XiangQiDas Schachbrett, durch das ein Fluss verläuft

Eine halbe Milliarde Menschen spielen XiangQi, die 2.200 Jahre alte chinesische Variante des Schachs. Es kommt ohne Dame aus und lehrt asiatische Gelassenheit. von René Gralla

Ein XiangQi-Brett

Ein XiangQi-Brett  |  © Christoph Harder

Eigentlich hätte ich gewarnt sein müssen. So höhnisch, wie das Holzpferd dort vorne auf der Bühne seine Zähne bleckt, das ist eine klare Kampfansage. Und eine leicht geschrumpfte, aber nicht minder freche Ausgabe dieses aggressiv rot lackierten Gauls, der als Deko den Raum ziert, lässt sich dann auch prompt an der linken Ecke meiner Stellung nieder, Gegenwehr zwecklos, das Match ist aus. Eine Quittung für zu viel Übermut.

Die "Hamburger Tage des China-Schachs" waren im Monatskalender des örtlichen Konfuzius-Instituts angekündigt worden, und das hatte meine Neugier geweckt. Zuvor dachte ich, Schach ist gleich Schach, international ausgetragen nach einheitlichem Regelwerk und mit genormten Figurensätzen. Und davon soll es nun eine speziell chinesische Variante geben?

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Herkunft

XiangQi, die chinesische Form des Schachs, gibt es seit dem 9. Jahrhundert. Es ist in Ostasien, vor allem in China, populär. XiangQi ist eng verwandt mit der koreanischen Schach-Variante Janggi. Wörtlich übersetzt bedeutet XiangQi "Elefantenspiel". Als Vorbild soll die Schlacht von Gaixia aus dem Jahr 202 v. Chr. dienen. Seit 1992 (Mannschaft) und 1994 (Einzelwertung) gibt es Deutsche Meisterschaften. Deutscher Rekordmeister ist Michael Nägler aus Lingen.

Basics

Gespielt wird auf einem Brett mit zehn waagerechten und neun senkrechten Linien. Die Figuren werden auf die Kreuzungspunkte dieser Linien gesetzt. Die Spielsteine sind keine Figuren wie beim Schach, sondern Scheiben, auf denen der Wert aufgeführt ist. Es gibt folgenden Steine: der Feldherr, die Leibwächter, die Minister/Elefanten, die Pferde, die Wagen, die Kanonen und die Soldaten. Ziel des Spiels ist es, den General des Gegners zu bedrohen. Einen Patt wie im Schach gibt es nicht. Ausführlichere Regelbeschreibungen gibt es auf den Seiten des Deutschen XiangQi-Bundes.

Online spielen

Auf den Seiten des Deutschen XiangQi-Bundes kann man das Spiel auch gleich online ausprobieren.

Offenbar hat sich im Einzugsbereich des Gelben Flusses bereits vor rund 2.200 Jahren ein Denksport namens XiangQi entwickelt, wörtlich übersetzt: "Elefantenspiel". Als Vorbild diente wohl die Entscheidungsschlacht von Gaixia, bei der im Januar 202 vor Christus der Teilstaat Han die Streitkräfte seines Erzrivalen Chu vernichtend schlug und zur dominierenden Macht im Reich der Mitte aufstieg. Entsprechend versuchen die Gegner im Szenario des XiangQi, ihre Truppen über einen Grenzstrom zu führen und den gegnerischen Palast zu stürmen, hinter dessen virtuellen Mauern sich der feindliche Herrscher verschanzt.

Eine Konstellation, die tatsächlich ein wenig an das allgemein bekannte Spiel um das Matt der Könige erinnert. Folglich behaupten chinesische Experten, dass ihre Version die Mutter aller Schachvarianten sei und keineswegs das gut 650 Jahre jüngere indische Chaturanga, wie bisher in der Wissenschaft vermutet. Das XiangQi ist in der Volksrepublik populär quer durch alle Bevölkerungsschichten, die Bauern auf dem Feld zocken schnell mal ein Partiechen zwischendurch, ebenso die Börsenmakler vor ihren Screens. Auf einem der Gipfel des Hua Shan, der zu den fünf heiligen Bergformationen gehört, ist dem Spiel ein eigener Pavillon geweiht.

Schachstars sind No-Names

Rund um den Globus zählt das Schach aus Fernost dank der chinesischen Diaspora geschätzt eine halbe Milliarde Fans, ebenso viel wie die westliche Standardausgabe. Ein echtes Paralleluniversum, in dem ein gewisser Jiang Chuan als Champ der Champs gefeiert wird, während westliche Superstars wie Magnus Carlsen oder Viswanathan Anand, die Anfang November 2013 in Chennai den Welttitel im Mainstreamschach ausfechten, absolute No-Names bleiben.

Klingt ziemlich verrückt, und deswegen starte ich, ein notorischer Kreisligapatzer im heimischen 64-Felder-Klassiker und ohne Hoffnung auf nachhaltige Leistungssteigerung, an einem Augustwochenende meine private Feldstudie. Vielleicht könnte das ominöse XiangQi einen Ausweg aus der sportlichen Misere weisen.

Die Location ist das wunderbar verschnörkelte chinesische Teehaus Yu Garden, eine Kopie des Originals in Hamburgs Partnerstadt Shanghai. Hausherr und Gastgeber des Events, das die Deutschen Einzelmeisterschaften 2013 plus ein für jedermann offenes Begleitturnier um die Trophäe "Das Hansa-Pferd" umfasst, ist die lokale Dependance der weltweit gut 500 Konfuzius-Institute, die Pekings Antwort auf die deutschen Goethe-Insitute sind. Eine ganz bewusste Entscheidung: "Das gemeinsame Spiel soll zum Brückenschlag zwischen den Kulturen einladen", sagt Hamburgs Konfuzius-Direktor Carsten Krause. 

Leserkommentare
    • Acaloth
    • 20. August 2013 16:20 Uhr
    1. ......

    Sehr interessant, wie schnell geht da eine Runde ca. ?
    Denn was mich am meisten beim "klassischen" Schach stört ist das es (wenn man keine Uhr hat) ewig dauert.

    2 Leserempfehlungen
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    also ohne Uhr geht das zwar nicht - aber
    Blitzschacht macht echt Laune - jeder hat 5 Min Bedenkzeit gesamt.
    Das gibt echt Hektik am Ende - und man kann selbst aussichtslos noch einen tödlichen Fehler des Gegners provozieren. Und dann 5 Spiele die Stunde
    Anders machts mir gar keinen Spass mehr ... zu langweilig.

    Ansonsten Danke ZEIT für den interessanten Bericht.

    ich denke 5 s

  1. also ohne Uhr geht das zwar nicht - aber
    Blitzschacht macht echt Laune - jeder hat 5 Min Bedenkzeit gesamt.
    Das gibt echt Hektik am Ende - und man kann selbst aussichtslos noch einen tödlichen Fehler des Gegners provozieren. Und dann 5 Spiele die Stunde
    Anders machts mir gar keinen Spass mehr ... zu langweilig.

    Ansonsten Danke ZEIT für den interessanten Bericht.

    Eine Leserempfehlung
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  2. ich denke 5 s

    Antwort auf "......"
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    • Running
    • 20. August 2013 17:11 Uhr

    Diese Zeit haben beide Spieler für die gesamte Partie, egal wieviele Züge gespielt werden. Das bedeutet, dass, wenn die Zeit knapp wird am Ende, man keinesfalls 5 Sekunden für einen Zug überhat. Da kann man kaum die Hand sehen, so schnell wird da gezogen. :D

    • Running
    • 20. August 2013 17:11 Uhr

    Diese Zeit haben beide Spieler für die gesamte Partie, egal wieviele Züge gespielt werden. Das bedeutet, dass, wenn die Zeit knapp wird am Ende, man keinesfalls 5 Sekunden für einen Zug überhat. Da kann man kaum die Hand sehen, so schnell wird da gezogen. :D

    Antwort auf "5 min. oder 5 s ?"
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    mein Schachfreund und ich, wir nehmens dann "in der Not" nicht so exakt mit den Regeln - Spass im Vordergrund - das kann eine Riesengaudi geben, wenn man die letzten 20 Sekunden noch 10 Züge versucht - und laut wirds dann auch richtig Figuren setzen - berührt-geführt - vergiss es :-)))
    Macht aber Riesenspass; da kann man Schwitzen beim Schach !

    (die Ernsthaften werden sich vor Grausen wenden, aber muss alles so ernst sein?)

  3. XIANGQI - ein toller Artikel !

    Es ist einfach fantastisch, wie sich das Schachspiel weltweit unterschiedlich entwickelt hat !
    Zum Beispiel "SHOGI" - das Japanische Schach.

    Geschlagene Steine können als eigene Steine wieder eingesetzt werden. Wie wenn ein Samurai seinen Herrn und Meister wechselt, um mit dem Seitenwechsel dem rituellen Selbstmord zu entgehen.

  4. 6. :-))))

    mein Schachfreund und ich, wir nehmens dann "in der Not" nicht so exakt mit den Regeln - Spass im Vordergrund - das kann eine Riesengaudi geben, wenn man die letzten 20 Sekunden noch 10 Züge versucht - und laut wirds dann auch richtig Figuren setzen - berührt-geführt - vergiss es :-)))
    Macht aber Riesenspass; da kann man Schwitzen beim Schach !

    (die Ernsthaften werden sich vor Grausen wenden, aber muss alles so ernst sein?)

    Antwort auf "5 Minuten"
  5. 1. Flasche Rotwein dekantieren
    2. Brett und Figuren aufstellen.
    3. Spielen und sich dabei gepflegt unterhalten
    5. CD wechseln
    6. Noch ne Flasche Rotwein aufmachen

    DAS ist europäische Gelässenheit, da braucht es keinen "Asiaten"

    2 Leserempfehlungen
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    • ManRai
    • 20. August 2013 17:34 Uhr

    Dort sieht man die Ruhe beim Schachspiel und die vielen Zuschauer - ohne Wein

    • ManRai
    • 20. August 2013 17:34 Uhr

    Dort sieht man die Ruhe beim Schachspiel und die vielen Zuschauer - ohne Wein

    Antwort auf "Europäisches Schach"
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    ... man die tun mir echt leid :))

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