Heiko und Gabi sind ein Ehepaar und die dienstältesten Trommler auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion, seit 1998 halten sie die Schlägel in den Händen. Sie tragen Kutten, also Jeanswesten mit unzähligen Aufnähern. Vor dem Heimspiel gegen den HSV plaudern sie mit ihrer Clique vor dem Stadion, an einer der vielen Buden, wo sich Abertausende Borussen auf das Spiel einstimmen. Schon sehr zeitig gehen sie in ihren Block, um die Trommeln und Fahnen anzubringen. "Wann genau kommt drauf an, wie wir gerade unser Bierchen leer haben", sagen sie.

Im Westfalenstadion, wie es hier immer noch alle nennen, fällt es schwer, sich auf ein Fußballspiel zu konzentrieren. Andauernd möchte man den Blick auf die Südtribüne richten, die Heimat der singenden Dortmund-Fans. Wenn der Abendhimmel über dem Ruhrgebiet liegt und sie von Flutlicht beschienen wird, ist das Bild besonders imposant. Auch bei diesem 6:2-Heimsieg über den Hamburger SV wird die Südtribüne immer wieder das Epizentrum eines Stimmungsbebens sein. 25.000 Menschen sind bei jeder Gelegenheit dort, mehr als im gesamten Stadion von Freiburg oder Braunschweig. Wie diese Tribüne funktioniert, wissen Heiko und Gabi.

Sobald es losgeht, verstehen sich die Trommler nicht als Einheizer, sondern als "Verstärker". Sie sind die Koordinationsstelle, ein verbindendes Glied, inmitten dieser fürchterlich großen Tribüne. "Wenn von rechts ein Gesang kommt, nehmen wir den Rhythmus auf", sagt Heiko, "dann machen links von uns die Leute mit und unter uns die Ultras. Wenn es gut läuft, ist plötzlich die ganze Tribüne am Hüpfen und Beben."

Dass die Südtribüne im Gegensatz zu vielen anderen Fankurven ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen kann, liegt am intakten Miteinander der verschiedenen Fangruppen. In den unteren Blöcken stehen die Ultras. Sie sind der häufigste Impulsgeber für Gesänge, zwei Vorsänger stehen auf einem Podest. Der eine hält ein Megafon, der andere ein Mikrofon, das mit einer Lautsprecheranlage verbunden ist.

Die anderen Fans, sofern in Hörweite, stimmen meistens mit ein. Aber auch die Ultras stimmen in die Gesänge anderer ein, die von überall herkommen können, wenn der Hall und die Trommler sie zu ihnen weiterleiten. Die Fronten zwischen den verschiedenen Lagern sind nicht verhärtet, und für diesen Zusammenhalt gibt es viele Gründe. Jan-Henrik Gruszecki, selbst Ultra, kennt einen besonders guten.

Vor knapp zehn Jahren stand der Verein am Abgrund, sportlich wie finanziell. Damals drohte der BVB zu verschwinden. Um dieses düstere Kapitel zu überstehen, mussten die Anhänger zusammenrücken. "Egal, ob Ultras, Kutten oder andere Typen von Fans, es ging nur um die Borussia", sagt Gruszecki. Davon würden sie bis heute zehren. Heiko und Gabi kennt er, seitdem er sieben Jahre alt ist.

Die Südtribüne ist der Vorlagengeber für die Torflut

Mit ihrer Stimmgewalt und ihrem Anblick kann die Südtribüne Partien mitentscheiden. An diesem Samstag, so scheint es, passiert zu Beginn der zweiten Hälfte genau das. Der HSV hat mit seinem zweiten Torschuss den 2:2-Ausgleich erzielt. Plötzlich dominieren die Hamburger auf dem Feld. Der gefüllte Gästeblock gibt den Ton an.  

In vielen Stadien wäre die Stimmung und vielleicht auch das Spiel gekippt. Aber die Südtribüne bietet dieser kurzen Überlegenheit des HSV ein rasches Gegengewicht. Nachdem René Adler einen Schuss von Marco Reus vor ihren Augen über die Latte lenkt, verschwindet die kurze Ohnmacht. 25.000 Menschen schmeißen ihre zu Fäusten geballten Hände dem Spielfeld entgegen: "Hier regiert der BVB!"

Die Gesänge schwappen wie Wellen auf die anderen Seiten des Stadions

Kurz darauf erzielt Pierre-Emerick Aubameyang das 3:2, Robert Lewandowski das 4:2 und Marco Reus das 5:2. Eine Vollgasveranstaltung: Der HSV wird nun buchstäblich an "die Wand" gespielt, über die ein Film gedreht wurde, der momentan in den Kinos und am 3. Oktober im WDR zu sehen ist:

Die Stimmung entwickelt sich aus dem Spiel heraus, als wären beide ein Organismus. Es wirkt, als würden sich Publikum und Mannschaft einander hochschaukeln. Manchmal schwappen die Gesänge wie Wellen auf die anderen Seiten des Stadions über. Als Lewandowski das finale 6:2 erzielt, stehen auch die Menschen auf der Haupttribüne für Minuten. "Das habe ich erst selten erlebt", sagt Jürgen Klopp nach dem Spiel. "Das Publikum war heute absolut großartig."

Die Architektur einer Klangkulisse

Diese Orchestrierung ist auch das Werk von Ralf Schulte-Ladbeck. Vor zehn Jahren hat der Architekt mit seinem Kollegen Matthias Schröder den Umbau des Stadions zur modernen Arena gestaltet: Die Ecken sind seitdem mit zusätzlichen Tribünen geschlossen, von weit entfernt ersichtliche, knallgelbe Stahlpylonen umranken die Spielstätte.

Damit die Lautstärke in ihr bestmöglich konserviert wird, die Akustik der Fangesänge von der Südtribüne das optimale Echo erhält, haben sie damals bauphysikalische Berechnungen angestellt. Es galt, die idealen Nachhallwerte für das Stadion zu finden.

Schulte-Ladbeck und Schröder haben eine Sensibilität für Stimmungen, viele Konzerthäuser haben sie schon gebaut. Die Architektur von Stadien könnte kaum unterschiedlicher sein, aber in einer Sache ist es dasselbe: "Es sind die Emotionen der Menschen, die transportiert werden", sagt Schulte-Ladbeck, der Sohn des Ruhrgebiets und Fan der Borussia ist.

Auch gegen den HSV ist er im Stadion, gemeinsam mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn. "Dieses Stadion fördert die Art und Gattung des Ruhrgebietlers", sagt Schulte-Ladbeck, "es fördert die Haltung der Menschen hier, wenn man sieht, wie emotional sie reagieren."

Schon wieder eine hohe Ablösesumme aus München?

Passend dazu erzählt ein älterer Herr im BVB-Trikot nach dem Abendspiel am Dortmunder Bahnhof einen Gag. Man muss dazu wissen: Stunden bevor der BVB den HSV unter Flutlicht so übel zurichtete, hatte der FC Bayern gespielt und zu Hause gegen Hannover mit 2:0 gewonnen. Matthias Sammer beklagte nach dem Spiel, man habe sich "in gewissen Phasen nicht emotionalisiert".

"Habt ihr gehört, die Bayern haben uns schon wieder ein Angebot gemacht", posaunt der ältere Herr im BVB-Trikot, "3,4 Milliarden für die Südtribüne einschließlich Publikum. Damit da auch mal was los ist."