Am Samstagabend war es wieder so weit. Nach zwei, drei richtig guten Wochen wurden die Schalker von den Bayern deklassiert. Die Verhältnisse geradegerückt. Der jüngste 3:0-Sieg eingeordnet: die unsanfte, aber heilsame Konfrontation mit der Wirklichkeit. Dieses 0:4 kann Schalke mittelfristig nur guttun. 

Im Hype um die Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng waren die Erwartungen der darbenden Fans einmal mehr schneller gewachsen, als es gegenüber der jungen Mannschaft fair war. Am Samstagabend zeigte sich der Teufelskreis, in dem Schalke seit Jahrzehnten gefangen ist: 60.000 Stadionbesucher dürsten nach einem ganz großen Erfolgserlebnis, so intensiv, dass es körperlich spürbar ist. Hoffend oder bangend beschwören sie dabei die glorreiche Vergangenheit. In der Gegenwart ist das lähmend für die Julian Draxlers und Adam Szalais. Ersterer lief Mal um Mal ins Abseits, Letzterer verpasste gleich zwei Traumflanken von Farfán aus bester Position. Boateng war stets bemüht, doch seine zwei satten Abschlüsse waren ebenso unplatziert wie der Steilpass, den er Szalai in die Hacken spielte statt in den Lauf. Das Duell mit Halbbruder Jérôme fand nicht statt. Chancen erspielten sich die Schalker, aber von zehn Schüssen ging nur einer aufs Tor.

"Mehr Licht" soll ja angeblich der letzte Wunsch des ollen Goethe gewesen sein. Für den FC Schalke 04 wäre das die Hölle. Fast surreal gut ausgeleuchtet ist diese Arena, die nicht zuletzt deshalb wirkt wie aus einem Videospiel entsprungen. Umso deutlicher treten die Unperfektheiten im Zentrum dieses an sich perfekten Baus hervor: Auf dem Rasen ist im kalten Schein der 212 Flutlichter der menschliche Makel – jedes Zögern, jeder verlorene Zweikampf, jedes getretene Luftloch – überdeutlich zu sehen.

Schalkes Jungstars mangelt es nicht an spielerischer Qualität, sondern an Leichtigkeit und Unbekümmertheit nach Art des jungen Lukas Podolski. Doch die ist nirgendwo so rar wie hier. Nur als Schalker kann man  am Tag des großen Spiels den Fallrückzieher-Gott Klaus Fischer vorgesetzt bekommen, der Königsblau vor 37 Jahren einmal mit vier Toren einen 7:0-Triumph gegen Bayern bescherte.

Der Weg ins eigene Stadion sorgt für einen Overkill an weiteren Legenden: Die Zufahrtswege sind nach Ernst Kuzorra und Stan Libuda benannt, eine etwas breitere Asphaltfläche dazwischen heißt ehrfurchtheischend "Platz der Euro-Fighter" nach den Europacup-Siegern von 1997. Lange Schatten.

20 Minuten lang stachelten die rohen Emotionen ihrer Fans die Schalker zu Vorstößen auf das Tor ihres gefallenen Engels Manuel Neuer an. Dann beendeten die Bayern das muntere Treiben, bliesen ihrerseits zur Treibjagd – und prompt erstarrten die Hausherren wie Rehe im Scheinwerferlicht. So reichten den Bayern 100 Sekunden ernsthafter Offensivbemühungen, um das Spiel zu entscheiden (21. Schweinsteiger; 22. Mandzukic, je per Kopf). Danach bemühte sich Schalke bis zum erlösenden Schlusspfiff erfolglos. Die Bayern-Spieler mussten derweil an sich halten, um nicht einen Plausch mit dem Linienrichter oder der Vierten Offiziellen Bibiana Steinhaus zu halten und sie beide aufs Oktoberfest einzuladen.

Ribéry schien es fast peinlich zu sein, das 0:3 zu markieren, doch da er mit dem Ball am Fuß ins Tor spazieren konnte, hatte er quasi keine andere Wahl (75.). "Danke fürs Kommen, Glückauf, und … ähh …", murmelte der Stadionsprecher beim Verlesen der offiziellen Zuschauerzahl, als hätte er geahnt, was eine Minute später passieren würde: Pizarro konnte ob der ihm halbherzig nachsetzenden Verteidiger gar nicht anders, als am von Müller längst geschlagenen Timo Hildebrand vorbei zum 0:4 einzuschieben (84.).