Champions LeagueSchalkes 20-Millionen-Spiel

Gegen Saloniki geht es für die hoch verschuldeten Schalker um eine Menge Geld – und darum, nicht schon zu Saisonbeginn in eine tiefe Depression zu verfallen. von Jörg Strohschein

Julian Draxler streckt sich für die Champions League.

Julian Draxler streckt sich für die Champions League.  |  © Sascha Steinbach/Bongarts/Getty Images

Hoffnungsfrohe Worte kursieren derzeit nicht gerade beim FC Schalke 04. Von Frustration, Niedergeschlagenheit oder Selbstkritik ist die Rede. Keine guten Voraussetzungen, um in eines der wichtigsten Saisonspiele zu gehen. Heute Abend trifft Schalke in der Qualifikation für die Champions League auf PAOK Saloniki (20.45 Uhr, live im ZDF und im Ticker von ZEIT ONLINE). Und in diesem Spiel geht es nicht nur um die rund 20 Millionen Euro, die ein Einzug in die Gruppenphase wohl garantieren würde.

"Mich interessiert das Geld überhaupt nicht. Wir müssen sehen, dass wir die sportliche Aufgabe lösen", sagt der Manager Horst Heldt. Es ist allerdings nur schwer zu glauben, dass diese großen Einnahmemöglichkeiten für den mit über 170 Millionen Euro verschuldeten Klub nur eine zweitrangige Rolle spielen sollen.

Anzeige

Doch geht es in den Begegnungen gegen die Griechen tatsächlich um mehr. Darum nämlich, sich wieder eine sportliche Reputation zu erarbeiten, die in den vergangenen drei Wochen verloren gegangen ist. Darum, dass sich nicht bereits zu Beginn der Spielzeit ein dunkler Schatten über die ganze Saison legt: Drei Pflichtspiele, davon eines im Pokalwettbewerb und zwei in der Bundesliga hat die Mannschaft von Trainer Jens Keller absolviert. In allen drei Begegnungen hat sie das Schulnotensystem lediglich in den Bereichen ausreichend bis ungenügend, wie bei der jüngsten 0:4-Niederlage beim VfL Wolfsburg, bedient.

Vom selbsternannten Titelkandidaten zum Mittelmaß

Das beunruhigende an diesen Spielen waren nicht nur die Ergebnisse. Die Schalker wirkten vor allem bei der Begegnung in Wolfsburg leidenschaftslos und erwiesen sich nicht als ebenbürtige Gegner für den VfL. "Es hat klare und deutliche Worte gegeben. Es ist schwer, wenn es zehn oder elf Spieler sind, die ihre Leistung nicht abrufen", sagt Keller.

Das chronisch aufgeregte Umfeld in Gelsenkirchen ist nach diesen desillusionierenden Auftritten zu Saisonbeginn bereits wieder in eine depressive Stimmung verfallen. Vom selbst ernannten Titelkandidaten, wie Mittelfeldspieler Jermaine Jones in der Vorbereitung mutig andeutete, zum Bundesligamittelmaß? Und es könnte schlimmer kommen: Bei Nichterreichen der Gruppenphase der Champions League würden die Diskussionen um den ohnehin umstrittenen Jens Keller nicht geringer werden. "Die Stimmungen hier sind in beide Richtungen extrem. Wir müssen aufpassen, dass wir die Untergangsszenarien nicht in den Verein hineintragen", sagt Heldt.

Auch der Manager selbst steht zunehmend unter Druck. Erstmals in seiner rund zweijährigen Amtszeit handelt es sich um einen von ihm zusammengestellter Kader, der sich als konkurrenzfähig erweisen und den hohen Ansprüchen in Gelsenkirchen genügen muss. Die vielen Spieler, die ihm der Extrainer-Manager Felix Magath hinterlassen hatte, hat Heldt mittlerweile mühsam verkauft. Das Team trägt nun seine Handschrift. Das verpflichtet. 

Jahrhunderttrainer Stevens kehrt zurück

Das Erreichen der nächsten Runde würde aber auch seinen finanziellen Spielraum erhöhen. Der 43-Jährige muss derzeit zwischen einem strikten Konsolidierungskurs und der Qualitätsvermehrung des Kaders hin und her jonglieren und seine Entscheidungen abwägen.

Dass die Schalker nun ausgerechnet auf die neue Mannschaft ihres Extrainers Huub Stevens treffen, die aufgrund der Disqualifikation von Metalist Charkow durch die Uefa in der vergangenen Woche wegen vermeintlicher Spielmanipulation nachgerückt ist, macht die Aufgabe nicht leichter. Und dies nicht allein, weil der Niederländer die Schalker Mannschaft noch bis ins kleinste Detail kennt. Vor allem ist der von den Fans vor einigen Jahren zum Jahrhunderttrainer gewählte Stevens noch immer sehr beliebt bei den Anhängern. Und dass diese keinen Hehl aus ihren Zuneigungen machen, war im Frühjahr erst beim Bundesliga-Gastspiel von Greuther Fürth in der Gelsenkirchener Arena zu erleben. Die Zuschauer feierten den Gästespieler und langjährigen Ex-Schalker Gerald Asamoah trotz der 1:2-Niederlage so ausgiebig, dass sich manch Vereinsverantwortlicher fragte, was er davon halten sollte.

Nicht zufällig weisen Keller und Heldt vor der Begegnung gegen PAOK Saloniki darauf hin, dass es in dieser Begegnung nicht gegen Stevens, sondern gegen den griechischen Traditionsklub geht. "Die Fans werden Huub Stevens freundlich empfangen, danach aber wie gewohnt uns anfeuern", sagt Heldt. Es hörte sich wie ein sehnlicher Wunsch an.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • malibu8
    • 21. August 2013 12:05 Uhr

    Also ich seh das jetzt wirklich als ein Proble, wenn die Schalkerspieler ihre Leistung nicht abrufen! Die Leistung ist praktisch da, aber wird einfach nicht angerufen. Wie bescheuert ist das denn? Kann den der Vereinsboss oder der Trainer nicht zu den Spielern gegen und sagen: " jetzt ruf gefaelligst deine Leistung ab! Was faellt dir eigentlich ein. Wir zahlen dir super viel Geld und du weigerst dich deine Leistung anzurufen."
    Ich versteh das nicht! Das muss doch zu machen sein!

  1. weiß keiner so genau zu sagen. wie in der letzten Saison, erst himmel hoch jauchzend, dann zu Tode betrübt. So was erlebt man in keinem anderen Verein so drastisch wie beim S04. Warum dies so ist? Wenn man das wüsste, wäre man. so glaube ich, einen wesentlichen Schritt weiter!

  2. "Auch der Manager selbst steht zunehmend unter Druck. Erstmals in seiner rund zweijährigen Amtszeit handelt es sich um einen von ihm zusammengestellter Kader, der sich als konkurrenzfähig erweisen und den hohen Ansprüchen in Gelsenkirchen genügen muss."
    "Und dies nicht allein, weil der Niederländer die Schalker Mannschaft noch bis ins kleinste Detail kennt."
    Also auf der einen Seite hat Heldt dieses Jahr eine neue Mannschaft aufgestellt, aber Stevens, kennt die Mannschaft noch bis ins kleinste Detail?
    Aber es passt halt beides gut, um negative Stimmung zuverbreiten.

    2 Leserempfehlungen
    • Radeba
    • 21. August 2013 17:03 Uhr

    Nur wenige haben es erwartet, das die 04 so bald eine Pruefung abschliesen muessen. Es geht hier um fast alles: das Geld, das Ego (Heldt gegen Stevens) und das Vertrauen. Ohne Huntelaar wird es schwer fuer Schalke sein, aber auf jeden Fall machbar. Die Genger sind docj kein Manchester United.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Werbung für eigene Seiten. Danke, die Redaktion/ls

  3. ... Führerscheinprüfung. Wenn man denn wirklich will, kommt man fast sicher durch. Durchfallen ist nicht nur schwer, sondern auch ungeheuer peinlich.

    "Kleine Gegner" gibt es sehr wohl. "Große Gegner" ebenfalls, und vom Viertplatzierten der Bundesliga darf man erwarten, ein solcher zu sein. Ungeachtet meiner sonstigen bayerischen Abneigung gegen Schalke als Verein an sich, die sich durchaus bestärkt, wenn ich mir anschaue, wer in den letzten Jahren die deutschen Plätze der Fünfjahreswertung er-spielt und wer sie wieder ver-spielt.

    greetz, BG

  4. ...eine "überragende erste Halbzeit".

    Grumpf!

    Das Bemühen eines Angestellten, seine Leistung mit allen Mitteln schön zu reden, ist ja durchaus verständlich. Dennoch erlaube ich mir als zahlender Fußballkonsument die Frage: "Wolle verarsche?"

    Derweil wage ich einfach mal die Behauptung, in der Vorstandsetage der Königsblauen dürfte man gerade darüber nachdenken, ob man Keller noch vor oder erst nach kommendem Dienstag feuert.

    Manchmal fallen Personalntscheidungen schneller, als Fußballer laufen können.

  5. ...die erste hälfte war gut, aber nicht überragend. erstaunlich, wie häufig auf der rechten schalker angriffsseite uchida und farfan frei standen, wieviel platz die hatten. erstaunlich, wie passiv die griechen über weite strecken der ersten halbzeit waren. da musst du irgendwann das zweite tor machen und der blau weisse anhang ist selig. noch erstaunlicher dann der auftritt der hausherren in der zweiten hälfte. was müssen die in der kabine geraucht haben ? der ausgleich ist dann häufig die logische konsequent für eine nichtleistung.
    warum es bei den schalkern nicht klappt ? konnte man in der zweiten hälfte gut beobachten, da ist keiner, der das heft in die hand nimmt. da sind einige (jones, höger, uchida, fuchs, matip und sogar auch ein höwedes) bei denen es eben für höheres einfach nicht reicht und reichen wird. die ein oder andere gute szene abzuliefern ist für 90 minuten einfach zu wenig.

    • bengel2
    • 22. August 2013 12:32 Uhr

    Ich würde mich freuen, wenn ZO den bizarren, gestrigen Polizeieinsatz in der Schalker Nordkurve zum Anlass nimmt, das Gebaren der Exekutive in der gerade erst startenden Saison mal ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

    Bereits am Sonntag gab es verstörende, da unverhältnismäßige Polizeiaktionen in Dortmund. Die massive, von intensivem Pfefferspraygebrauch begleitete Invasion der Ordnungshüter (?) gestern abend in Gelsenkirchen toppte diese jedoch noch einmal deutlich. Das Internet beitet reichlich Videos, Fotos, Berichte, Kommentare dazu. Hinzu gesellen sich einigermaßen rätselhafte Presseerklärungen der Polizei. Man muss das hier wohl nicht noch einmal verlinken.

    Was ist los bei der Polizei? Hat sich nur die NRW-Polizei eine neue law-and-order-Politik auf die Fahnen geschrieben, oder dürfen wir am Wochenende auch beim Südduell Bayern vs. Club Ähnliches erwarten. Wenn ja, was verspricht man sich von dieser irritierenden Einschüchterungstaktik, die ganz unliebsame Assoziationen aufkommen lässt? Wer ist der geistige Vater? Wer trägt die Verantwortung?

    PS: Auf eine Stellungnahme des meist sehr auskunftfreudigen Herrn Wendt würde ich übrigens gerne verzichten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Horst Heldt | Bundesliga | Fußball | FC Schalke 04 | Felix Magath | VfL Wolfsburg
Service