Richtig verarbeitet hat Alexander Rosen noch nicht, was in den vergangenen Monaten auf ihn eingeprasselt ist. Zeit zur Feinanalyse fehlte bislang, aber so viel weiß der Sportliche Leiter der TSG Hoffenheim: "Es waren die intensivsten Monate in meinem Leben."

Als er am 2. April mit Trainer Markus Gisdol die Verantwortung beim Bundesligisten übernahm, gab niemand mehr etwas auf den Klub. Hoffenheim schlingerte im Abstiegsstrudel, das Team wirkte orientierungslos und apathisch nach etlichen Personalrochaden. Gisdol war nach Markus Babbel und Marco Kurz schon der dritte Trainer dieser turbulenten Saison, Rosen ersetzte als Manager Andreas Müller.

Es war ein Start, der ihm gleich alles abverlangte: "Wir mussten im April vier Szenarien planen: Erste Liga mit und ohne Relegation, Zweite Liga mit und ohne Relegation, alles war möglich", sagt Rosen. Über die Relegationsrunde rettete Hoffenheim überraschend noch die Bundesliga-Zugehörigkeit. Danach galt es, den Kader für die neue Saison zu formen, zu einer Zeit, als die meisten Kollegen schon ihre Arbeit erledigt hatten.

Vor allem galt es, den Kader zu reduzieren, der so angeschwollen war, dass man ohne Not damit zwei Bundesliga-Teams hätte bestücken können. "Sonst wären über 40 Profis zum Trainingsstart erschienen, ohne unsere Zugänge", rechnet der 34-Jährige vor. Der vermutlich größte Spielerkader in 50 Jahren Bundesliga ist auch Ausdruck einer hektischen Transferpolitik, mit der die TSG auf den verkorksten Start in der vergangenen Spielzeit reagiert hatte.

Gründer der Trainingsgruppe 2

Alles getragen von den Millionen des Mäzens Dietmar Hopp, der umgeben wird von einem Schwarm Claqueure und Einflüsterer, zu denen auch Spielerberater zählen. Fußballkompetenz entsteht selten in so einer Gemengelage, von dem früheren Hoffenheimer Nachwuchskonzept jedenfalls blieb in diesen grotesken Verirrungen wenig übrig. Dafür aber standen etliche Profis auf der Gehaltsliste, die beim Neuanfang keine Rolle mehr spielten. "Wir arbeiten vornehmlich mit Spielern, die in ihrer Entwicklungskurve noch am Anfang stehen", sagt Rosen.

Fünf neue Profis verpflichtete Rosen, davon schafften Anthony Modeste und Tarik Elyounoussi auf Anhieb den Sprung in die Stammformation. 17 Spieler vermittelte er zu anderen Vereinen, außerdem wurde die Trainingsgruppe 2 eingerichtet, die schillerndste Übungsgruppe der Republik mit Spielern wie Tim Wiese und Tobias Weis. Sie spielen alle keine Rolle mehr.

"Neben den sportlichen Faktoren waren die Attribute des Kollektivs wichtig bei der Kaderplanung", sagt Rosen dazu. "Für unseren Fußball brauchen wir in jeder Hinsicht eine bedingungslose Bereitschaft." Charakter ist auch ein Substantiv, das in Hoffenheim öfter zu hören ist in diesen Tagen. 

Es sind mehr als Aufräumarbeiten und Kurskorrekturen, die Rosen und Gisdol vornehmen. Es ist die Rückkehr zum Urprinzip und den Grundwerten, mit denen Ralf Rangnick 2008 mit dem Dorfklub der Aufstieg in die Erste Liga gelungen ist. "Wir sind vom Weg abgekommen. Hoffenheim hat in den vergangenen zwei Jahren im Profibereich die ursprüngliche Identität verloren", sagt Rosen. "Aber die DNA ist unbeschädigt geblieben." Anders formuliert: Das Herz ist gesund, auch wenn Kopf und Geist zeitweise verwirrt und benebelt waren.