SportpolitikDopingopfer kritisieren DOSB-Präsidenten Bach als unseriös

Verschleiernd, unethisch, verantwortungslos, hinterzimmerhaft – die Doping-Politik Thomas Bachs ist eine Woche vor der Wahl des IOC-Präsidenten in die Kritik geraten.

DOSB-Präsident Thomas Bach

DOSB-Präsident Thomas Bach  |  © Pawel Kopczynski/Reuters

Der Dopingopfer-Hilfe-Verein (DOH) kritisiert die Doping-Politik des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) scharf. Der DOSB spiele die Ergebnisse einer Studie der Berliner Humboldt-Universität über West-Doping auf unseriöse Art herunter und verneine die eigene Verantwortung, sagte die DOH-Vorsitzende Ines Geipel in einer Presseerklärung.

Geipel fordert weitere Aufklärung der deutschen Doping-Geschichte, zum Beispiel sollten die Namen der damals handelnden Personen veröffentlicht werden: "Die deutsche Einheit gab es im Denken der Doping-Akteure schon seit den frühen siebziger Jahren", sagt sie. Außerdem sei die Zeit nach 1990 unaufgearbeitet. Der DOSB und das Bundesinnenministerium sollten den unausgeführten Forschungsauftrag für die Zeit von 1990 bis heute erneut ausschreiben.

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Die Führung des DOSB hingegen behindere Aufklärung, sagt Geipel. Speziell der Präsident Thomas Bach entziehe sich der Diskussion. Bach, der sich am 10. September zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wählen lassen will, lässt Pressefragen nach seiner Verantwortung zurzeit offenbar von seinem Anwalt beantworten. Ein Doping-Gesetz lehnt er ab. Seine Teilnahme am Sportausschuss, der sich am Montag in einer Sondersitzung mit der Studie befassen wird, hat Bach abgesagt. Der DOH bittet den Ethikrat des IOC, die öffentlichen Fragen zu Bachs Kandidatur zu prüfen: "Wer den Weltsport führen will, muss für Glaubwürdigkeit sorgen."

"Erschreckende personelle Kontinuitäten"

Teil der "Hinterzimmerpolitik" des DOSB sei auch die Tatsache, dass im deutschen Sport längst eine Diskussion um die Nachfolge von Bach im Gange sei, sagt Geipel. "Die Zukunft des deutschen Sports kann aber keine Angelegenheit unhinterfragbarer Interessen sein." Als Favoriten für die Bach-Nachfolge gelten der derzeitige DOSB-Generaldirektor Vesper sowie die DOSB-Vizepräsidentin für Leistungssport, Christa Thiel.

Aus der Erklärung des DOH spricht die Sorge, dass Doping-Fragen vom DOSB auch in der Zeit nach Bach weiterhin vernachlässigt werden. Laut DOH müsse aber eine Konsequenz der Doping-Studie sein, "dass endlich eine wache Allianz geschmiedet wird, um Doping zu tabuisieren". Es dürfe keine weiteren Chemieopfer im deutschen Sport geben, sagt Geipel. Das verlange mehr Anstrengung und mehr Geld für die Prävention.

Geipel kritisiert zudem "die erschreckenden personellen Kontinuitäten" nach 1990. Viele Trainer, Mediziner und Wissenschaftler würden trotz erwiesener Täterschaft teilweise bis heute "bestens dotiert" weiterbeschäftigt. Die Geschädigten von damals hingegen blieben aus der Sport-Familie ausgeschlossen, sagt Geipel.

Zugleich weist Geipel auf die Unterschiede zwischen Ost und West hin. Es sei falsch, sie zu verwischen. Parität in der Aufarbeitung, aber auch Differenzierung seien nötig, "das sind wir den Opfern beider Systeme schuldig".

Der Dopingopfer-Hilfe-Verein DOH vertritt rund 600 Doping-Geschädigte vorwiegend aus dem ehemaligen DDR-Sport und vergibt den Heidi-Krieger-Preis, die einzige Auszeichnung im deutschen Sport für den Kampf gegen Doping-Missbrauch. Die heutige Autorin Ines Geipel war Leistungssportlerin in der DDR, wie viele Tausende ostdeutsche Sportler wurde sie von kriminellen Ärzten,Trainern und Sportfunktionären zwangsgedopt. Ihre Rekorde ließ die Sprinterin später aus den Listen streichen. Sie ist staatlich anerkanntes Doping-Opfer.

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Leserkommentare
  1. Offensichtlich sind genau das die Qualifikationen, die man von einem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erwartet.

    8 Leserempfehlungen
  2. "Verschleiernd, unethisch, verantwortungslos, hinterzimmerhaft"

    War das nicht die vorherrschende Kritik an der gesamten Sportorganisation?
    Insofern passt das doch prima.

    8 Leserempfehlungen
  3. eine Unterhaltungsindustrie eben. Das Volk, chipsessend vor der Glotze auf dem Sofa sitzend, hat die Illussion sortlich zu sein. Die Medien profitieren über Quoten und Auflagen, Mutti sonnt sich in der Umkleidekabine im Ruhm der Helden. Die Baukonzeren bauen die Wettkampfstätten und die Brauerein verdienen am Durst. Obendrauf auf der unappetitlichen Suppe schwimmen als Fettaugen Funktionäre wie Bach. Und weil das Ganze so vielen Interessen dient, wird es weitergehn wie bisher.

    6 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 01. September 2013 15:02 Uhr

    Ich esse keine Chips und viele Angebote der Unterhaltung sind mir lieber als nur ein paar. Dazu gefällt mir die Kunst besser, ohne auf sowas wie den sozialistischen Realismus fixiert zu sein. Auch wenn, wie böse, die Künstler und Galeristen ordentlich Geld verdienen. Aber wer arbeiten will oder arbeitet soll auch essen und zwar nicht durch staatlich großmütig verteilten Segen.

    Diverse widersprüchliche Religionen sind mir lieber als eine und eine Gesellschaft mit einem bestimmten Maß an Lug und Trug, der halt zu bekämpfen ist, ist mir lieber als calvinistische Zucht und Ordnung, die das alles heimlich wachsen lässt. Und die Bekämpfer müssen halt fix sein. Und das sind sie auch.

    Und anders als Opium lässt mich die Betrachtung eines Sportereignisses auch nicht in irgendeiner Form benommen werden. So gehts vermutlich Millionen und ihre Klage wird wie seit 50 Jahren gehört und gelesen, aber wirkungslos bleiben. Gott sei Dank. Das Leben ist hart genug und Vorschriften von oben haben es noch nie leichter gemacht, eher langweiliger.

  4. >> Die Führung des DOSB hingegen behindere Aufklärung, sagt Geipel. Speziell der Präsident Thomas Bach entziehe sich der Diskussion. <<

    ... sich so mancher Diskussion. Hat er auch nicht nötig, er hat mächtige Unterstützer, nicht nur in der Bundesregierung:

    "Sheik Ahmad Al-Fahad, Al-Sabah, IOC-Mitglied: Ich mache alles, was helfen kann.“
    Reporter: „Was heißt das?“
    Sheik Ahmad Al-Fahad, Al-Sabah, IOC-Mitglied: „Warten Sie ab, bis September.“"
    http://www.wdr.de/tv/moni...

    Und weshalb die Unterstützung?

    "Bach ist auch Präsident der Ghorfa, eines gemeinnützigen Vereins im Dienste der Generalunion der arabischen Handelskammern. Als solcher stellt er Kontakte zwischen deutschen Unternehmen und den Golfmonarchien her. Auf deren Stimmenpaket im IOC darf er wohl bei der Wahl zählen, angeführt wird es vom kuwaitischen Scheich Ahmad al-Sabah, einem der einflussreichsten und eher ungut beleumundeten Strippenzieher im Olympia-Business."
    http://www.zeit.de/sport/...

    "Noch immer nämlich profitiert der Bach-Verein von einer hoch umstrittenen israel-feindlichen Praxis, von der sogenannten Vorlegalisierung. Unternehmen, die in arabische Staaten exportieren, lassen sich bei der Ghorfa per Stempel bescheinigen, dass ihre Produkte keine Teile aus Israel enthalten."
    http://www.berliner-zeitu...

    3 Leserempfehlungen
  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke, die Redaktion/jk

  6. Der Herr Bach will doch "nur" IOC-Präsident werden. Was kümmert ihn da sein Wissen über Doping von früher, das würde ja nur schaden. Seine Nachfolger in Deutschland kommen aus der gleichen "Liga" - da bleibt dann alles beim alten und wird hoffentlich vergessen.
    Auf zum IOC

    Eine Leserempfehlung
  7. Er ist kein Sportsmann. weil er Angst den Posten des IOC Präsidenten nicht zu bekommen. Deshalb schweigt er sich durch, obwohl er Wissender war. Es zeugt von einer Deutschen und schlechten Charaktereigenschaft - die immer häufiger sichtbar wird.

    • TDU
    • 01. September 2013 14:44 Uhr

    Mir ist aufgefallen, dass dieser Mann zwar vehement den Radsport kritisert aber seine eigene Domäne rausgehalten hat. Insofern würde ich den Vorwurf, er sei ein am eigenen und seines Sports hauptsächlich Interessierter, teilen.

    Aber Solche gibts woanders auch, und die Öffentlichkeit in manch anderen Ländern ist nur halb so kritisch. Also soll er den Job kriegen, denn dann kann er auch was ausrichten. So begibt sich Deutschland nur eines Einflusses wie beim Desinteresse Anfang der 2000der an Wirtschaftsposten in der EU.

    Was Doping Opfer angeht? Ich würde den DDR Sportlern da viel eher den Opfer Status zubilligen als den westlichen. Denn der Ungedopte Westler konnte immer ganz gut leben von der Sporthilfe und sich bekannt und eine Ausbildung machen.

    Also schätze ich das Mass an Freiwilligkeit des Dopens in der BRD viel höher ein. Ob man jetzt diese Leute noch outen muss erschliesst sich mir nicht. Denn was ändert sich dadurch? Nichts.

    Allenfalls neue Skandalisierungen und wieder ein Thema für Vergangenheitsbewältigung. Dabei sollte langsam mal wieder die Zukunft in den Focus der Betrachtung geraten. Allerdings zur Abwechslung mal ohne apokalyptische Attituden.

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