Handstand auf dem Schulpult © getty

Ich wollte Kerstin den Sieg schenken
Heute sage und schreibe ich oft, dass Gewinnen für Kinder im Sport nicht wichtig sein sollte. Aus pädagogischen Gründen. Wenn ich das mit meinem prägendsten Erlebnis im Sportunterricht abgleiche, muss ich das als Heuchelei entlarven. Ich war 12 Jahre, wir spielten zum Jahresabschluss mit der 6a Fußball gegen die Parallelklasse, Mädchen und Jungs gemischt. 0:2 lagen wir zurück, 2:2 Ausgleich, der Treffer zur 2:3-Niederlage fiel kurz vor Schluss. Unser Torwart hatte einen kurzen Moment nicht aufgepasst. In der anderen Klasse waren die Jungs aus dem Nachbardorf, ich spürte zum ersten Mal so was wie Rivalität. Dazu noch Kerstin, der ich den Sieg schenken wollte. Vergeben, verloren. Keine Niederlage in meinem Fußballerleben schmerzte mehr. Am selben Tag gingen wir in die Sommerferien. Als wäre es gestern, erinnere ich mich an das traurige Lied, das wir damals sangen: "Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr."
Von Oliver Fritsch

Der Rudolf  arbeitete gerne mit Versuchsobjekten
Stufenbarren stand auf dem Plan. Herr Rudolf wollte uns beibringen, wie man bäuchlings über dem oberen Holm hängt und sich dann mit einer hohen Wende über den unteren Holm auf die Matte stürzt – im Idealfall ein eleganter Abgang. Da er gleichzeitig Biologie-Lehrer war, arbeitete er gerne mit Versuchsobjekten. Im Moment war das Kiki. Sie hing wie ein feuchtes Handtuch hoch über unseren Köpfen über dem Holm. Während wir langen Erklärungen über Körperspannung und gestreckte Gliedmaßen zuzuhören hatten, drückte der Barren in ihren Bauch. Der Rudolf wurde unserer Feixerei überdrüssig, und mit einem Pfiff aus der Trillerpfeife sorgte er schließlich für Ruhe. Genau in diesem Moment entledigte sich Kikis Darm seiner unnötigen Luft. Zwei Sportstunden später entschied der Rudolf, dass wir auch ohne "Furz-Wende" durchs Leben kommen würden.
Von Wenke Husmann

Entblöße dich, kleide dich, schreite zur Halle
Die Umkleidekabine ist ein Ort der Disziplin, der das Verhalten taktet: Entblöße dich, kleide dich, schreite zur Halle. Meine Mitschüler und ich stürmten diesen Ort. Wir erfüllten ihn mit Hass und einer Rebellion gegen das, was uns vorschrieb: vorhin Mathe, jetzt Sport, gleich Englisch. Die Kabine sollte zerbersten. Wir, die Meute, schlugen gegen die Türen, drehten die Duschen auf, beschmierten die Wände, traten die Mülleimer um. Wir schrien, ächzten und rissen an den Garderoben und Bänken, die auf dem Steinboden montiert waren. Es klang, als würden Schweine geschlachtet. "Ey, seid ihr jetzt völlig irre!?", brüllte der Lehrer, der uns bis in die Halle gehört haben muss. Dann war für einen Moment Stille.
Von Sören Maunz

Frau P. massierte die Oberschenkel ihrer Mädels
Ich habe ein Mädchengymnasium besucht. Meine Sportlehrerin Frau P. war einen Kopf kleiner als die meisten Schülerinnen, aber lauter als alle 30 Mädchen zusammen. Sie war ein tanzender Drill Instructor. Wir mussten mit ihr im Badeanzug bei Regen vor dem Kraulen zum Aufwärmen durchs Schwimmbad joggen, bis wir mit Krämpfen am Boden lagen. Für Frau P. war das normale Härte. Sie massierte die Oberschenkel ihrer Mädels, dann ging es weiter. Bis hin zur rhythmischen Sportgymnastik. Ball, Bänder, Reifen, es gibt nichts, was wir nicht geschwungen, geworfen und vor allem fallen gelassen hätten. Frau P. konnte es zwar vorturnen, aber mir fehlte die Grazie, es halbwegs originalgetreu zu imitieren. Und das, obwohl mir meine Mutter schon mit vier Jahren Ballettunterricht verordnet hatte. Es reichte in rhythmischer Sportgymnastik immer nur für eine 3. Das war demotivierend, anstrengend war es aber nicht.
Von Victoria Reith

Schule fürs Leben
Unser Oberstufen-Sportlehrer redete nicht viel, trug immer einen glänzenden Trainingsanzug und ließ fast immer Fußball spielen. Laut irgendeiner Regel musste er aber auch Theorie lehren und Klausuren schreiben lassen. Ich habe den Verdacht, er bekam genau mit, dass die halbe Klasse dabei betrog. Er sah diese kleinen bedruckten Spickzettel, schaute weg und gab gute Noten. Mich hat das gefreut, Religion unterrichte er auch. Ein paar Jahre später habe ich über meine Wissenslücken nachgedacht. Inzwischen glaube ich, dass das die Schule fürs Leben war. Wissen heißt wissen, wo es steht.   
Von Steffen Dobbert

Doppelter Hüftaufschwung
Ich war Turnerin im Sportverein. Boden, Sprung, Barren – das ganze Programm. Einen Flickflack habe ich zwar nur mit Hilfe hinbekommen, aber immerhin, ich durfte einmal im Jahr zu den Bayerischen Gau-Turnmeisterschaften, auch wenn ich immer zu den Letzten gehörte. Angesehen hat man mir meine Sportkarriere nicht. Zu groß, nicht dünn genug, keine Turnerfigur. Deswegen stellte sich mein Sportlehrer in der 4. Klasse neben das Reck, als wir Hüftaufschwung üben sollten. Er dachte wohl, ich käme nicht alleine mit den Füßen von unten auf die Stange. Kam ich aber – und machte gleich noch einen Umschwung und einen Unterschwung dazu. Gefolgt von einem höflichen Knicks und einem breiten Grinsen.
Von Steffi Dobmeier

"Der Größe nach angetreten"
Sportlehrer, auch Sportlehrerinnen, waren zu meiner Schulzeit eher so gefürchtet. Nicht, weil sie so viel forderten und das Herumrennen und Hüftaufschwingen so anstrengend war. Vielmehr aufgrund ihrer etwas rüden Disziplinarmethoden. Dass, wer träumte, schnell mal einen Medizinball an den Kopf bekam, galt an unserer Schule als freundlich-lustige Aufforderung zu mehr Mitarbeit. Schließlich gab es härtere Erziehungsmaßnahmen. Minutenlang mit gebeugten Knien verharren zu müssen zum Beispiel, "Arme in Vorhalte", versteht sich. Geflüsterte Gespräche in der "Der-Größe-nach-angetreten"-Reihe endeten gern damit, dass Sportlehrer Müller die Köpfe der Kontrahenten hör- und fühlbar zusammenhaute. Und wenn er jemanden gar nicht mochte, dann holte er ihn bei den Judoübungen als Demonstrationsobjekt für neue Würfe vor, oder fegte den turnenden Delinquenten auch schon mal mit lässigem Schubs vom Barren.
Heute wäre das alles Körperverletzung im Amt oder so. Damals nahmen wir es als Übel hin, das es klaglos zu überstehen galt. Nach meiner Wahrnehmung hat Steven Pinker durchaus recht mit der Theorie, dass die Gewalt in der Gesellschaft abnimmt. Glücklicherweise.
Von Kai Biermann

Ich hätte zu den Cheerleadern gehen müssen
Als Austauschschülerin konnte ich an der amerikanischen Highschool Sport abwählen. Nie wieder Bundesjugendspiele oder mit Seitenstechen um den Weiher laufen. Dass damit jede Chance, popular zu werden, vertan war, war mir egal. Ich wollte Schreibmaschine schreiben und aß viele Erdnussbutter-Marmeladen-Toasts und Glibbernachtische. Als Gegengift Fahrrad zu fahren oder spazieren zu gehen, war in einem amerikanischen small town natürlich unmöglich, wenn man sich nicht vollends zum Obst machen wollte. Also doch Schulsport, zum ersten Mal freiwillig. Softball, Tennis, Volleyball, jeweils ein paar Wochen lang jeden Tag. Es war grauenvoll. Bis eine "exotische europäische" Sportart dran war: ping-pong. Tischtennis hatte ich immer gespielt, ganz ohne an Sport zu denken. Völlig unerwartet war ich in jeder Mannschaft gefragt, gewann jedes Spiel. Für ernsthaft popular hat das allerdings nicht gereicht. Da hätte ich zu den Cheerleadern gehen müssen.
Von Meike Dülffer