Leben als Stadionverbotler"Na, am Wochenende wieder schön prügeln?"

Michael, 24, ist einer von bundesweit 3.000 Stadionverbotlern. Fußball ist sein Leben. Seit Jahren fährt er zum Stadion, aber er darf es nicht betreten. von Roger Repplinger

Fans des SV Werder Bremen im November 2012

Fans des SV Werder Bremen im November 2012  |  © Carmen Jaspersen/picture alliance/dpa

Weil kein Spiel ist, darf er hier sein. Im Ostenkurvensaal, den das Fanprojekt des SV Werder Bremen vom Betreiber des Weser-Stadions gemietet hat. Einige Jungs arbeiten an der Choreografie für das erste Heimspiel am 17. August gegen Augsburg.

Michael Renner, 24, in Westdeutschland geboren, Realschule, Industriekaufmann, ein paar Kilo zu viel, ist ein SVler, ein Stadionverbotler. Er darf Fußballstadien nicht betreten, von der Ersten bis zur Regionalliga. 3.000 SVler gibt es bundesweit.

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Renner, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, ist wegen Werder nach Bremen gezogen. Sein Vater, selbst Fußballfan, hat lange nicht verstanden, was sein Sohn an Werder findet. Auch der Sohn versteht nicht alles. Bei sich und überhaupt.

Kein Ermittlungsverfahren, keine Anklage, kein Urteil

Am 1. Oktober 2009, Renner ist in der Schule, kommt bei den Eltern ein Brief an: Der Sohn hat Stadionverbot. Der Vater fragt, was los ist. "Ich weiß es nicht", antwortet Renner. Er sagt auch: "Ich bin kein Unschuldslamm."

Es geht um den letzten Spieltag der Saison 2008/09, der Meister Wolfsburg schlägt Werder mit 5:1. Es gibt ein Video. "Da bin ich drei, vier Sekunden lang zu sehen, im Bahnhof von Hannover, da sind wir auf der Rückfahrt", sagt Renner. Auf dem Video sei keine Schlägerei oder Ähnliches zu sehen, versichert er. "Ich lauf rein ins Bild, da steht eine Gruppe von Leuten rum, ich gestikuliere, ich lauf wieder raus aus dem Bild." Fertig.

Stadionverbot

Klubs und der DFB haben Stadionverbote Anfang der 1990er Jahre eingeführt. Ein Stadionverbot kann bei Körperverletzung, dem Abbrennen von Pyrotechnik, rechtsradikalen oder rassistischen Handlungen, Land- und Hausfriedensbruch, Diebstahl oder Vandalismus verhängt werden. Die Delikte müssen in Zusammenhang mit dem Sportereignis stehen, sie können aber abseits an der Sportstätte erfolgt sein.

Situation in Deutschland

Stadionverbote können bundesweit und örtlich verhängt werden. Bundesweite Stadionverbote gelten für die vier obersten Ligen. Die Mindestdauer eines Verbotes beträgt eine Woche, das Höchstmaß beträgt bislang drei Jahre. Detaillierte Informationen finden sich in den Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten des DFB. In Deutschland bestehen derzeit etwa knapp 3.000 Stadionverbote.

Kritik

Einige Fangruppierungen kritisieren, dass Stadionverbote präventiv erteilt werden und bezweifeln deren Rechtsstaatlichkeit. Um ein Stadionverbot zu bekommen, braucht es keine rechtskräftige Verurteilung. Es reicht schon, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird. Dies führt dazu, dass faktisch die Polizei die Entscheidungen über Stadionverbote trifft.

Ein paar Monate nach dem Brief mit dem Stadionverbot bekommt Renner eine Anzeige wegen Landfriedensbruch. Er hat einen Gerichtstermin, zu dem er 90 Minuten zu spät kommt, weil er die Autobahnausfahrt verpasst. Vor Gericht gibt er zu, dass er das ist, auf dem Video, doch sein Geständnis steht versehentlich nicht im Urteil. Er bekommt 1.600 Euro Strafe, der Anwalt rät zur Berufung vor dem Landgericht. Nun hätte Renner gerne nicht gesagt, dass er das ist, auf dem Video. Er schweigt. Die Schöffen aber haben während der Berufungsverhandlung gehört, wie Renner seinem Anwalt sagte, dass er das doch ist, auf dem Video. Das Urteil: eine Verwarnung, die nicht in den Akten auftaucht, keine Geldstrafe.

Das nächste Stadionverbot kam im Dezember 2009 bei einem Spiel des FSV Mainz II gegen Rot-Weiß Essen. Es gibt eine lange Fanfreundschaft zwischen Werder und Essen. "Ich hatte gut einen gepichelt", sagt Renner. Das Ergebnis: Hausfriedensbruch, weil er aufgrund des Stadionverbots die Arena nicht hätte betreten dürfen. 600 Euro Strafe. Zudem soll Renner einen Polizeibeamten mit einer Flasche geschlagen haben, gefährliche Körperverletzung. "Ist völliger Quatsch", sagt er. Es gab nie ein Ermittlungsverfahren, nie eine Anklage oder Verurteilung. 

Wer Stadionverbot hat, riskiert weitere

Ende 2010 kommt ein Stadionverbot in Leverkusen hinzu, weil er auf dem Pflaster vorm Fanblock der Werder-Fans steht. Auf dem Pflaster darf er nicht stehen, weil es angeblich schon zum Stadion gehört. "Man sieht das dem Pflaster nicht an", sagt er.

Renner ist in der Mühle. Die Werder-Ordner, die bei jedem Auswärtsspiel dabei sind, wissen, dass er Stadionverbot hat. Bremer Polizisten grüßen ihn in der Stadt mit: "Na Herr Renner, am Wochenende wieder schön prügeln?" Renner geht weiterhin zu jedem Werder-Spiel. Obwohl er weiß: Wer Stadionverbot hat, und in Stadionnähe geht, riskiert weitere, auch wenn er sich nichts zu Schulden kommen lässt. Weil er gegen Auflagen des Stadionverbots verstößt. 

Leserkommentare
  1. Ich kenne viele Fußballfans, die auch mal lauter werden, oder ausfällig, und man sieht an Spieltagen in der Bahn ja, wie der Umgang der Fans mit anderen Mitfahrern und der Polizei ist. Trotzdem hat keiner von ihnen Stadionverbot. Wer das hier an so vielen Orten schafft, der muss viel Mist gebaut haben. Dass dieser Artikel stets suggeriert, ihm würde alles nur angehängt, eigentlich habe er sich immer korrekt verhalten, das ist einfach unglaubwürdig. Ich glaube, dass der SV-ler hier eine Menge Lügen erzählt, um alle Schuld von sich abzuwälzen bzw. seinen Anteil kleinzureden. Dem hätte man vielleicht mal nachgehen sollen.

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    • F.F.
    • 06. August 2013 12:00 Uhr

    Ich glaube das leider schon. Inzwischen habe ich schon aus verschiedensten Quellen gehört, dass die Polizei teilweise vollkommen willkürlich handelt. Es muss allerdings zwischen Polizisten unterschieden werden. Mehrere Freunde haben mir bestätigt, dass die Spezialeinsatzkommandos der Polizei sehr viele Probleme durch Selbstjustiz verursachen. Die "normalen" grünen Polizisten sind dagegen oft sehr freundlich.
    Herr Renner hat sich ja bekanntlich in den Kreisen bewegt, die mehr Krawall gemacht haben, als gewöhnliche Problemfans. Außerdem steht auch in dem Artikel, dass er zwischenzeitlich in die Gewaltszene abgerutscht ist. Sie schreiben, dass er sich korrekt verhalten hätte, was jedoch in dem Artikel nicht so dargestellt ist.

    • eras
    • 06. August 2013 11:47 Uhr

    Irgendwie fragt man sich beim Lesen des Artikels zwei Dinge:
    1) Warum taucht im Gesamttext der Begriff "Hooligan" nicht auf, obwohl man der Geschichte ohne große Schwierigkeiten zu entnehmen ist, dass der Vorwurf gegen den anonym auftretetenden Protagonisten genau aus dieser Ecke kommt?
    2) Warum wurde weder eine Stellungnahme von den Vereinen, dem DFB, der Polizei, oder der Bahn AG eingeholt, denen hier recht unverblühmt eine substanzlose Anklage vorgeworfen wird.

    Insgesamt drängt sich hier doch der Eindruck auf, dass der Autor die Ausführungen eines mutmaßlichen Gewalttäters relativ kritiklos übernommen hat. Oder glauben Sie, Herr Repplinger, ernsthaft, dass sich DFB, Vereine, Bahn und Polizei ohne Grund gegen "Michael Renner" verschworen haben?

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    • Derdriu
    • 06. August 2013 11:54 Uhr

    Ich glaube, dass es sich hier um einen Schreibstil handelt. Der gesamte Artikel gibt nur die Sicht des Herrn Renners wieder. So kann der Leser nachvollziehen, wie er tickt. Es geht wohl weniger um die Richtigkeit der Anklage des Protagonisten. "Wahrheit" und "Gerechtigkeit" ist halt meistens subjektiv.

    • Derdriu
    • 06. August 2013 11:52 Uhr

    Ich finde den Artikel sehr erhellend. So sieht also ein SVler das "Problem": Es sind die anderen. Man selber ist völlig unschuldig. Schon klar.

    Sicher, Ultras halten sich oft für "Rebellen" und ähnliches. Dabei sind einige von denen schlicht Hooligans und das hat mit Fußball nichts zu tun. Politisch ist es auch nicht. Nur selbstgerecht. Hoffentlich werden die anderen Besucher zukünftig von denen verschont.

    Ich bin aber dagegen, dass die Polizei die Aufgaben der Veranstalter erfüllt. Sollte es um Haus-/ Landfriedensbruch gehen: Gerne Polizei. Aber Hausrecht können die Stadien/ Vereine selber durchsetzen.

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    • F.F.
    • 06. August 2013 12:00 Uhr

    Ich glaube das leider schon. Inzwischen habe ich schon aus verschiedensten Quellen gehört, dass die Polizei teilweise vollkommen willkürlich handelt. Es muss allerdings zwischen Polizisten unterschieden werden. Mehrere Freunde haben mir bestätigt, dass die Spezialeinsatzkommandos der Polizei sehr viele Probleme durch Selbstjustiz verursachen. Die "normalen" grünen Polizisten sind dagegen oft sehr freundlich.
    Herr Renner hat sich ja bekanntlich in den Kreisen bewegt, die mehr Krawall gemacht haben, als gewöhnliche Problemfans. Außerdem steht auch in dem Artikel, dass er zwischenzeitlich in die Gewaltszene abgerutscht ist. Sie schreiben, dass er sich korrekt verhalten hätte, was jedoch in dem Artikel nicht so dargestellt ist.

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  2. ...er hat gar nix gemacht. War irgendwie zur falschen Zeit an den falschen Orten. Diesen Artikel nach wollte er nur mal Fußball gucken, ansonsten weiß er von nix. Fußball ist schon toll, "Schlachtengesänge" u.a. von den geneigten Besuchern des Colosseums ;-). Es gibt wohl nur eine prolligere Sportart, Eishockey, da prügeln sich die Spieler während des Spiels. Ja klar , aber der böse gedopte Radsport. Nun, da ist die Stimmung unter den Fans irgendwie positiver und freundlicher.

    • eras
    • 06. August 2013 12:41 Uhr

    "Ich glaube, dass es sich hier um einen Schreibstil handelt. Der gesamte Artikel gibt nur die Sicht des Herrn Renners wieder. So kann der Leser nachvollziehen, wie er tickt."

    Das kann ich auch, wenn der bearbeitende Journalist den Aussagen des Herrn Renner die der anderen Seite gegenüberstellt. In der jetzigen Form ist es einfach die unwiderfragte Version eines etwas seltsam klingenden Mannes, die selbst in der Leserartikelreihe noch wegen "kompletter Einseitigkeit", "Unglaubwürdigkeit" und "offenen Fragen" zurückgewiesen würde.

    Es wäre im Übrigen hilfreich, wenn der verantwortliche Journalist sich selbst dazu äußert, was er hier im Sinne hatte - statt Redaktionsempfehlungen an zweite Meinungen zu vergeben. Vielleicht habe ich - und eine Reihe weiterer Kommentatoren hier einfach nicht verstanden, dass es einen genialen Grund dafür gibt, warum im vorliegenden Fall das journalistische Gebot, allen Beteiligten Raum für eine Stellungnahme zu bieten, einfach mal übergangen wurde.

    Eigentlich schon fast wieder witzig: Ein Artikel, in dem sich der Protagonist darüber beschwert, dass seine Sicht der Dinge nicht ausreichend gehört und gewürdigt wurde. Und gleichzeitig ein Artikel, der die Sichtweise von allen anderen Beteiligten komplett unterschlägt.

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    • Derdriu
    • 06. August 2013 12:45 Uhr

    Der Artikel ist unter Rubrik "Sport". Da erwarte ich wirklich nicht höchstgradig journalistische und ethisch korrekte Artikel. Das ist doch immer ziemlich subjektiv im Sport-Ressort. Zudem: Wenn Sie mehr wichtigen Journalismus wollen, kaufen Sie sich doch die gedruckte Ausgabe der Zeit, statt auf das kostenlose Zusatzangebot zurückzugreifen.

    Ihre Anforderungen sind wirklich hoch dafür, dass Sie kein Geld bezahlen!

  3. Interessante Schilderung von SV aus der Sicht eines Hools. Offensichtlich unterscheiden sich die ungeschriebenen Regeln in der Szene deutlich von den rechtsstaatlichen Normen, und offensichtlich vergegenwärtigen Teile der Szene nicht, dass sie sich innerhalb des Stadions im öffentlichen Raum bewegen, also da, wo rechtsstaatliche Normen gelten. Ich weiss von Hools, die sich zum Prügeln auf privatem Gelände verabreden, um rechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Das ist immerhin eine Lösung.

    Eine andere Lösung wäre, das Stadion als private Veranstaltung zu betrachten. Dann bestimmt der Veranstalter, immerhin finanzkräftige privatwirtschaftliche Organisationen, die Regeln. Der Hool ist Kunde. Und die Durchsetzung der Regeln besorgt der Veranstalter mit selbst bezahlten Sicherheitskräften, statt die öffentliche Hand dafür aufkommen zu lassen. Dann regelt sich das Hoolproblem vermutlich über den Preis der Eintrittskarten und durch die harte Hand der Türsteher zügig von selber.

    Ich denke aber, das etablierte System von Brot und Spielen funktioniert so gut, dass kein Interesse besteht, die Hools aus den Stadien zu vertreiben. Am Ende werden die noch politisch. Gott bewahre.

    3 Leserempfehlungen
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    in Form der Polizei ist doch vorallem außerhalb des Stadions präsent - dort hat der Veranstalter nix zu suchen.

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