Ein Sportschütze mit einer Bock-Doppelflinte © Patrick Pleul/picture alliance/dpa

Viel zu sehen gibt es nicht in der Luftgewehrhalle in München-Garching. Die Mädchen, die in der "Jugendklasse weiblich" um die Deutsche Meisterschaft schießen, stehen in schwerer Schießkleidung in einer Reihe, jede ist mit ihrer Zielscheibe allein. Ein neugieriger Blick in ihre Gesichter verbietet sich, man stünde in der Schusslinie. Die Zuschauer wirken mit ihren verschränkten Armen wie Wartende am Bahnhof.  Auf Monitoren können sie die Ergebnisse verfolgen, doch viele plaudern lieber miteinander. Es sind vor allem Mütter, Väter, Freundinnen und Freunde. Ab und zu gibt es irgendwo in der großen Halle ein kurzes Klatschen – wenn eine der ihren getroffen hat.

 

Auf der Olympia-Schießanlage werden in diesen Tagen die Deutschen Meisterschaften im Sportschießen ausgetragen. Am Eingang weht Bockwurstduft. Hinter dem Bierzelt und den Vereinsständen liegen die Gewehrhalle, die Pistolenhalle, die Luftgewehrhalle und die Hallen für die Laufende Scheibe sowie die Anlagen für Trap und Skeet, den Fachbegriffen für Tontaubenschießen. Auf dem angrenzenden Campingplatz residieren Sportler und Fans. Es gibt viele kurzärmlige Hemden und Schnäuzer. Alles erinnert an ein Volksfest oder ein Festival – nur ohne Musik. Alles ist, ehrlich gesagt, ziemlich langweilig.

Schießen ist wie Seiltanz

Was reizt also die Schützen am Schießen? Die Frage geht an drei Sportler, die sich im echten Leben wohl nicht kennenlernen würden. Die zierliche Laureen, 23 Jahre alt, Studentin und Wurftaubenschützin, die gerade im Café sitzt. Jochen, 44 Jahre, Destillateur, wuchtige Statur, kariertes Hemd, der mit Frau und kleinem Kind und Wohnmobil angereist ist. Und Nikolas, 35, Ingenieur, der mit längerem Haar und Lederjacke eher wie ein Rocker aussieht, in seinem Koffer aber keine Gitarre, sondern eine Pistole dabei hat.

Laureen meint, ihr Sport sei wie Autorennen am Computer, für Niklas ähnelt er Schach, was Jochen verneint. Beim Schießen brauche es schließlich Körperspannung. Wie bei einem Seiltänzer etwa. Er vergleicht den Sport auch mit Billard oder Darts. Aber was ist jetzt der Kern? Alle drei antworten: "Konzentration".

Wenn Laureen auf Wettkämpfe fährt, bleibt ihr Handy den ganzen Tag ausgeschaltet im Auto liegen, ihre Freunde kennen das schon. Beim Training könne jeder sein selbstgestecktes Ziel von soundsoviel Treffern pro Runde erreichen. Für Wettkämpfe gilt das nicht: "Das auch unter Druck zu schaffen – da trennt sich die Spreu vom Weizen." Es geht um die Disziplin, die immergleichen Abläufe auszuführen – auch dann noch, wenn alle zuschauen. Oder wenn etwas stört, eine vorbeifliegende Biene zum Beispiel. Es heißt, etwa tausend Schüsse muss ein Sportschütze im Jahr absolvieren, wenn er sein Niveau halten will.

Wenn Nikolas nach der Faszination seines Sports gefragt wird, redet er davon, dass das Schwarze einen Durchmesser von fünf Millimetern hat und der Schütze aus 50 Metern Entfernung treffen muss – eigentlich undenkbar, findet er. Aber mit Disziplin geht es. "Es ist bemerkenswert, wie leistungsfähig da der menschliche Geist ist", sagt er, irgendwie landet er sogar beim Thema Autogenes Training. Für Jochen ist es Körperbeherrschung, das Immergleiche zu schaffen: "Abschalten, das lernt man beim Schießen, das ist ein ganz großes Plus auch im Alltag."