Kugelstoßerin Nadine KleinertVon Dopern ums Treppchen betrogen

Weil andere dopten, wurde die Kugelstoßerin Nadine Kleinert 13 Mal um einen besseren Platz betrogen. Jetzt beendet das selbst ernannte "Doping-Opfer" seine Karriere. von 

Die Kugelstoßerin Nadine Kleinert beim ISTAF 2013.

Die Kugelstoßerin Nadine Kleinert beim ISTAF 2013.  |  © dpa

Der sechste Versuch. Nadine Kleinert stößt die Kugel zum letzten Mal bei einem großen Wettbewerb. Aber die Kameras beim Istaf im Berliner Olympiastadion sind auf den Speerwurfwettkampf gerichtet, der zehn Minuten vor dem Kugelstoßen direkt nebenan begonnen hat. Eine russische Athletin hat den Speer auf Weltjahresbestleitung geworfen. Kleinerts Kugel landet bei 17,69 Metern. Ihr letzter Stoß geht im Getöse unter.

Auf Leichtathleten strahlt das Scheinwerferlicht vor allem bei Olympischen Spielen und, mit weniger Watt, bei Welt- und Europameisterschaften. Dann kennen Millionen Zuschauer die Namen derjenigen, die Medaillen gewinnen. Nadine Kleinert ist eine von ihnen. Sie nahm viermal an Olympischen Spielen und siebenmal an Freiluft-Weltmeisterschaften teil. Als ihren größten Erfolg bezeichnet sie die Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft in Berlin 2009 mit persönlicher Bestleistung und die Silbermedaille von Olympia 2004 in Athen. 2012 wurde sie Europameisterin.

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Ihren Abschied nutzt sie an diesem Sonntag, um öffentlich mitzuteilen, was ihrer Meinung nach im System Leichtathletik schiefläuft, am Beispiel der eigenen Person. Viele Male verpasste Kleinert Platzierungen, weil andere vor ihr gedopt waren. Dadurch entgingen ihr Medaillen und Preisgelder in einer Höhe, die ihr, wie sie sagt, Tränen in die Augen getrieben hat.

Weitere Medaillen stehen aus

Insgesamt wurde sie 13 Mal nachträglich hochgestuft, immer weil Konkurrentinnen gedopt waren. Silber statt Bronze wurde ihr in Athen zugesprochen, bei der Hallen-WM 2004 bekam sie die Bronzemedaille nachträglich. Je eine weitere Silber- und Bronzemedaille stehen noch aus, sollte die Weißrussin Nadeschda Ostaptschuk lebenslang gesperrt werden. Das gilt als wahrscheinlich.  

Auf dem Papier wird Kleinert am Ende ihrer Karriere mehr Medaillen gesammelt haben als auf dem Sportfeld. Doch wie viel sind die Erfolge wert? Das Gefühl, auf dem Siegertreppchen zu stehen, kann niemand nachreichen.

Damit es jüngeren Athleten, die nicht dopen, nicht so geht wie ihr, wünscht sich Kleinert ein Anti-Doping-Gesetz. Solch ein Gesetz gibt es in Deutschland nicht, anders als in Frankreich, Spanien, Österreich oder Italien. Noch nicht. Der Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) stellt das Anti-Doping-Gesetz jetzt erstmals in Aussicht, das zusätzlich zu den Sperren der Sportsgerichtbarkeit strafrechtliche Folgen für gedopte Sportler hätte. 

Leserkommentare
    • ptk
    • 02. September 2013 18:48 Uhr

    Eine Sportlerin, die wohl nicht so gut in die Medienvermarktungsmaschinerie passt wie andere. Dennoch war sie immer ehrlich und sympathisch und brachte über viele Jahre hinweg Leistungen an der Weltspitze. Mein Respekt!

    Möge ihre Stimme und die anderer dazu führen, dass sich in Sachen Doping langsam etwas ändert. Steter Tropfen höhlt den Stein. An ihrem Beispiel sieht man wie viel diese Betrügerei zerstört.

    19 Leserempfehlungen
  1. Mit Doping zahlen viele SportlerInnen Ihre Erfolge mit einem sehr hohen Preis! Gesundheitsschäden uvl mehr!... das wissen Sie selbst... Also stolz sein...!

    2 Leserempfehlungen
  2. Ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland wäre ein symbolischer Akt, da er keine der ausländischen Athletinnen betreffen würde, die zu Unrecht vor ihr plaziert waren. Das wäre sicherlich eine für viele deutsche Sportler befriedigende Symbolpolitk, allerdings ohne Effekt auf das Problem von Frau Kleinert. Man darf bei allen Forderungen nach härteren Sanktionen nicht vergessen, dass für eine Doping-Sperre teilweise schon der Anschein genügt und die Beweisführung nicht der in sonstigen Gerichtsverfahren für eine Verurteilung notwendigen genügt. Wirksamere Kontrollen erscheinen mir wichtiger als härtere Gesetze.

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    Ein Gesetz ist der falsche Weg, da es nur ein paar Sprotler getreffen würde.

    Die Sportler werden wohl leider sich dein eignen Verein vorknöpfen müssen und mit komplett boykott drohen wenn die Ausrichter nicht für die Veranstaltungen Anti-Doping-Regeln auftellen.

    Grade der e-Sport könnte da zum Vorbild werden in den auch Top-Sportler Lebenslang gesperrt werden ohne das es Gesetze gibt. Einfach nur weil die Veranstalter das in die Grundbedingungen geschrieben haben die jeder unterzeichnen muss der antreten möchte.

    Aber was ist mit den Preisgelder die ihr entgangen sein sollen ? Werden die nicht von Dopern zurückverlangt und den nachträglich hochgestufen dann überreicht ? Kann da mal jemand nachforschen ? Denn wenn der Doper die Preisgelder behalten darf und nur Strafe zahlen muss, wäre es wirklich ein Skandal. Und wenn die Verantwortlichen zwar die Preisgelder weider einzihen aber sie dann einbehalten und nicht den nachträglichHochgestufen auszahlen auch.

    • Azenion
    • 02. September 2013 19:27 Uhr

    Ich finde die Vorstellung vermessen, daß man, nur weil man eine zweckfreie Verrichtung wie Sport besser verüben kann als andere, eine besondere Ehrung oder gar finanzielle Zuwendungen zu erwarten können glaubt.

    Und das -- im vorliegenden Fall -- auch noch in einer traditionell dopingverseuchten Sportart!

    Ich empfehle jedem, der gerne Sport treibt, sich einen anderen Beruf zu suchen und den Sport in seiner Freizeit zu betreiben. Man muß doch nicht immer der beste sein wollen!

    Vorgestern am Stilfserjoch waren 10000 begeisterte Hobbyradfahrer unterwegs -- und alle waren froh, wenn sie ihre persönlichen Ziele erreicht hatten. Es gab zwar nichts zu gewinnen, aber der Vinschgau hat Äpfel und Getränke spendiert.

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    • manheu
    • 03. September 2013 7:14 Uhr

    Nur weil Sport keinen direkten Nutzen hat, muss er doch nicht 'zweckfrei' sein. Nach dieser Argumentation bräuchte es keine Kunst, Musik oder Belletristik. Der Sport trägt für jene, die ihn gern schauen, eben zur Zerstreuung und zum Ausgleich gegenüber der Arbeitswelt bei.

    Dass Frau Kleinert Geld für Ihre Arbeit 'erwartet', habe ich im Interview nicht herauslesen können. Aber wenn sich mit dem, was man gern macht, Geld verdienen lässt, warum es dann nicht annehmen? Und wenn sich dabei noch herausstellt, dass man etwas besser kann als die meisten und diese das auch durch Einschaltquoten etc. honorieren, dann ist es doch völlig legitim, sein Hobby zum Beruf zu machen und damit sein Geld zu verdienen.
    Und von wegen, man muss ja nicht der Beste sein wollen: Frau Kleinert gehört zur Weltspitze, da ist es doch eine Frage der Motivation, den letzten Schritt auch noch gehen zu wollen.

    Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass bei Ihren 10.000 Hobbysportlern auch nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Gerade im Hobbysport gibt es ja überhaupt keine Kontrollen und es will doch immer jemand gewinnen. Da ist der Griff zum heimischen Medikamentenschrank schnell getan, oft nicht mal im Bewusstsein, sich nah am Doping zu bewegen. "Hatte ich nicht noch irgendwo diese Kortisontabletten...?"

    • michati
    • 03. September 2013 22:55 Uhr

    da ist doch auch ziemlich schlimm ?
    solche zusammenrottungen habwen meiner meinung nach mit sport nix zu tun.

  3. "Ach du verdammte Scheisse", was für ein Schlammloch bzw. Zustand.

    Entschuldigen Sie meine ausfallenden Kraftwörter zu dem Thema, aber
    mir fällt bei dem ganzen "Doping-Beschiss" einfach nichts Besseres ein.

    Es ist doch abartig das man als Sportler, der sein Leben für diese Sache
    aufbringt/aufgebracht hat, den Gegenwert (die Vergütung seiner Arbeit)
    nicht erhält ..wegen "irgendwelcher" Dopingsünden Anderer.

    Sollte man seinen Kindern Sport überhaupt noch als Zukunfts-Idee ver-
    mitteln? Das kann man doch echt richtig vergessen.

    Aber Hauptsache es wird kräftig bei den Zuschauern zugeschaltet und
    es kann geworben werden. Der Rubel rollt, bloss nicht für so manchen
    Darsteller. Top.

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  4. Warum soll ausgerechnet sie die große Ausnahme sein? Man muss mittlerweile von dem Schlimmsten ausgehen.

    • Atarius
    • 02. September 2013 21:32 Uhr

    "Dann denken diejenigen vielleicht vorher darüber nach, warum sie ihren Körper kaputtmachen", sagt sie.

    Welcher Hochleistungssport(ler) kommt denn heute ohne Langzeitschäden aus? Wenn das bewußte Schädigen des eigenen Körpers strafbar werden sollte, kann man den Profisport zumachen.

    Davon abgesehen, verstehe ich nicht, mit welcher Begründung die in Kauf genommene Selbstschädigung für Sportler strafbar sein sollte, obwohl sie damit niemandem schaden ausser sich selbst, die tagtägliche beruflich bedingte Ausbeutung und schleichende Dauerschädigung des Körpers und/oder der Psyche von Maurern, Altenpflegern, Managern, Berufsmusikern, Politikern hingegen mit einem gesellschaftlichen Achselzucken abgetan wird.

    Man kann es auch gesellschaftliche Heuchelei nennen.

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    "Davon abgesehen, verstehe ich nicht, mit welcher Begründung die in Kauf genommene Selbstschädigung für Sportler strafbar sein sollte, obwohl sie damit niemandem schaden ausser sich selbst"

    Sie schädigen ihre Konkurrenten und, wenn sie überführt werden, auch ihre Sponsoren finanziell. Im Grunde genommen handelt es sich ohnehin um banalen Betrug. Und da geht es nicht nur um entgangene Preisgelder sondern insbesondere entgangenes Sponsoring, welches Plazierten eher angetragen wird.

  5. ... weniger gedopt? Kann ich mir (zumindest bei der Tour de France) nicht wirklich vorstellen. Daher bezweifle ich, dass eine Strafbewehrung des Dopens wirklich etwas bringt. Ein Verstoß gegen die jeweiligen Wettkampf-Statuten dürfte ja eigentlich sowieso als Betrug strafbewehrt sein.

    Mir ist auch nicht eingängig, warum der Staat ein separates Doping-Verbot in Gesetzesform gießen soll. Für die Gesellschaft wichtig ist eigentlich der Breitensport, der von Doping wohl eher wenig tangiert wird. Der Leistungssport verliert durch Doping-Fälle allerdings klar seine Vorbildwirkung. von daher sollte die gesellschaftliche Ächtung von Doping-Tätern im Vordergrund stehen und nicht die strafrechtliche Verfolgung.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Weltmeisterschaft | Doping | Olympia | Olympiastadion | Sportler | Berlin
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