ZEIT ONLINE: Herr Pohl, Sie sind beim Berlin-Marathon kein normaler Läufer, sondern ein Tempomacher für jedermann. Wie muss man sich ihren Job als sogenannter Zug- und Bremsläufer vorstellen?

Christian Pohl: Ich laufe von Anfang bis Ende das gleiche Tempo und komme so zu einer genau festgelegten Zeit auf die Minute genau ins Ziel. So können sich die Läufer, die eine bestimmte Zeit knacken wollen, an mir orientieren. Es gibt etwa 30 Tempomacher wie mich, die von drei Stunden bis 4:45 h im Viertelstundentakt ins Ziel kommen. Je schneller die Zeit, desto weniger Zugläufer gibt es.

ZEIT ONLINE: Wie erkennen die Leute Sie?

Pohl: Ich habe einen großen Heliumballon dabei, auf dem die Zeit steht. Der nervt die Läufer manchmal. Wenn sie müde werden, beschweren sie sich, dass er ihnen im Gesicht hängt. Es war angedacht, es mit Fähnchen zu versuchen, aber das ist erst einmal auf die nächsten Jahre verschoben.

ZEIT ONLINE: Welche Zeit laufen Sie?

Pohl: Bei diesem Marathon laufe ich 3:15 h. Ich hatte mich defensiv beworben, weil ich nicht wusste, wie gut ich über den Sommer komme. Am liebsten sind mir aber drei Stunden. Da sind die ambitioniertesten, am besten vorbereiteten Läufer dabei. Bei drei Stunden muss man 14,3 Kilometer pro Stunde laufen, da braucht man eine Grundschnelligkeit. Bei 3:30 h dagegen nehmen sich die Leute mit zu wenig Training zu viel vor, es wird viel mit der Brechstange gemacht. Die meisten Leute kotzen bei 3:30 h.

ZEIT ONLINE: Wie sehr orientieren sich die Läufer an Ihnen?

Pohl: Während des Laufs kriegt man das gar nicht mit. Ich bin immer erstaunt, wie viele Leute sich dann im Ziel bedanken. Die Leute nehmen den Ballon als Orientierung und bleiben in Sichtweite.

ZEIT ONLINE: Brauchen die Läufer Sie eher um gebremst oder um gezogen zu werden?

Pohl: Beides. Am Anfang um zu bremsen, später dann auch, um zu ziehen. Aber wenn du tot bist, bist du tot. Letztes Jahr habe ich etwas Besonderes erlebt. Eine Frau ist am Samstag den Inlineskate-Marathon gelaufen und am Sonntag den Marathon. Das hat mich unheimlich beeindruckt. Sie ist von Anfang an mit mir gelaufen und bei 3:13 h ins Ziel gekommen. Das habe ich in den 15 Jahren, in denen ich das mache, erst einmal erlebt.

ZEIT ONLINE: Wann während des Marathons benötigen Sie die Läufer am meisten?

Pohl: Ab Kilometer 30. Vorher sind alle beschäftigt mit Sightseeing und Gucken und In-Sich-Hineinhören. Ein Marathon beginnt erst bei Kilometer 30. Die ganzen Pläne, die man sich vorgenommen hat mit Kohlenhydraten und so weiter, sind dann passé. Ich kriege selbst eine Gänsehaut, wenn ich das sage.

ZEIT ONLINE: Dann wird es auch für Sie spannend.

Pohl: Genau. Wir motivieren die Leute, als Zug und auch als Bremse. Beim Stadtmarathon gibt es Hot Spots mit Bands und Tausenden von Zuschauern. Dort besteht die Gefahr, dass alle schneller werden, weil sie voll gepusht werden. Da muss ich auf die Bremse drücken. Das ist viel wichtiger als man denkt. Minimales Überpacen geht häufig schief und man kommt dann zehn Minuten später ins Ziel als geplant.

ZEIT ONLINE: Wie schaffen Sie es, immer gleich schnell zu laufen?

Pohl: Mit der GPS-Uhr. Als es die noch nicht gab, habe ich mir immer schnelle Frauen gesucht. Weil die Frauen, die einen Marathon in drei Stunden laufen, auf einem höheren Level sind als ein Mann bei drei Stunden. Da konnte ich mich immer drauf verlassen. Ich glaube, dass Frauen es besser im Griff haben, in sich hinein zu hören. Wenn ich deutlich langsamer laufe, suche ich mir einen alten Hasen, an dem ich mich orientiere.