Das Vertikalspiel von Per Mertesacker © Christof Stache/Bongarts/Getty Images

Welch ein Kontrast! Die lauten, ordinären österreichischen Fans sangen "Schwuler DFB", die deutschen Spieler aber jubelten leise und bescheiden. Drei schöne Tore schossen sie, doch stets hoben sie nur kurz ihre Arme. Nicht mal laut gerufen haben sie, das hätte man in der Arena in München sicher gehört. Miroslav Klose zum Beispiel – endlich holte er mit dem Treffer zum 1:0 Gerd Müllers Rekord ein, doch er verzichtete auf einen Salto und ähnliche Sperenzchen.

Vielleicht liegt diese Verhaltenheit auch daran, dass diesmal das Toreschießen nicht so wichtig war wie das Toreverhindern. Deutschland besiegte Österreich locker 3:0, die WM-Qualifikation ist nahe. Doch Joachim Löw und die deutsche Nationalmannschaft wollten an diesem Abend ein zweites, wichtigeres Spiel gewinnen.

Löw wollte eine Debatte beenden oder wenigstens eindämmen, die die Fußballnation seit einiger Zeit führt, seit rund drei Wochen verschärfter. Da nämlich kassierte die Mannschaft in einem Testspiel gegen die zweitklassigen Paraguayer drei Gegentore in einer Halbzeit. Das nährte die Zweifel an ihrer Abwehrkraft, die spätestens seit dem 4:4 gegen Schweden im vorigen Oktober existieren. In der Statistik liest sich das so: In den vergangenen zwei Jahren mussten deutsche Tormänner im Schnitt mehr als ein Mal pro Spiel den Ball aus ihrem Netz holen.

Selbst Toni Kroos fuhr seine Ellenbogen aus

Infrage stand sogar, ob Löw überhaupt unbedingt gut verteidigen lassen will. Noch während der WM 2006 verlangte er "högschde Disziplin" in der Defensive. Im Laufe der Jahre wandelte er sich jedoch zum Hohepriester des schönen Angriffsfußballs. Dadurch rückte er in den Verdacht, die Romantik über den Erfolg zu stellen. Deutschland, einst das Land der Stopper und Klopper, mag zwar inzwischen offen für Neues sein. Doch vielen ging die Angriffsverliebtheit zu weit.

Nach dem Sieg gegen Österreich lässt sich feststellen: Zumindest am Wollen solls nicht liegen. Schon den Wortmeldungen der Spieler vor dem Spiel war erhöhte Abwehrbereitschaft zu entnehmen. Sami Khedira und Manuel Neuer etwa versprachen, darauf zu achten, dass alle wieder besser verteidigen. Der Torschützenkönig der WM 2010, Thomas Müller, betonte, dass ihm 1:0-Siege am liebsten seien.

Auf dem Feld war diese Haltung sichtbar. Philipp Lahm, einer der ersten modernen deutschen Fußballer, begann sein 100. Länderspiel mit ein paar altdeutschen Grätschen. Im Mittelfeld sprang er in Kopfballduelle gegen lange Kerls und gewann sie. Mertesacker streute zwei Tage, bevor Ringen wohl wieder olympisch wird, griechisch-römische Elemente in seine Luftkämpfe ein. Jérôme Boateng gewann in allen brenzligen Situationen den Ball. Selbst Toni Kroos fuhr seine Ellenbogen aus. Wichtigster Spieler des Abends war Khedira, der defensive 6er. Bis die Weichen auf Sieg gestellt waren, gab er dem Spiel Ordnung und Balance.