Ein XiangQi-Brett © Christoph Harder

Eigentlich hätte ich gewarnt sein müssen. So höhnisch, wie das Holzpferd dort vorne auf der Bühne seine Zähne bleckt, das ist eine klare Kampfansage. Und eine leicht geschrumpfte, aber nicht minder freche Ausgabe dieses aggressiv rot lackierten Gauls, der als Deko den Raum ziert, lässt sich dann auch prompt an der linken Ecke meiner Stellung nieder, Gegenwehr zwecklos, das Match ist aus. Eine Quittung für zu viel Übermut.

Die "Hamburger Tage des China-Schachs" waren im Monatskalender des örtlichen Konfuzius-Instituts angekündigt worden, und das hatte meine Neugier geweckt. Zuvor dachte ich, Schach ist gleich Schach, international ausgetragen nach einheitlichem Regelwerk und mit genormten Figurensätzen. Und davon soll es nun eine speziell chinesische Variante geben?

Offenbar hat sich im Einzugsbereich des Gelben Flusses bereits vor rund 2.200 Jahren ein Denksport namens XiangQi entwickelt, wörtlich übersetzt: "Elefantenspiel". Als Vorbild diente wohl die Entscheidungsschlacht von Gaixia, bei der im Januar 202 vor Christus der Teilstaat Han die Streitkräfte seines Erzrivalen Chu vernichtend schlug und zur dominierenden Macht im Reich der Mitte aufstieg. Entsprechend versuchen die Gegner im Szenario des XiangQi, ihre Truppen über einen Grenzstrom zu führen und den gegnerischen Palast zu stürmen, hinter dessen virtuellen Mauern sich der feindliche Herrscher verschanzt.

Eine Konstellation, die tatsächlich ein wenig an das allgemein bekannte Spiel um das Matt der Könige erinnert. Folglich behaupten chinesische Experten, dass ihre Version die Mutter aller Schachvarianten sei und keineswegs das gut 650 Jahre jüngere indische Chaturanga, wie bisher in der Wissenschaft vermutet. Das XiangQi ist in der Volksrepublik populär quer durch alle Bevölkerungsschichten, die Bauern auf dem Feld zocken schnell mal ein Partiechen zwischendurch, ebenso die Börsenmakler vor ihren Screens. Auf einem der Gipfel des Hua Shan, der zu den fünf heiligen Bergformationen gehört, ist dem Spiel ein eigener Pavillon geweiht.

Schachstars sind No-Names

Rund um den Globus zählt das Schach aus Fernost dank der chinesischen Diaspora geschätzt eine halbe Milliarde Fans, ebenso viel wie die westliche Standardausgabe. Ein echtes Paralleluniversum, in dem ein gewisser Jiang Chuan als Champ der Champs gefeiert wird, während westliche Superstars wie Magnus Carlsen oder Viswanathan Anand, die Anfang November 2013 in Chennai den Welttitel im Mainstreamschach ausfechten, absolute No-Names bleiben.

Klingt ziemlich verrückt, und deswegen starte ich, ein notorischer Kreisligapatzer im heimischen 64-Felder-Klassiker und ohne Hoffnung auf nachhaltige Leistungssteigerung, an einem Augustwochenende meine private Feldstudie. Vielleicht könnte das ominöse XiangQi einen Ausweg aus der sportlichen Misere weisen.

Die Location ist das wunderbar verschnörkelte chinesische Teehaus Yu Garden, eine Kopie des Originals in Hamburgs Partnerstadt Shanghai. Hausherr und Gastgeber des Events, das die Deutschen Einzelmeisterschaften 2013 plus ein für jedermann offenes Begleitturnier um die Trophäe "Das Hansa-Pferd" umfasst, ist die lokale Dependance der weltweit gut 500 Konfuzius-Institute, die Pekings Antwort auf die deutschen Goethe-Insitute sind. Eine ganz bewusste Entscheidung: "Das gemeinsame Spiel soll zum Brückenschlag zwischen den Kulturen einladen", sagt Hamburgs Konfuzius-Direktor Carsten Krause.