Debatte - Gebauer und Steinbrecher über Vorbildfunktionen im Sport

Durch ihren Beruf sind Sportler der Öffentlichkeit bekannt, aber sollte man sie sich zum Vorbild nehmen? Über diese Frage diskutierten am Donnerstagabend der Journalismus-Professor und ehemalige Sportstudio-Moderator Michael Steinbrecher und der Philosoph Gunter Gebauer beim Philosophischen Armdrücken, der zweimonatlichen Sport-Debatte von ZEIT ONLINE.

Gebauer hatte zum Auftakt der Debatte in einem philosophischen Essay geschrieben, Sport sei vor allem Ästhetik, Erotik und Glamour. Um bekannt zu werden, müssten Sportler "sexy" für das Fernsehen sein. Sportler seien auf Erfolge fixiert und keine Vorbilder. Er sagte: "Prominenz widerspricht ethischem Handeln, anstatt es zu fördern."

Steinbrecher widersprach. Er selbst habe in seinem Sportunterricht in einer trüben Turnhalle keinen Glamour, keine Erotik, keine Ästhetik verspürt. Trotzdem habe ihn ein Leistungssportler in seiner Klasse motiviert. Steinbrecher habe ihn sehr wohl zu seinem Vorbild genommen.

Dass ein einzelner Sportler moralisches Vorbild für alle sein soll, fand Steinbrecher nicht. Der einzelne Athlet sei mündig genug, um zu entscheiden, inwiefern er ins politische Terrain vorstoßen wolle. Beim Sport lerne man dennoch, sich vorbildlich zu verhalten, insbesondere durch die Arbeit in einem Team. Gebauer wandte ein,  Gruppenaktivitäten bei Pfadfindern und Chorknaben könnten genauso zu vorbildlichem Verhalten beitragen.

Mehrere ZEIT-ONLINE-Leser hatten Gebauers Haltung vor dem Philosophischen Armdrückens kritisiert, da ihrer Meinung nach Sportler durch ihre öffentliche Rolle automatisch Vorbilder seien. Doch Gebauer hielt dagegen und sagte, an Sportlern sei zu beobachten, dass sie zunehmend egozentrisch und nur auf ihren eigenen Erfolg fixiert seien. "Die Idee, auch den Zweiten, Dritten und Vierten zu akzeptieren geht verloren, wenn man nur noch den Sieger zum Vorbild nimmt", sagte er.

Besonders kritisierte Gebauer Usain Bolts Umgang mit seiner Konkurrenz. Er missachte sie schlicht. "Bolt hat zwar eine hohe Willenskraft, aber darin ist kein moralischer Wert enthalten."

Gebauer bezweifelte zudem, dass Sportler Nachahmungseffekte auslösen. Sportarten, in denen Deutsche besonders erfolgreich sind, wie Fechten, Rudern oder Reiten, hätten nur wenige Nachahmer, sagte Gebauer. Kinder und Jugendliche trieben Sport, weil es toll sei und zur Jugend- und Alltagskultur gehöre. Daher sei auch die Forderung von Sportfunktionären unbegründet, öffentliche Gelder bereit zu stellen, weil der Sport eine Vorbildfunktion habe.

Steinbrecher war anderer Meinung: "Nur weil ein Kieler nicht mit dem Skispringen anfängt, sobald er es im Fernsehen sieht, kann er sehr wohl durch einen Skispringer inspiriert werden." Es gehe um die Motivation, überhaupt Sport zu treiben und darum, Gedanken um Taktik und Logik auszulösen, zum Beispiel: Wie schnell darf man beim Biathlon laufen, damit der Puls nicht zu hoch ist, um die Scheiben zu treffen?

Gegen die  "Pädagogisierung des Sports"

Steinbrecher argumentierte außerdem, Sportler würden ungefragt zum Objekt der Nachahmung und somit zum Vorbild. Mark McGwire zum Beispiel, ein ehemaliger US-amerikanischer Baseball-Held, gestand Doping mit Steroiden. Die Verkaufszahlen des Medikaments schnellten nach McGwires Geständnis nach oben. Die Fans ahmten den Baseballstar noch während seines Niedergangs nach.

Einig waren sich die Diskutanten in einem Punkt: Sie sprachen sich gegen die  "Pädagogisierung des Sports" aus, also dagegen, dass alle Sportler zu Vorbildern für gesellschaftliche Tugenden taugen müssen. Für die Olympischen Spiele in Sotschi wünschten sich sowohl Steinbrecher als auch Gebauer Wahlfreiheit für die Sportler, sich entweder auf ihren Wettkampf zu konzentrieren, oder sich an der politischen Debatte zu beteiligen. Man müsse Sportler moralisch entlasten.

Ein Zuschauer fragte, inwiefern ein Underdog seinen moralischen Vorteil ausnutzen darf, um einen Profi niederzuringen. Er bezog sich auf das legendäre Achtelfinale der French Open 1989, in dem Michael Chang am Ende seiner Kräfte war, am Boden lag, wegen Spielverzögerung Punkte abgezogen bekam und schließlich doch den Favoriten Ivan Lendl niederrang. Lendl hatte Mitleid mit seinem körperlich unterlegenen Gegner, schmetterte die Tennisbälle nicht mehr allzu hart zu Chang, der das Match dann gewann.

Sieger beim Armdrücken: Steinbrecher

Danach diskutierten die Tennisfans, ob der Sieg des Underdogs moralisch einwandfrei war. Steinbrecher sagte, dass die Intention entscheidend sei: War Chang wirklich am Ende seiner Kräfte oder nutzte er seinen Nachteil für eine Show? Gebauer hingegen sagte: "Ethisch ist so etwas eine Sauerei, sportlich aber klasse." Es gehe eben nicht um Vorbildhaftigkeit im Sport, sondern um Schlauheit, Taktik und Gerissenheit.

Nach der Diskussion stimmte das Publikum über die Ausgangsfrage ("Sind Sportler Vorbilder") ab, mit dem Ergebnis 22:13. Sieg also für Steinbrecher, auch die Abstimmung vor dem Streitgespräch hatte er gewonnen. Auch beim Armdrücken, das immer am Ende der Debatte stattfindet, wurde Gebauer seiner Favoritenrolle nicht gerecht.