Robert Harting © AFP/Getty Images

Dieser Text ist Ausgangspunkt für das vierte Philosophische Armdrücken mit Gunter Gebauer. In der Sportdebatte von ZEIT ONLINE geht es diesmal um die Frage: "Sind Sportler Vorbilder?" Der Autor wird am Donnerstag, den 26. September, im Berliner Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE die Reaktionen auf seinen Text diskutieren und gegen den Fernsehjournalisten Michael Steinbrecher antreten, der für die Gegenposition steht. Der Eintritt ist frei, Anmeldung per E-Mail an anmeldung [at] zeit.de.

Sport ist Ästhetik, Glamour, Erotik. Doch ist er auch eng mit pädagogischem Denken verbunden, das hat historische Gründe. Sport und Schule sind seit dem 19. Jahrhundert eine Partnerschaft eingegangen, in der sie sich gegenseitig stützen. Heute wie damals wird diese Allianz mit einer scheinbar unschlagbaren Behauptung beschworen: Sportler sind Vorbilder für die Gesellschaft. Doch stimmt sie?

Angefangen hat die pädagogische Nutzung des Sports, als das Schulfach "Leibesübungen" um 1850 eingeführt wurde. Die preußische Schule sollte durch sportliche Übungen körperlich belastbare junge Männer ausbilden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts propagierte der französische Baron de Coubertin die edle Haltung der olympischen Wettkämpfer als Vorbild für die berufliche und wirtschaftliche Konkurrenz. 

Bis heute gilt die Vorbildwirkung von Sportlern bei allen Institutionen des Sports als unumstößliche Tatsache. Sie wird als zentrales Argument für die staatliche Sportförderung in Deutschland genutzt: Erfolge im Spitzensport motivieren die Deutschen angeblich zur Nachahmung, von den Spitzensportlern übernehmen sie angeblich die Werte des Fairplay und der Persönlichkeitsbildung.  

Schon ein erster Blick lässt daran zweifeln. Wenn es stimmte, dass Goldmedaillen zur Nachahmung anregen, würden besonders viele Jugendliche in die Sportarten strömen, in denen deutsche Athleten sehr erfolgreich sind. Wir wären ein Land von Kanuten, Dressurreitern, Biathleten, Hockeyspielern, Fechtern, Diskuswerfern. 

Auf Nachahmungseffekte kann sich keine Sportart verlassen. Erfolge deutscher Athleten heben zwar unbestreitbar das Interesse an ihren Sportarten, oft jedoch nur mit kurzer Halbwertzeit. Vielmehr wird der Nachwuchs durch die exzellente Arbeit von Trainern, Vereinen und Leistungszentren für den Sport gewonnen. Im Turnen und Skifahren sind lange Zeit erfolgreiche Vorbilder ausgefallen, dennoch werden sie von sehr vielen Deutschen betrieben. Dieses Interesse ist in langfristig ausgebildeten Lebensstilen, Freizeitvorlieben und Körpereinstellungen fundiert. 

Auch die hohe Beteiligung von Jugendlichen am Fußball ist nicht an die schwankenden Konjunkturen der deutschen Nationalmannschaft gebunden. Fußball hat traditionell eine herausragende Stellung in der Alltagskultur der Deutschen, die durch die extreme Bevorzugung durch die Medien noch gestärkt wird. 

Ein Zusammenhang zwischen Erfolg und Wirkung ist auch für Athleten nicht nachzuweisen. Sie müssen mehr bringen als Siege. Erst wenn sie einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt haben, gerät ihre Persönlichkeit in den Blick. Allerdings folgt die Logik der Popularität nicht jener der Pädagogik. Nicht wer sich zum Vorbild für die Jugend eignet, wird berühmt.