Der Rücken schmerzte, aber die Sache mit dem Hemd ließ sich Robert Harting natürlich nicht nehmen. Nach dem letzten Wurf, als ihm WM-Gold sicher war, riss Robert Harting seine Textilie mal wieder in zwei Hälften und brüllte dabei wie ein Berserker. Er kann das mittlerweile mindestens ebenso gut wie Diskuswerfen.

Mit der Titelverteidigung in Moskau ist Robert Harting endgültig zum Gesicht des deutschen Sports geworden. Harting ist amtierender Sportler des Jahres, vor Sebastian Vettel, vor allen anderen. In London wurde er Olympiasieger, als erster Leichtathlet seit zwölf Jahren, er saß bei Beckmann, Lanz und Raab, er bekam Post vom Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner ("Sie sind der Anti-Gel-Mann."). Eine Bank wirbt mit ihm, ein großes Möbelhaus und andere. Derzeit hängt sein Bild in vielen Straßen Berlins, darunter: "Ich will dich!", um die Leute zum großen Leichtathletik-Meeting im September zu locken. Robert Harting ist Diskuswerfer und ihn kennt jedes Kind, das hat vor ihm noch niemand geschafft.

Harting kann eine Metallscheibe etwas weiter wegwerfen als alle anderen. Aber das allein ist es nicht. Es gibt viele deutsche Olympiasieger von 2012, an die sich schon heute niemand mehr erinnert. "Die sportliche Leistung ist immer nur die Basis", sagt Harting. Darauf packt er Emotionen. Als er 2009 Weltmeister wurde, nahm er das Maskottchen Huckepack, nach seinem Olympiasieg versuchte er sich im Hürdenlauf, die deutsche Fahne um die Schultern geschwungen. Und immer wieder diese kaputten Hemden.

Mittlerweile ist er gefragt

Harting ist, was man so gerne einen Typen nennt. "Wenn mich was ankotzt, sage ich es", sagt er. Früher galt er als beschränkter Kraftkerl, der Doping freigeben lassen wollte und demonstrierenden Dopingopfern drohte, den Diskus an den Kopf zu werfen; aus Solidarität mit seinem Trainer Werner Goldmann, der in der DDR Sportler gedopt hatte. Harting war der Querkopf, der Unruhestifter, der Krawallo aus Cottbus, aufgewachsen im Stadtteil Sachsendorf, einem riesigen Plattenbaugebiet, zu viert in einer Dreiraumwohnung. Es gibt Geschichten von Schlägereien. Seine Karriere bei der Polizei soll an einem Eintrag im Führungszeugnis gescheitert sein. "Ich bin halt der Böse", sagte er mal, und gefiel sich damit.

Vor einer Woche bereitete er sich im Bundesleistungszentrum in Kienbaum auf die WM vor. Es war ein heißer Tag, der abwaschbare Aufkleber des Sponsoren, den sich Harting auf den linken Oberarm geklebt hatte, löste sich langsam auf. Schweiß tropfte auf die schweren Stahlscheiben, die er auf die Hantelstangen geschraubt waren. Bankdrücken, 150 Kilo, Harting ächzte, über ihn beugten sich die Fotografen und Kameramänner. Ein paar Meter entfernt trainierte ein Judoka, Olympiabronze, niemand beachtete ihn. Als Harting sein Hemd wechselte, kicherten zwei Reporterinnen, eine machte heimlich ein Foto. Medientraining nennt man das.

In der Mittagssonne musste Harting später Interviews für die TV-Teams geben. Er ist gefragt, mittlerweile, weil er was zu sagen hat. Und hat er nicht recht, wenn er aufs Fernsehen schimpft, weil es immer nur Fußball zeigt? Auf die Funktionäre, weil sie keine Bedingungen schaffen, in denen Sportler wie er ohne Existenzangst ihrer Berufung nachgehen können?     

Möchte Debatte über den Wert des Spitzensports

Harting ist Weltmeister, Europameister, Olympiasieger und seit Dienstagnachmittag schon wieder Weltmeister. Er weiß, dass man ihm jetzt zuhört. Und deshalb lehnt er sich nicht zurück, wie viele andere bekannte Sportler, lässt sich nicht von da nach da schieben, lässt sich nicht verkaufen als gelungenes Produkt deutscher Sportförderung, das eine Weile nett lächelt und irgendwann wieder verschwindet. Er macht den Mund auf. Und wenn er dabei auch zuerst an sich denkt, hilft er zwangsläufig auch vielen anderen.

Noch am Abend der Wahl zum Sportler des Jahres lästerte er über Thomas Bach, den Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Harting fordert einen Anti-Doping-Fonds, ein Sportministerium und zehn Jahre Sperre für Dopingsünder. Er möchte, dass auch im Westen die Namen von Dopingärzten, Funktionären und Trainern genannt werden. Usain Bolt nimmt er nicht ernst und schimpft auf die "reichen Sprinter" Gay und Powell, die gedopt haben. Und er wünscht sich, dass Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Kommittes (IOC) wird – aber nur, weil der dann nicht mehr DOSB-Chef sein kann

Macht sich über Olympiaprämie lustig

Sein Dauerthema ist das deutsche Sportförderungssystem, die Finanzierung von Spitzensport. Er möchte eine Debatte lostreten über den Wert des Spitzensports in diesem Land und machte sich öffentlich lustig, über die 15.000 Euro, die die Sporthilfe an einen Olympiasieger zahlt. Selbst Griechenland zahlt 140.000 Euro. "Im Vergleich zum Aufwand ist der Ertrag zu gering", sagt er. Selbst bei ihm.

Als der Kienbaumer TV-Marathon vorbei ist, kauert sich der 2,01-Meter-Mann in eine schattige Ecke. Wenn er über sich selbst reden muss, rutscht er unruhig hin und her. Wer ist denn nun der echte Robert Harting? Der Diskuswerfer, der Hürdenläufer, der Provokateur? Er sagt dann: "Ich bin keine Zirkusfigur. Man hat immer mehrere Identitäten, die mit hundert Prozent Elan und Authentizität bespielt werden."

Harting spricht leise und bedächtig, nicht wie ein einfältiges Kraftpaket. Wenn er Klartext redet, flüstert er fast. Er studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin. Nebenbei malt er, abstrakt. Vor Kurzem durfte er in einem Hotel in Berlin-Lichtenberg eine Suite einrichten, mit in Gips gegossenen Aussagen seiner Kritiker und absichtlich falsch verlegten Fliesen im Bad. "Die Kunst kam in letzter Zeit zu kurz", sagt er.

Robert Harting weiß, dass seine Zitate irgendwann nur noch die Hälfte wert sind. Vor allem, wenn er in Rio 2016 keine Medaille gewinnen wird. Er ist dann wohl nicht mehr gefragt genug, um Diskussionen auf seine Art anzustoßen. Trotzdem freut er sich auf die Zeit nach dem Sport. "Da werde ich zu einem neuen Charakter mutieren." Kunstpause. "Hoffentlich zu einem guten."