Bruno Grandi sprach sehr harte Worte. Die Rhythmische Sportgymnastik sei degeneriert, unglaubwürdig, irregulär. Sie sei ein "Kochtopf voller Lügen". Und das kurz vor der Weltmeisterschaft, die von Mittwoch bis Sonntag in Kiew stattfindet.

Dabei ist der 79-jährige Italiener Grandi ein Freund des Sports, in dem Athletinnen wie Federn springen und schweben, grazil wie Prinzessinnen in der Spieldose Pirouetten drehen und elegante Körperwellen einleiten. Grandi ist nämlich Präsident des Weltturnverbands (FIG) und damit höchster Funktionär der Gymnastik. 

Wenn die Sportlerinnen mit den fünf Geräten Band, Seil, Ball, Keule oder Reifen hantieren, sie balancieren, jonglieren, hoch in die Luft werfen und nach etlichen Drehungen fangen, erkennt man, welch wunderschöner Sport die Rhythmische Sportgymnastik ist. Doch hinter den Kulissen hat sie ein Problem: die Kampfrichterinnen und ihre Urteile.

Zu seiner Erkenntnis gelangte Grandi nach einer Untersuchung mehrerer Kampfrichterlehrgänge des Jahres 2012. Das Ergebnis war erschütternd: In großem Maßstab wurden Prüfungen manipuliert, die Prüflinge mussten die Ergebnisse vorher gekannt haben. 

Hier war offenbar ein Netz aus Freundinnen am Werk, das über Jahre aufgebaut worden war und sich zum Ziel gesetzt hatte, die Ergebnisse von Wettkämpfen abzusprechen. In drei Jahren sind die Olympischen Spiele in Rio. Wer die Medaillen gewinnt, sollte wohl schon heute festgelegt werden.

Gold für Samaranch

Grandi hat durchgegriffen. Ende Juli hat er sechs von sieben Mitgliedern des Technischen Komitees aus den USA, Bulgarien, Ägypten, Italien, Japan und Russland suspendiert. Der ehemaligen Präsidentin des Komitees, der Polin Maria Szyszkowska, erkannte er die Ehrenmitgliedschaft in Gold ab. Und sechsundfünfzig Kampfrichter und Kampfrichterinnen müssen nun ihre Prüfungen wiederholen.

Dass schon mal getrickst wird, ist ein offenes Geheimnis in der Szene. Vor den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta soll so gut wie festgestanden haben, dass Spanien die Teamwertung gewinnen werde. Der Grund: Der damalige Olympia-Präsident Juan Antonio Samaranch war Spanier und die Gymnastik kämpfte darum, dass die Teamdisziplin, damals erstmalig im Programm, olympisch bleibt. Spanien gewann, die Teamdisziplin blieb olympisch. 

Was Grandi aufgedeckt hat, hat aber eine neue Qualität. "Es gibt keine Rechtmäßigkeit der Bewertungen und bis es diese nicht gibt, wird der Sport weiter verfallen", sagte er dem Fachmagazin Leon. "Solche Fälle sind fatal für unseren Sport, dahinter stecken kriminelle Tendenzen", sagt Wolfgang Willam, der Sportdirektor des Deutschen Turner-Bundes.

Die Rhythmische Sportgymnastik ist anfällig für Mauschelei, das liegt in ihrer Natur. Es ist eine kompositorische Sportart, sie lebt wie etwa der Eistanz von einem hohen künstlerischen Anteil. Die Wertung ist in D (Difficulty, Schwierigkeit) und E (Expression, Ausdruck) zweigeteilt.

Der D-Note liegt ein objektiver Schwierigkeitsgrad der Übung zu Grunde. Macht die Athletin zwei oder drei Rollen? Fängt sie die Keulen in einer Hand oder in zweien, vor oder hinter dem Rücken? Wie lange hält sie die Standwaage? Steht sie die Seithalte ohne überflüssige Beugung? Die E-Note hingegen bewertet die Kunst der Darbietung, also Choreographie, Ausdruck, Tanz und Musik. Das ist nicht völlig willkürlich, aber immer subjektiv.