Auf den ersten Blick herrscht in Aachen auch in der Regionalliga eine Fußballstimmung, wie es sich manch Zweitligist nur wünschen kann. Die Alemannia, die vor gut sechs Jahren noch in der Bundesliga spielte, misst sich inzwischen mit den Sportfreunden Lotte. Dennoch kommen an einem Samstagmittag mehr als 7.000 Zuschauer zum Tivoli. Der Fan-Block ist voll, die Gesänge und Sprechchöre für das Team sind laut. Doch der Schein trügt.

Was im Stadion nicht zu sehen ist: In der Fan-Szene hat sich in den vergangenen zwei Jahren ein in Deutschland beispielloser Kampf abgespielt. Die Fans der Karlsbande haben mithilfe befreundeter Gruppen und wohl auch befreundeter Neonazis die Aachen Ultras (ACU) mehrfach bedroht und angegriffen, in und außerhalb der Stadien. Teilweise wurden ACU-Mitglieder zu Hause aufgesucht. Vor dem Stadion in Saarbrücken kam es im August 2012 zu einer Hetzjagd.

Im Januar haben die Ultras entschieden, nicht mehr ins Stadion zu gehen. Es wurde ihnen zu gefährlich. Seitdem meiden sie den Tivoli. Und wenn Einzelne doch einmal gehen, dann auf die Haupttribüne, dorthin, wo die Familienväter sitzen. Sie kommen kurz vor Anpfiff, verschwinden kurz vor Abpfiff, verhalten sich unauffällig und drehen sich noch auf dem Weg zum Parkplatz gelegentlich um. Die Karlsbande hat die Ultras aus dem Tivoli geprügelt.

Kein Horst-Wessel-Lied im Fan-Block

Die Rechten haben gewonnen. Die Karlsbande ist nämlich das, was Politologen und Fan-Experten wie Richard Gebhardt von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen "mindestens rechtsoffen" nennen. In der Karlsbande sind gefährliche Neonazis tätig. Szenebeobachter schätzen die Zahl der rechtsextremen Aktivisten, die in und um Aachen stark verbreitet sind, in und um die Karlsbande auf rund fünfzig. Darunter sind ein paar junge Männer, die jederzeit auf die Schnelle eine Schlägertruppe rekrutieren können. "Wir beobachten mit großer Sorge, dass die Karlsbande von Rechtsradikalen unterwandert wird", sagte Paul Kemen von der Aachener Polizei der Welt und spricht von einem einmaligen Konflikt. "Die Gewalt geht eindeutig von der Karlsbande aus."

Fotos zeigen die Aktivisten auf Grillfesten der Fan-Hütte. Sie besuchen Auswärtsfahrten, bisweilen auch Heimspiele. Wer regelmäßig zum Tivoli geht, kennt die Verbrüderungsrituale zwischen Stadionordnern und ehemaligen Mitgliedern der rechtsextremen Kameradschaft Aachener Land, die vor einem Jahr verboten wurde.

Die Nähe der Rechten zur Alemannia ist offensichtlich, zumal der Spitzenkandidat der jungen Partei Die Rechte, André Plum, Facebook nutzt, um mit Alemannia Aachen Propaganda zu betreiben. Der Neonazi Sascha Wagner, ein NPD-Funktionär, gibt sich seit vielen Jahren als Unterstützer des Vereins.

Im Stadion sieht man die rechte Haltung nur selten. "Die singen nicht das Horst-Wessel-Lied im Fan-Block, so plump sind sie nicht", sagt Gebhardt. "Aber sie pflegen dort persönliche Kontakte."

Zwei Jugendstile kämpfen um die Macht in der Kurve

Manchmal sieht und hört man doch was. Beim Spiel in Düsseldorf 2012 reckte einer der Anführer der Karlsbande den Arm zum Hitlergruß, eine Halbzeit lang. Die Ultras wurden, als sie noch ins Stadion gingen, oft als "Juden" bezeichnet. In der Februar-Ausgabe ihres Stadionhefts Banderole zitierte die Karlsbande einen alten Zeitungstext über den "Judenklub Münster", ohne sich von dem Zitat zu distanzieren.

Auf der anderen Seite stehen die Ultras. Sie bezogen Stellung gegen Homophobie, Rassismus und Faschismus. Eigentlich vertreten sie EU- oder Fifa-Standards, kein Bundestagsabgeordneter der CDU könnte sich heute Widerspruch gegen diese Positionen erlauben.

Doch in der Logik des Fußballs gelten die Ultras als Linke. Links ist demnach, wer für Menschenrechte eintritt. "Dass die Ultras das auf dem konservativen Tivoli zum Thema gemacht haben, war eine kulturrevolutionäre Leistung", sagt Gebhardt. "Diese Gruppe war hinsichtlich ihrer Selbstreflektion und Wandlungsfähigkeit vorbildlich."

Mancher Fan erkennt das an. Zu der Logik des Fußballs gehört aber auch, dass die Ultras mit ihrer Revolution auf Widerstand trafen. Nicht nur bei der Karlsbande, sondern auch bei vielen anderen Zuschauern.

Stadionverbotler als Märtyrer

Der Verein sah lange zu, berief dann ein paar Runde Tische ein. Es wirkte, als wäre das Thema ihm lästig. Verschärfend hinzu kam, dass die Alemannia seit Jahren mit anderen Problemen zu tun hat: dem sportlichen Niedergang, einer viel zu teuren Arena, Insolvenz- und Gerichtsverfahren, ständigen Personalwechseln und -mangel. Der Verein, der von öffentlichem Geld abhängt, versuchte sich, mit der Ausrede herauszuwinden, Fußball habe nichts mit Politik zu tun. "Der Verein betreibt Symbolpolitik und nennt zu selten Ross und Reiter", sagt Gebhardt.

Inzwischen hat die Alemannia auf den öffentlichen Druck reagiert. Sie hat viele Stadionverbote gegen Gewalttätige ausgesprochen, hat die Banderole und sogar die Symbole der Karlsbande am Tivoli untersagt. Doch das Verbot wird von den Fans manchmal unterlaufen. Bei Auswärtsspielen haben sie ohnehin freie Hand.

Und die Namen der Stadionverbotler tauchen regelmäßig auf Transparenten und Shirts am Tivoli auf. "Der Verein müsste konsequenter handeln", sagt André Bräkling von der Fan-IG, einem Zusammenschluss gemäßigter Alemannia-Fans. "Er müsste verbieten, dass die Karlsbande ihre Stadionverbotler zu Märtyrern macht. Sie sind ein schlechtes Beispiel für junge Fans."

Im Konflikt zwischen den Ultras und der Karlsbande prallen aber nicht nur zwei politische Gegensätze aufeinander, sondern auch zwei unterschiedliche Fan-Kulturen. Wie in manchem anderen deutschen Stadion kämpfen zwei Jugendstile um die Macht in der Kurve.

Das Video zeigt eine aggressive Re-Aktion der Ultras gegen die Karlsbande.

Gymnasiasten gegen Plebejer

Die Karlsbande sind wie ihre befreundeten Hooligan-Gruppen Westwall und Supporters die Traditionalisten am Tivoli. Die Ultras verstehen sich als Avantgarde. Diese Differenzen traten im Stadion stets zu Tage. Die Karlsbande feuert klassisch an. "Olé Alemannia" ist ein alter Schlachtruf, den sie gerne singt. Und wenn sie den Alemannia-Walzer anstimmt, macht das ganze Stadion mit. Die Ultras folgen hingegen dem Ultra-Code, der aufwendige und bunte Choreografien und melodische Musik vorsieht.

Die Karlsbande hat eine dicke Pauke, der Trommler betont stets den ersten Schlag des Takts. Die Ultras hatten immer eine Snare Drum dabei, mit der sie komplexe Rhythmen anschlugen. Sie legen Wert darauf, schönere und einfallsreichere Lieder zu singen. "Im Vergleich mit dem Rest vom Tivoli machen die Ultras Zwölftonmusik", sagt Gebhardt. Von einigen Zuschauern wurden die Kreativen abfällig "Sambatruppe", "Schwulis" und "Mädchen" genannt.

Die Karlsbande schlägt fester mit den Fäusten

Noch mehr Unterschiede: Ultras betreiben, im Gegensatz zu den Traditionalisten, keinen spielbezogenen Support. Sie singen ihre Lieder, fast egal, was auf dem Platz passiert. Der Vorsänger, der Capo, steht oft mit dem Rücken zum Spielfeld. "Ihr Spiel auf den Rängen ist den Ultras oft wichtiger", sagt Gebhardt.

Ultras wollen zudem über Politik mitreden. Nicht nur über Antifaschismus oder Pyrotechnik, sondern auch über Ticketpreise und die Kommerzialisierung und Neoliberalisierung des Fußballs (pdf). Die deutschlandweite Aktion 12:12, mit der sich Fans gegen die Sicherheitspolitik der Verbände richteten, boykottierten die Aachener Ultras, weil angeblich rechtsoffene Fan-Gruppen aus anderen Städten teilnahmen. In einem Stadion wie dem Tivoli wurden sie durch ihre Ambitionen zu Fremdkörpern. Auch deswegen hielt sich die Solidarität mit ihnen in Grenzen.

Die Ultras sind die "Gymnasiasten", die Karlsbande die "Plebejer". Die Karlsbande schlägt fester mit den Fäusten, die Ultras reden geschickter mit Journalisten und Politikern. Die Karlsbande sind "Normalfans", konformistischer, die Ultras elitärer. Die Karlsbande grölt "Hurensohn" und "Arschloch", die Ultras geben sich gesittet.

Wie die Traditionalisten ihre Rolle verstehen, zeigt sich im Spiel gegen Lotte: Als ein Stürmer des Gegners eine Schwalbe hinlegt und minutenlang eine Verletzung simuliert, pfeift und flucht das Aachener Publikum, was die Kehlen und Lungen hergeben, auch das auf der Haupttribüne.

Die Ultras hätten sich an dieser Unsitte des Fußballs nicht gestört. Ihrer Meinung nach ist es unfein, Gegner zu verhöhnen. Doch die Ultras sagen, singen und tun nichts mehr. Sie kommen nicht mehr zum Tivoli.