BVB gegen den HSV : Gabi, Heiko und die Ultras auf der Dortmunder Südtribüne

25.000 Menschen versammeln sich im Fanblock des BVB, mehr als im gesamten Stadion von Freiburg. Seine Protagonisten sind grundverschieden und trotzdem eins.
Die Südtribüne im Dortmunder Westfalenstadion © Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Heiko und Gabi sind ein Ehepaar und die dienstältesten Trommler auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion, seit 1998 halten sie die Schlägel in den Händen. Sie tragen Kutten, also Jeanswesten mit unzähligen Aufnähern. Vor dem Heimspiel gegen den HSV plaudern sie mit ihrer Clique vor dem Stadion, an einer der vielen Buden, wo sich Abertausende Borussen auf das Spiel einstimmen. Schon sehr zeitig gehen sie in ihren Block, um die Trommeln und Fahnen anzubringen. "Wann genau kommt drauf an, wie wir gerade unser Bierchen leer haben", sagen sie.

Im Westfalenstadion, wie es hier immer noch alle nennen, fällt es schwer, sich auf ein Fußballspiel zu konzentrieren. Andauernd möchte man den Blick auf die Südtribüne richten, die Heimat der singenden Dortmund-Fans. Wenn der Abendhimmel über dem Ruhrgebiet liegt und sie von Flutlicht beschienen wird, ist das Bild besonders imposant. Auch bei diesem 6:2-Heimsieg über den Hamburger SV wird die Südtribüne immer wieder das Epizentrum eines Stimmungsbebens sein. 25.000 Menschen sind bei jeder Gelegenheit dort, mehr als im gesamten Stadion von Freiburg oder Braunschweig. Wie diese Tribüne funktioniert, wissen Heiko und Gabi.

Sobald es losgeht, verstehen sich die Trommler nicht als Einheizer, sondern als "Verstärker". Sie sind die Koordinationsstelle, ein verbindendes Glied, inmitten dieser fürchterlich großen Tribüne. "Wenn von rechts ein Gesang kommt, nehmen wir den Rhythmus auf", sagt Heiko, "dann machen links von uns die Leute mit und unter uns die Ultras. Wenn es gut läuft, ist plötzlich die ganze Tribüne am Hüpfen und Beben."

Dass die Südtribüne im Gegensatz zu vielen anderen Fankurven ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen kann, liegt am intakten Miteinander der verschiedenen Fangruppen. In den unteren Blöcken stehen die Ultras. Sie sind der häufigste Impulsgeber für Gesänge, zwei Vorsänger stehen auf einem Podest. Der eine hält ein Megafon, der andere ein Mikrofon, das mit einer Lautsprecheranlage verbunden ist.

Die anderen Fans, sofern in Hörweite, stimmen meistens mit ein. Aber auch die Ultras stimmen in die Gesänge anderer ein, die von überall herkommen können, wenn der Hall und die Trommler sie zu ihnen weiterleiten. Die Fronten zwischen den verschiedenen Lagern sind nicht verhärtet, und für diesen Zusammenhalt gibt es viele Gründe. Jan-Henrik Gruszecki, selbst Ultra, kennt einen besonders guten.

Vor knapp zehn Jahren stand der Verein am Abgrund, sportlich wie finanziell. Damals drohte der BVB zu verschwinden. Um dieses düstere Kapitel zu überstehen, mussten die Anhänger zusammenrücken. "Egal, ob Ultras, Kutten oder andere Typen von Fans, es ging nur um die Borussia", sagt Gruszecki. Davon würden sie bis heute zehren. Heiko und Gabi kennt er, seitdem er sieben Jahre alt ist.

Die Südtribüne ist der Vorlagengeber für die Torflut

Mit ihrer Stimmgewalt und ihrem Anblick kann die Südtribüne Partien mitentscheiden. An diesem Samstag, so scheint es, passiert zu Beginn der zweiten Hälfte genau das. Der HSV hat mit seinem zweiten Torschuss den 2:2-Ausgleich erzielt. Plötzlich dominieren die Hamburger auf dem Feld. Der gefüllte Gästeblock gibt den Ton an.  

In vielen Stadien wäre die Stimmung und vielleicht auch das Spiel gekippt. Aber die Südtribüne bietet dieser kurzen Überlegenheit des HSV ein rasches Gegengewicht. Nachdem René Adler einen Schuss von Marco Reus vor ihren Augen über die Latte lenkt, verschwindet die kurze Ohnmacht. 25.000 Menschen schmeißen ihre zu Fäusten geballten Hände dem Spielfeld entgegen: "Hier regiert der BVB!"

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Nicht immer so schlechte Laune :)

Um das zu erleben, was Sie sich vom Fußball versprechen, ist es aber nicht nötig, ins Stadion zu gehen - das funktioniert bei Sportübertragungen im Fernsehen besser - dort kann man dann Spielzüge sezieren, analysieren und anerkennen (zumindest wenn der Kommentator einigermaßen Sachverstand hat und nicht nur mit möglichst sonorer Stimme aufzählt, wer den Ball hat - gibt es leider bei Berichterstattungen zu wenig - da wären dann auch Aufnahmen des komplettes Spielfelds und nicht nur eines Ausschnitts wünschenswert, aber ich schweife ab...).

Fußball ist eben keine Realitätsflucht , sondern es ist Teil der Realität vieler Menschen. Andernfalls wären in der Bundesliga nicht 13.000.000 Menschen in den Stadien der Bundesliga gewesen (Europa-Pokal nicht betrachtet). Das mag Ihnen absurd erscheinen, aber ist letzten Endes eine Frage, wie man seine Prioritäten setzen möchte. Trotzdem hat im Schnitt (ja, die Schwächen der Statistik sind mir bekannt etc.) etwa jeder 6. Deutsche ein Bundesligaspiel besucht.

Davon abgesehen: Haben Sie einmal darüber nachgedacht, dass Live-Fußball Spaß macht? Sicherlich ist das in vieler Hinsicht primitiv, aber das sind Weißbier trinken und Volksmusik hören auf dem Oktoberfest auch...

Ohne Kenntnis

Zitat: "Das sind alles Städte, die eher hässlich....."
Das zeugt von Vorurteilen und Unkenntnis.
Ich lebe im Ruhrgebiet und das sehr sehr gerne. Das Ruhrgebiet ist das grünste Ballungszentrum in Europa. Einfach mal anschauen !! Soviel Natur haben weder München noch Stuttgart oder Hamburg.
Die Liebe zum Fußball hat auch nichts mit der vermeintlich wirtschaftlichen Schwäche zu tun. Hier leben Menschen die Emotionen leben, Menschen aus allen Schichten und Herkunftsländern. München ist wahrlich eine schöne Stadt mit schönen Bauwerken. Leben möchte ich dort allerdings nicht. (Ich kenne München gut ). Das liegt nicht an den Münchnern, das ist ein toller Menschenschlag, sondern an den Zugereisten die inzwischen wohl die Mehrheit ist. Kir Royal war leider Realsatire.

Realitätsflucht?

Es ist genau umgekehrt: Übermäßig viele Menschen fliehen vor ihren Emotionen, ohne zu begreifen, das Emotionen Grundlage der menschlichen Realität sind.

Was ist denn für Sie die Realität, vor der angeblich geflohen wird: Börsenkurse und Klavierkonzerte? Ich denke mal, Fußball ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Realität. Wir können ja nicht immer nur arbeiten und uns Sorgen machen.

Sollten wir aber tun (anscheinend)

Klavierkonzerte sind auch Realitätsflucht. Gleiche Kategorie wie Rockkonzerte, Festivals, Ballett, Theater, Kino und halt Fußball. Bei manchen dieser "Realitätsflüchte" hüpft und grölt man halt ein wenig mehr, aber die Aufgabe dieser Veranstaltungen ist natürlich immer der gleiche: Nicht arbeiten und sich mal keine Sorgen machen.

Fehlt dann noch das jemand mal wieder vielsagend panem et circenses in die Runde wirft ohne allerdings klar zu machen, wer denn diese beiden Grundbedürfnisse jetzt eigentlich instrumentalisiert.

ich wohne dort nicht, deshalb kann ich das vllt nicht so gut...

einschätzen, aber wenn Frankfurt schön ist, dann weiß ich auch nichts mehr.
Obs das grünste Ballungszentrum ist weiß auch nicht, ich glaub da ist Augsburg(25% Waldanteil am Stadtgebiet)-München(sowieso die riesigen Parks im Süden) grüner, aber ok.
Vorurteil würde ich nicht sagen, aber bsp. in Essen war ich schon lange nicht mehr, kann sein, dass sich da etwas getan hat.
Wie auch immer, ich wollte die Menschen dort nicht als Asozial bezeichen, tut mir Leid, wenn das vllt so rüber gekommen ist.
im Grunde bewundere ich die Menschen dort die wahnsinnig treu und leidenschaftlich hinter ihrem Verein stehen.
München und co. das ist z.T. einfach keine Identifikation mehr zum Verein.

Zur Information

Info: 17 % der Fläche des Ruhrgebietes sind Waldgebiete, insgesamt sind mehr als die Hälfte der Gesamtfläche als Grünflächen ausgewiesen. Auch was das kulturelle Angebot betrifft kann inzwischen nur noch Berlin mithalten.
Und um nochmal zum eigentlichen Thema zu kommen.
Wer einmal auf der Süd war kommt niemals wieder los.
Ich war mit einem kanadischen Austauschschüler (Der hatte mit Fußball überhaupt nichts am Hut ) meines Neffen auf der Nordtribüne. Der hat 90 min. fasziniert auf die Südtribüne geschaut. Inzwischen sind er und seine Freund in Kanada auch von der Süd infiziert. Via Internet wird dort inzwischen jedes Spiel geschaut.

Die Dortmunder

Südkurve dürfte schon ziemlich einmalig im Welt Fußball sein(in Südamerika kenne ich mich nicht aus). 25 Tausend Stehplätze voll mit enthusiastischen Fans. Für Investoren und Sicherheitsleuten der blanke Horror, beide würden sicher für Sitzplätze votieren, wegen den Mehreinnahmen und der Übersichtlichkeit die dann herrschen wurde. So ist der englische Fußball schon zum Musical geworden. Ich würde den Dortmundern raten, ihre Südkurve zum kulturellen Weltkulturerbe zu erklären, dann wären sie vor Veränderungen sicher. Wenn Uli Hoeneß so in sein 50 % Stadion blickt, wird ihm sicher die ein oder andere Träne kommen, bei dem Gedanken an die Stimmung in Dortmund, die ist nämlich nicht käuflich ist.