BRD-SportgeschichteDoping-Forschung am Penis

Erektionskurven, Phallografien, Volumenschwankungen im Geschlechtsorgan. Ein Professor maß, wie Sportlerpenisse auf Pornofilme reagierten – damit die BRD Gold gewann. von 

Man kann den Politikern der alten BRD nicht vorwerfen, dass sie ihre Athleten im Kampf um olympisches Gold hängen ließen. Auch westdeutsche Sportärzte zeigten im Labor wenig Berührungsängste. Wie das Spiel funktionierte, legen Berliner Historiker in einer aktuellen Studie dar. Was dort über Doping im Westen steht, hat die Titelseiten der vergangenen Wochen gefüllt.

Über das aufregendste Experiment war bislang wenig zu lesen. Auf Seite 293 ff. ist das "Porno-Projekt" beschrieben, es sollte die psychosexuellen Nebenwirkungen von Anabolika auf den Mann testen. Wer das Zeug schluckt oder gespritzt bekommt, wie in Zeiten des Kalten Kriegs üblich, wird möglicherweise nicht nur krank, sondern auch zwischenmenschlich aktiver. Man konnte damals nur mutmaßen.

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Professor Nöcker aus Leverkusen wollte Fakten. Er stellte anabolikabehandelte Sportler vor eine große Leinwand und setzte sie "visuell wahrgenommenen sexuellen Reizen" aus, wie er im Forschungsantrag schrieb. Er zeigte seinen Hammerwerfern und Kugelstoßern also Pornos, denn mit dem Schulmädchenreport wird es womöglich nicht getan gewesen sein.

Bezahlt hat das Projekt das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), eine Behörde des Innenministeriums. Die "Videorekordanlage mit Zubehör" beispielsweise kostete 14.000 Mark. Die Beschaffung von Filmen schlug mit 500 zu Buche – wir befanden uns in der Prä-Youporn-Epoche. Bevor jetzt wieder wer über den Umgang mit Steuergeld meckert: Letzter Posten konnte gespart werden, die Beamten der Asservatenkammer des Landeskriminalamtes Düsseldorf halfen mit einer Leihgabe aus.

Die Versuchsanordnung liest sich aufschreiwürdig: Der Professor befestigte die Penisse der Sportler an einem Phallometer. Wie dieses Ding aussah, darüber schweigt die Forschung. Nur so viel: Der Phallometer, geordert beim Max-Planck-Institut in München, war ein "ösenartiges Instrument". Genauer will man es eigentlich auch nicht wissen.

Oliver Fritsch
Oliver Fritsch

Oliver Fritsch ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Während des halbstündigen Tests berechnete der Phallometer (Meter im Sinne von métron, griechisch für Werkzeug zum Messen, nicht im Sinne der gleichnamigen Längeneinheit, Anm. d. Red.) die "Volumenschwankungen des Geschlechtsorgans" mithilfe eines "Meßwertaufnehmers, der den Penisumfang und die Penishärte" in Anstiegswinkeln, Abstiegswinkeln und -geschwindigkeiten protokollierte. Das ist bedeutend mehr, als ein handelsübliches Geodreieck zu leisten imstande gewesen wäre. Zudem konnten die Versuchspersonen ihre Erektionskurve ständig an einem Monitor verfolgen, um sich an ihrer Erregung zu erregen. Biofeedback nennt man das.

Dass die Phallografie eine "verlässliche Indikation der sexuellen Objektpräferenz" erzeugte, hatten die deutschen Ärzte von einem tschechischen Wissenschaftler erfahren, der sie in den Fünfzigern erfunden hatte. Er wollte Wehrpflichtige, die sich als schwul ausgaben, um sich vor dem Militärdienst zu drücken, "der Heterosexualität überführen", wie die Berliner Forscher schreiben.

Was sich bei den deutschen Athleten rührte, lässt sich nicht sagen. Die Ergebnisse aus Leverkusen wurden nie veröffentlicht. Eine Publikation wäre zu einer haarigen Angelegenheit für das BISp geworden, denn Sexfilme waren in den Siebzigern verboten. In seinem Abschlussbericht stöhnte Professor Nöcker über "sehr ungünstige Bedingungen", das Projekt habe er "außerhalb seiner Dienstzeiten" durchgeführt, er vermisse, schrieb er, "signifikante Penisreaktionen". Zeilen eines sehr enttäuschten Mannes.

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Leserkommentare
  1. Die Erektionsstärken von Sportler der DDR in den 70-er Jahren interessieren die Aktivisten gegen Putin Anti-Homosexuellen-Gesetze im Rahmen der WM 2013 der Leichtathletik sicherlich brennend.

    Es ist offenbar die grösste Gruppe von Zeit-online-Lesern. so wie sich um deren spezifisches Informationsbedürfnis hier gekümmert wird.

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mal

    Die Relevanz dieses Artikels schöpft sich (neben der Komik) aus der Tatsache, dass es sich um westdeutsche Vorgänge handelt. Bitte erst lesen, dann kritisieren!

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/jk

  2. bei denen ich mich schon frag, ob für das durchführende Personal wirklich der wissenschaftliche Mehrwert im Vordergrund stand...

    6 Leserempfehlungen
  3. Selten so gelacht beim ZEITlesen. Danke an Oliver Fritsch und bitte mehr davon!
    Wie sagt man so schön in der Youporn-ära:

    You made my day!

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  4. wollte vielleicht nur vermeiden, trotz hochgeschlagenem Kragen und tief in's Gesicht gezogener Mütze beim Gang in's Pornokino ertappt zu werden...

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  5. Redaktion

    Tja, Forscherpech. Nicht jede Hypothese lässt sich erhärten.

    15 Leserempfehlungen
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    ... keine weiteren Sprüche bitte, ich kann sonst vor Gackern nicht weiterarbeiten. Sehr lustig.

    • jokus1
    • 20. August 2013 20:18 Uhr

    Ja, Ihr lieben jungen Leute, da waren wir in den frühen 70-ern schon mal weiter: dort wurden Pornofilme von der Zeitschrift "Screw" (sic.) mit dem sogenannten Peter-Meter bewertet - von "totally limp" bis "full erect". Diese Maßeinheit ging mit der neuen Prüderie leider wieder verloren - und wahrscheinlich an den Forschern vorher schon vorbei ;-)

  6. Es soll sogar Penisse geben, da hängen Redakteure dran und die reagieren meist äußerst empfindlich auf Ironie.

  7. ... keine weiteren Sprüche bitte, ich kann sonst vor Gackern nicht weiterarbeiten. Sehr lustig.

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    Antwort auf "Forscherpech"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Doping | Geschlechtsorgan | Sportler | Leverkusen
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