auch über andere Minderheiten in Russland ausser nur Schwule und Pussy Riots. Im Kaukasus oder in Sibirien leben Minderheiten unter dem Joch Putins.

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    Meinen sie die Minderheiten, die nach einem islamisch-fundamentalistischen Kalifatstaat streben?

    hsamuel hat in seinem Beitrag von Minderheiten gesprochen, nicht nur von einer Einzigen. Auch ging es hier nicht nur um den Kaukasus. Es gibt in Russland sehr, sehr viele Minderheiten, denn Russland ist nunmal ein Vielvölkerstaat. Da muss man nicht mal bis Sibierien schauen. Schon auf unserer Seite des Urals leben zahlreiche finnougrische Völker, jenseits dann urlaische Völker und im Süden Turkvölker, um nur ein paar große Gruppierungen aufzuzählen.
    Alle haben damit zu kämpfen, dass sie eine Minderheit sind und dass sie angefeindet werden. Nun möge man sich vorstellen, wie es einem Homosexuellen ergeht, der auch noch einer Minderheit angehört.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Moskau | Clemens Prokop | DLV | Homosexualität | Leichtathletik-WM | Protest
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