Fan-Konflikt in Aachen : Die Rechten haben gesiegt

In Aachen haben rechte Fans mithilfe von Neonazis die linken Ultras aus dem Stadion geprügelt. Der Konflikt ist nicht nur politisch, sondern auch fan-kulturell.
Die Fans von Alemannia Aachen beim Spiel in Köln (Juli 2013), rechts das Banner der Karlsbande © Jürgen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Auf den ersten Blick herrscht in Aachen auch in der Regionalliga eine Fußballstimmung, wie es sich manch Zweitligist nur wünschen kann. Die Alemannia, die vor gut sechs Jahren noch in der Bundesliga spielte, misst sich inzwischen mit den Sportfreunden Lotte. Dennoch kommen an einem Samstagmittag mehr als 7.000 Zuschauer zum Tivoli. Der Fan-Block ist voll, die Gesänge und Sprechchöre für das Team sind laut. Doch der Schein trügt.

Was im Stadion nicht zu sehen ist: In der Fan-Szene hat sich in den vergangenen zwei Jahren ein in Deutschland beispielloser Kampf abgespielt. Die Fans der Karlsbande haben mithilfe befreundeter Gruppen und wohl auch befreundeter Neonazis die Aachen Ultras (ACU) mehrfach bedroht und angegriffen, in und außerhalb der Stadien. Teilweise wurden ACU-Mitglieder zu Hause aufgesucht. Vor dem Stadion in Saarbrücken kam es im August 2012 zu einer Hetzjagd.

Im Januar haben die Ultras entschieden, nicht mehr ins Stadion zu gehen. Es wurde ihnen zu gefährlich. Seitdem meiden sie den Tivoli. Und wenn Einzelne doch einmal gehen, dann auf die Haupttribüne, dorthin, wo die Familienväter sitzen. Sie kommen kurz vor Anpfiff, verschwinden kurz vor Abpfiff, verhalten sich unauffällig und drehen sich noch auf dem Weg zum Parkplatz gelegentlich um. Die Karlsbande hat die Ultras aus dem Tivoli geprügelt.

Kein Horst-Wessel-Lied im Fan-Block

Die Rechten haben gewonnen. Die Karlsbande ist nämlich das, was Politologen und Fan-Experten wie Richard Gebhardt von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen "mindestens rechtsoffen" nennen. In der Karlsbande sind gefährliche Neonazis tätig. Szenebeobachter schätzen die Zahl der rechtsextremen Aktivisten, die in und um Aachen stark verbreitet sind, in und um die Karlsbande auf rund fünfzig. Darunter sind ein paar junge Männer, die jederzeit auf die Schnelle eine Schlägertruppe rekrutieren können. "Wir beobachten mit großer Sorge, dass die Karlsbande von Rechtsradikalen unterwandert wird", sagte Paul Kemen von der Aachener Polizei der Welt und spricht von einem einmaligen Konflikt. "Die Gewalt geht eindeutig von der Karlsbande aus."

Fotos zeigen die Aktivisten auf Grillfesten der Fan-Hütte. Sie besuchen Auswärtsfahrten, bisweilen auch Heimspiele. Wer regelmäßig zum Tivoli geht, kennt die Verbrüderungsrituale zwischen Stadionordnern und ehemaligen Mitgliedern der rechtsextremen Kameradschaft Aachener Land, die vor einem Jahr verboten wurde.

Die Nähe der Rechten zur Alemannia ist offensichtlich, zumal der Spitzenkandidat der jungen Partei Die Rechte, André Plum, Facebook nutzt, um mit Alemannia Aachen Propaganda zu betreiben. Der Neonazi Sascha Wagner, ein NPD-Funktionär, gibt sich seit vielen Jahren als Unterstützer des Vereins.

Im Stadion sieht man die rechte Haltung nur selten. "Die singen nicht das Horst-Wessel-Lied im Fan-Block, so plump sind sie nicht", sagt Gebhardt. "Aber sie pflegen dort persönliche Kontakte."

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Kommentare

127 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Re: Rinks Lechts

Wie das einzuordnen ist, was sie finden, ist ja Dank dieses undifferenzierten Artikels nun schon geklärt. Und ja, ein Teil der ACU setzt sich tatsächlich aus derart linken Kreisen zusammen, dass man sie den Stalinisten zuordnen könnte, aber es geht gar nicht um die genaue Einordnung der Linksextremen dort (übrigens, warum betont die Presse diese Feinheiten nicht auch bei rechts?), denn es dürfte herzlich egal sein ob man von einem Anarchisten o. Stalinisten verprügelt wird.

Sie reden von Rasse. Die Rasse und persönlichen Überzeugung interessiert bei Ultra überhaupt nicht. Bei den meisten Ultras stehen Rechte neben Linken, Ausländer neben Deutschen, Schwarze neben Weissen und genauso haben sie auch füreinander einzustehen u. das kann bedeuten, dass der Türke den Thor Steinar-Fan und der Rassist den Schwarzen beschützt, wenn sie von einer gegnerischen Fangruppierung angegangen würden. "Privat" darf jeder seine Meinung haben, aber im Stadion gibt es nur den Verein und solange niemand gegen diese Regel verstösst (Werbung für Parteien, Ideologien usw.) darf er sich beteiligen. Das ist bei der KBU nicht anders.

Was für eine herzliche

Sozialromantik :) Ich glaube viele Fußballfans haben ihre eigenen Erfahrungen mit Ultras gemacht. Sie meinen, die Ultras seien nicht politisch, sicher beruhend auf Ihren Erfahrungen. Darf ich so indiskret fragen, aus welcher Region Sie kommen? Denn es gibt sicher auch diese Ultragruppen. In meiner Region (Leipzig, wie Ihnen sicher bekannt ist) ist Ultrasein extrem verbunden mit Politik und hat seine Wurzeln in der Zeit des DDR Regimes, in dem politisch in den Fußball eingegriffen wurde. Ich schrieb es bereits, soweit ich mich entsinne. Der Kameradschaftsgedanke der Ultras ist sozialstrukturell dem von politisch Randnetzwerken sehr ähnlich. Ähnlicher Kodex, ähnliche Hierarchie, ähnliche Netzwerkinstrumente, ähnlicher Feindschaftsgedanke, ähnlicher Zusammenhalt, ähnlicher Umgang mit "Verrätern" ... Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt eine ganze Reihe Ultragruppen, die sich versuchen abzuschotten gegen Politik, aber wie bereits erwähnt. Es ist ähnlich, wie bei der Skinheadkultur. Es zieht politisch orientierte an, ködert Jugendliche, fördert den Wunsch nach Rebellion und genau darin liegt ein gewisses Risiko.

@Leipziger: Ich bin sehr froh, dass es auch andere Leipziger gibt, die das hier im Forum thematisieren, warum man als Leipziger durchaus einfach keine Lust mehr auf den BSG - LOK Kindergarten haben und darum RBL sympathisch finden kann. RBL ist quasi ein unpolitischer Neustart für den Fußball in Leipzig.

Bin gespannt, wie sich die Situation in Aachen ....

Eins...

Halt sie es ruhig für eine Sozialromantik. Im Fussball geht Vieles, was an anderer Stelle unmöglich erscheint.
Nebenbei bemerkt, ich sagte nicht, dass die Ultras unpolitisch seien, ich sagte, dass jedes Individuum seine persönlichen Einstellung hintenanstellt, wenn diese nichts mit Fussball bzw. Verein zu tun haben.
Das ist der Grund warum das Ganze überhaupt funktionieren kann u. eine recht homogene Masse mit zum Teil stark widerstrebenden Interessen Einzelner entstehen u. auf Dauer funktionieren kann.

Es sind nicht alle Lok-Anhänger rechtsextrem, genauso wenig wie die der BSG alle links sind. Die Feindschaft zw. beiden Anhängergruppen hat, wie sie ja bereits richtig andeuteten, historische Gründe. Bereits 1956 stellten die Beiden (Chemie noch durch den Vorgängerclub Rotation) den immer noch gültigen Zuschauerrekord für nationale Spiele auf, mit über 100.000 Zuschauern im Stadion. Das zeigt ja wie dieses Zusammentreffen schon damals wahr genommen wurde.
Lok hat natürlich einen schlechten Ruf, der meiner Meinung nach zu einem großen Teil auf Legendenbildung, nicht zuletzt durch die Medien, beruht.

Zwei...

Ja, Lok hat zum Teil gewaltätige Anhängerschaft, genau wie Stuttgart, Köln, Frankfurt, Dortmund, Nürnberg, Münschen usw. , aber Hooliganismus muss nicht unbedingt etwas mit politischer Einstellung zu tun haben.
Teilweise ist es sogar so (hier entfernen wir uns vom Thema, denn Ultras sind etwas Anderes als Hools), daß die verschiedenen Gruppen Telefonnr. austauschen, um sich treffen zu können.

Ja, es gibt dort sicher auch politisierte Wirrköpfe wie sie es auch bei Babelsberg, Tennis Borussia, Dortmund, Bremen, Hamburg, München usw. ebenfalls gibt. Jedoch sind mir nur Vereine aus dem linken Spektrum bekannt, in den Ultras eine klar politische Linie fahren.

Drei....

Ich weiß von Lok, dass der größte Teil der Anhänger dort unpolitisch ist. Ich weiß aber auch, dass das Filmstadtinferno aus Babelsberg bereits vor dem Spiel gegen Lok versuchte die autonome Szene zu gewinnen gegen die "Nazis" zu gewinnen (was überhaupt nicht kritisch hinterfragt wird). Natürlich kam es dann so, wie es kommen musste. Das nennt man wohl eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Von daher finde ich es auch gut, daß Lok mit einer Verleumdungsanzeige gegen den Berliner AK vorgeht.
Mir ist auch bei anderen Vereinen bekannt, dass die Verhältnisse dort den Medienberichten widersprechen, beispw. gibt es in Rostock Russlanddeutsche u. Linke in den Reihen und beim Berliner FC Linke. Der Unterschied ist nur, dass man sich gegen Unterwanderung durch Ideologen wehrt. In Rostock hat man nicht nur NPD-Funktionäre aus dem Stadion geschmissen, sondern auch eine sich bildende linke (Fan-/Ultra-)Gruppierung.

Ja, aber...

Na ja, die SPD lebt tatsächlich Demokratie, wenn sie auch Leute sprechen lässt, die anderer Meinung als sie selbst sind.

Man muss damit leben, dass es Menschen gibt, die anderer Meinung sind. Und da Sarrazin kaum gesagt hat, man solle Ausländer vergasen oder ähnliches, kann man ihm auch kaum mehr als eine rechte Gesinnung vorwerfen. Und diese ist nun einmal in einer Demokratie nicht verboten.

Warum lästern Sie denn nicht über Buschkowsky? Der hat heute Morgen im Frühstücksfernsehen auch wieder etwas zu äusländischen Mitbürgern gesagt... komisch...

Fangesang @Oliver Fritsch

Pardon, aber zum Thema Fangesang möchte ich da nun doch ein paar Worte verlieren.

Ich bin nahe Aachen ( aber in einer Bundesligastadt ) beheimatet.

Seit vielen Jahrzehnten als Fangesang - auch in den dt. Top-Ten ( Extrabreit, NDW ) - sind Gesänge zum Takte des " Fliegerlieds " schlichtweg Alltag.

Das " Fliegerlied " in allen Varianten ist gesellschaftlich auf CD akzeptiert, war nie in der Diskussion. Wird auch heuer noch im ÖR dargebracht. Darf auf keiner 80er-Fete fehlen - alternativ nennt man das Ü40-Party.

Guter Fangesang vs böser Fangesang???? Das ist mir nun wirklich zu weit hergeholt!!!

Tja, bliebe das " Wessellied ". Bekanntlich auch zur Olympiade abgespielt...da im Original. Ja, das gibt es in vielen Stadien - und nicht nur da in seinen Varianten.

Warum also ist eine Variante des " Wessellied " schlimmer als eine des " Fliegerlied " ????

Bin gespannt auf eine Antwort, wirklich!

Gruss

Da haben Sie sich,m glaube ich, verschrieben:

"Da wären z.B. die Fans Ajax Amsterdam die ziemlich konsequent Antisemitisch sind und häufig Isrealische Flaggen zeigen oder die Kipa tragen." Sie meinten eher pro-jüdisch / -israelisch, oder? Inhaltlich haben Sie damit recht - Ajax Amsterdam wird, das ist der Preis für solches Verhalten, auch in NL teilweise deshalb übelst diffamiert.