Franck Ribéry, Flügelstürmer des FC Bayern München © Christof Stache/AFP/Getty Images

Wuchtet ein Mitspieler den Ball unkontrolliert auf den Flügel, lässt Franck Ribéry es so aussehen, als käme der Pass punktgenau. Oft bringt er den Ball mit einer Berührung zum Stillstand und verharrt kurz, als wollte er seinen Gegnern Gelegenheit bieten, sich zu orientieren, bevor er beschleunigt und ihnen entwischt. Die Außenverteidiger der Liga schauen regelmäßig drein, als wären sie überfallen und ausgeraubt worden, wenn Ribéry an ihnen vorbeigezogen ist.

Dieses Talent könnte dem 30-jährigen Franzosen und Flügelstürmer des FC Bayern nun einen weiteren Titel einbringen: Neben Cristiano Ronaldo und Lionel Messi steht er am heutigen Donnerstag zur Wahl zu Europas Fußballer des Jahres.

Ronaldo und Messi sind standardmäßig nominiert. Messi wurde mit 46 Treffern Torschützenkönig in Spanien. Ronaldo erzielte in 34 Ligaspielen 34 Tore, in 12 Champions-League-Spielen 12 Tore und in 7 Pokalspielen 7 Tore. Das sind Zahlen von Maschinen und Solisten.

Ribéry ist hingegen Teil einer flachen Hierarchie gewesen, ein Rädchen einer Mannschaft, die jede andere besiegt hat. Unter all den herausragenden Spielern ist er wahrscheinlich der herausragendste gewesen. Es kommt nicht von ungefähr, dass Ribéry die bevorstehende Wahl im Plural kommentiert: "Wir haben alles gewonnen, warum nicht auch diesen Titel?"

An jedem Wochenende ein grandioser Auftritt

Die Champions League war der wichtigste Titel, den der FC Bayern gewonnen hat. Als Ribéry sich im Finale von Wembley kurz vor Schluss wieder etwas Geniales einfallen ließ und den entscheidenden Pass auf Arjen Robben spielte, werden ihn die 53 stimmberechtigten Journalisten aus den 53 Uefa-Nationen beobachtet haben. Aber wie sehr kennen sie ihn aus dem Alltag der Bundesliga?

Videomitschnitte oder die blanke Statistik genügen jedenfalls nicht, um seine allsamstägliche Perfektion zu begreifen. Der kicker benotete seine Ligaspiele in der vergangenen Saison mit 2,1. Das mag vielleicht nicht überragend klingen. Aber es ist die mit Abstand beste Wertung, die es seit 1995 gegeben hat. Die Zahl lässt auf einen Künstler schließen, der das von Herzen macht, wozu sich andere Spieler seines Kalibers aufraffen müssen: Ribéry spielt auch gegen Augsburg, Fürth und Hamburg mit kindlicher Begeisterung.

Ribéry bekam in seiner Karriere viele Namen verpasst: Er ist Tempodribbler, Straßenfußballer, Rebell, Filou, der Gutherzige. Aber nie war Ribéry so gut wie heute. Es war ein langer Weg.

Noch vor einem Jahrzehnt lebte er ein ganz anderes Leben

Er wuchs in Boulogne-sur-Mer auf, einer verarmten Arbeiterstadt im Norden Frankreichs. Mit zwei Jahren prallte er bei einem Autounfall gegen die Windschutzscheibe, sein Gesicht wurde entstellt. Jahrelang wurde er deshalb gehänselt, er ließ sich provozieren, geriet in Raufereien und zettelte irgendwann selbst welche an. Die Noten, die ihm seine Lehrer gaben, waren nicht so gut wie die vom kicker.

Mit 16 Jahren flog er vom Internat des OSC Lille, bei seiner späteren Station in Metz wurde er schnell rausgeschmissen, weil er sich eine nächtliche Schlägerei leistete. Noch vor zehn Jahren arbeitete er als Bauarbeiter, der Titel als Europas Fußballer des Jahres in meilenweiter Ferne.