Der Dopingopfer-Hilfe-Verein (DOH) kritisiert die Doping-Politik des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) scharf. Der DOSB spiele die Ergebnisse einer Studie der Berliner Humboldt-Universität über West-Doping auf unseriöse Art herunter und verneine die eigene Verantwortung, sagte die DOH-Vorsitzende Ines Geipel in einer Presseerklärung.

Geipel fordert weitere Aufklärung der deutschen Doping-Geschichte, zum Beispiel sollten die Namen der damals handelnden Personen veröffentlicht werden: "Die deutsche Einheit gab es im Denken der Doping-Akteure schon seit den frühen siebziger Jahren", sagt sie. Außerdem sei die Zeit nach 1990 unaufgearbeitet. Der DOSB und das Bundesinnenministerium sollten den unausgeführten Forschungsauftrag für die Zeit von 1990 bis heute erneut ausschreiben.

Die Führung des DOSB hingegen behindere Aufklärung, sagt Geipel. Speziell der Präsident Thomas Bach entziehe sich der Diskussion. Bach, der sich am 10. September zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wählen lassen will, lässt Pressefragen nach seiner Verantwortung zurzeit offenbar von seinem Anwalt beantworten. Ein Doping-Gesetz lehnt er ab. Seine Teilnahme am Sportausschuss, der sich am Montag in einer Sondersitzung mit der Studie befassen wird, hat Bach abgesagt. Der DOH bittet den Ethikrat des IOC, die öffentlichen Fragen zu Bachs Kandidatur zu prüfen: "Wer den Weltsport führen will, muss für Glaubwürdigkeit sorgen."

"Erschreckende personelle Kontinuitäten"

Teil der "Hinterzimmerpolitik" des DOSB sei auch die Tatsache, dass im deutschen Sport längst eine Diskussion um die Nachfolge von Bach im Gange sei, sagt Geipel. "Die Zukunft des deutschen Sports kann aber keine Angelegenheit unhinterfragbarer Interessen sein." Als Favoriten für die Bach-Nachfolge gelten der derzeitige DOSB-Generaldirektor Vesper sowie die DOSB-Vizepräsidentin für Leistungssport, Christa Thiel.

Aus der Erklärung des DOH spricht die Sorge, dass Doping-Fragen vom DOSB auch in der Zeit nach Bach weiterhin vernachlässigt werden. Laut DOH müsse aber eine Konsequenz der Doping-Studie sein, "dass endlich eine wache Allianz geschmiedet wird, um Doping zu tabuisieren". Es dürfe keine weiteren Chemieopfer im deutschen Sport geben, sagt Geipel. Das verlange mehr Anstrengung und mehr Geld für die Prävention.

Geipel kritisiert zudem "die erschreckenden personellen Kontinuitäten" nach 1990. Viele Trainer, Mediziner und Wissenschaftler würden trotz erwiesener Täterschaft teilweise bis heute "bestens dotiert" weiterbeschäftigt. Die Geschädigten von damals hingegen blieben aus der Sport-Familie ausgeschlossen, sagt Geipel.

Zugleich weist Geipel auf die Unterschiede zwischen Ost und West hin. Es sei falsch, sie zu verwischen. Parität in der Aufarbeitung, aber auch Differenzierung seien nötig, "das sind wir den Opfern beider Systeme schuldig".

Der Dopingopfer-Hilfe-Verein DOH vertritt rund 600 Doping-Geschädigte vorwiegend aus dem ehemaligen DDR-Sport und vergibt den Heidi-Krieger-Preis, die einzige Auszeichnung im deutschen Sport für den Kampf gegen Doping-Missbrauch. Die heutige Autorin Ines Geipel war Leistungssportlerin in der DDR, wie viele Tausende ostdeutsche Sportler wurde sie von kriminellen Ärzten,Trainern und Sportfunktionären zwangsgedopt. Ihre Rekorde ließ die Sprinterin später aus den Listen streichen. Sie ist staatlich anerkanntes Doping-Opfer.