Bestrafte Gymnastik-Kampfrichterin"Man kann nicht den Kopf eines Sports abschneiden, um den Schwanz zu retten"

Vor der WM berichteten wir über den Skandal in der Rhythmischen Sportgymnastik. Jetzt wehren sich die gesperrten Kampfrichterinnen. Ihre Sprecherin N. Kuzmina im Gespräch von 

Das Team aus Japan während der WM in Kiew

Das Team aus Japan während der WM in Kiew  |  © S. Supinsky/AFP/Getty Images

Wegen Wettkampf-Manipulationen hat der Weltturnverband FIG im Juli das gesamte Technische Komitee der Rhythmischen Sportgymnastik für zwei Jahre suspendiert. Ende August fand die WM in Kiew mit einer neuen Jury statt. Doch die Gesperrten wehren sich. Ihre Wortführerin ist die Russin Natalia Kuzmina. Sie hat Berufung gegen das Urteil eingelegt und spricht von einer "Hexenjagd".

ZEIT ONLINE: Frau Kuzmina, man wirft Ihnen Betrug vor.

Natalia Kuzmina: Ich bin unschuldig, das gilt auch für die anderen Mitglieder des Technischen Komitees. Ich will so schnell wie möglich weiterarbeiten, ich liebe meinen Sport.

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ZEIT ONLINE: Sie sind für zwei Jahre suspendiert. Sind Sie sehr verärgert?

Kuzmina: Ich fühle mich gestresst und gekränkt. Ich verstehe das Ganze nicht, ich gehöre nicht mehr dazu, ich habe mich viel gewälzt. Aber jetzt konzentriere ich mich darauf, meinen Namen und meine Ehre zu verteidigen. Wir haben Berufung eingelegt. Es geht um meinen Ruf und den des Technischen Komitees.

Grundlage der Suspendierung war ein Kampfrichterkurs in Bukarest. Bei einem Teil der Prüflinge waren die Testergebnisse identisch, das gilt selbst für den einzigen Fehler. Offenbar hat es vorher Absprachen gegeben. Der Verdacht: geplante Manipulation von Wettkämpfen. Der Präsident des Weltturnverbandes Bruno Grandi nannte den Vorgang im Fachmagazin LEON "einen Kochtopf voller Lügen". Verantwortlich für den Kurs ist das gesamte Technische Komitee.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie die Ergebnisse von Bukarest?

Kuzmina: Etwas ähnliches gab es schon zuvor bei den Spielen in London. Damals dankte uns Herr Grandi für unsere guten Leistungen.

ZEIT ONLINE: Die Ergebnisse von Bukarest waren zu einem beträchtlichen Teil identisch. Insider und Experten sagen, dass das kein Zufall sein kann.

Kuzmina: Herr Grandi hat zufällig einige Daten ausgewählt. Für mich sind das keine Beweise, sondern theoretische Schlüsse.

ZEIT ONLINE: Die Ergebnisse waren zudem nicht anonymisiert. Ist das nicht gegen die Regeln?

Kuzmina: Bukarest war nicht mein erster Kurs. In früheren Kursen waren die Ergebnisse nie anonym. Wenn jemand anonyme Tests will, muss er das uns vorher sagen.

ZEIT ONLINE: Manche Tests wurden aufgewertet, das ist Willkür.

Kuzmina: Das war eine Anordnung von Michel Léglise vom Verband. So wollte man vielen Prüflingen eine Chance geben, die in früheren Kursen durchgefallen waren. Beim späteren Test in Frankfurt waren die Ergebnisse so schlecht, dass die Punkteskala generell um 35 Prozent gesenkt wurde.

ZEIT ONLINE: Warum unterschieden sich Aufschläge beim Test in Bukarest im Maß? Manche wurden um 5 Prozent aufgewertet, manche um 20.

Kuzmina: Wir mussten, in Absprache mit Herrn Léglise, verschiedene Kriterien berücksichtigen, um niemanden ungerechtfertigt auszuschließen: etwa olympische Erfahrung, den vorhergehenden Theorietest, die Herkunft. Es war wichtig für uns, Richterinnen aus aller Welt zu haben. Außerdem kann es ja auch sein, dass mancher Prüfling einfach nur einen schlechten Tag hatte.

Leserkommentare
  1. "Athletinnen und Trainerinnen"

    ...da ist kein "Schwanz" zu retten.

  2. "Wir mussten, in Absprache mit Herrn Léglise, verschiedene Kriterien berücksichtigen, um niemanden ungerechtfertigt auszuschließen: etwa olympische Erfahrung, den vorhergehenden Theorietest, die Herkunft. Es war wichtig für uns, Richterinnen aus aller Welt zu haben. Außerdem kann es ja auch sein, dass mancher Prüfling einfach nur einen schlechten Tag hatte."

    gesagt hat, daß Tür und Tor zur Manipulation offen stehen? -

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Russland | Juan Antonio Samaranch | Test | Betrug | Spanien | Bukarest
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