Sportausschuss : Dopingdebatte versandet in unwürdiger Parteipolitik

Der Sportausschuss lässt die Frage offen, ob die deutsche Dopinggeschichte nach 1990 erforscht wird. Damit bleibt er seiner Strategie der Verharmlosung und Ignoranz treu.
Hans-Peter Friedrich (Archivbild) © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Über die Mitglieder der Union und der FDP im Sportausschuss des Bundestags heißt es oft, sie seien von ihren Themen gelangweilt. An diesem Montag jedoch verließ so mancher von ihnen den Sitzungssaal mit einem Lächeln und breiter Brust, als hätte er ein wichtiges Spiel gewonnen.

Sie fühlten sich als Sieger einer Debatte über eine brisante Angelegenheit: die Studie über die Dopinggeschichte Westdeutschlands, über die der Sportausschuss in einer Sondersitzung verhandelte. Die beteiligten Universitäten aus Berlin und Münster hatten darin nichts grundsätzlich Neues ans Tageslicht gebracht, aber viele unbekannte Details über das "systemische" Doping der BRD.

Vor allem hat der

Berliner Teil öffentlichen Druck auf Sport und Politik entfacht, dabei die Frage aufgeworfen: Wie reagiert die Politik auf die Feststellung, dass die Geschichte des deutschen Sports auf beiden Seiten der Mauer auch eine Geschichte der chemischen Manipulation ist? Viele Sachverständige, unter anderem die Forscher, kamen nach Berlin, auch viele Zuschauer. Sogar der oberste Dienstherr des Sport erschien, der Innenminister Hans-Peter Friedrich. Eine Woche zuvor hatte er in einem Zeitungsinterview ein Antidopinggesetz erwogen – eine nicht mehrheitsfähige Position im bürgerlichen Lager. 

Die Nada klagt

An diesem Montag waren Friedrichs Antworten moderater, monotoner, defensiver. Der Sportausschuss erlebte keinen Verfechter eines neuen Gesetzes. Stattdessen forderte Friedrich Selbstverständliches und Nichtigkeiten wie "Sachlichkeit", "Augenmaß" und "Argumente von beiden Seiten". Er werde Experten fragen und Kommissionen bilden. Auf deutsch: erst mal nichts tun. Über den Inhalt der Studie redete Friedrich nicht, vielleicht auch, wie sich in der Debatte herausstellte, weil er sie nicht allzu genau gelesen haben kann.

Oliver Fritsch

Oliver Fritsch ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nicht nur die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) zeigte sich davon enttäuscht. "Wie viele Experten wollen Sie noch fragen, bevor sie endlich handeln?", fragte Viola von Cramon von den Grünen. "Wir fühlen uns veräppelt." Der Sozialdemokrat Martin Gerster bezichtigte den politischen Gegner der "wahnsinnigen Angst" vor dem Thema Doping.

Noch rigider als Friedrich gaben sich die Sportausschussmitglieder der beiden Regierungsfraktionen. An der Sache zeigten sie nur Interesse, wenn die Berliner Forscher um den Projektleiter Giselher Spitzer von einem der Sachverständigen kritisiert wurden. Und das wurden sie oft und deutlich.

Die Studie sei "wissenschaftlich fragwürdig", sagte der Sportarzt Klaus-Michael Braumann, ein Beirat des Projekts. Die Forscher hätten "nicht ergebnisoffen" gearbeitet und Ethik mit Empörung verwechselt. Der Leiter des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, des Auftraggebers der Studie, schloss sich dem an. Die Vorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) kündigte gar juristische Schritte an, weil die Berliner Forscher der Nada vorwerfen, die Zusammenarbeit erschwert zu haben.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Spitzen- und Profisport sind Opium fürs Volk.

Sport ist eine Unterhaltungsindustrie mit gigantischen Umsätzen. Das Volk, übergewichtig und chipsverschlingend auf dem Sofa vor der Glotze sitzend, fühlt sich sportlich. Mutti in der Umkleidekabine der Oben-Ohne-Fussballheroen partizipiert an deren Verehrung. Die Medien erfreuen sich an Quoten und Auflagen, die Brauerein am Umsatz. Oben auf dieser trüben Suppe schwimmen Funktionäre wie Bach und Höness. Wer sollte auf eine Ende dieses Events hinarbeiten? Vielleicht die Polizisten, die sich mit den Besoffenen begrifflich als "Fans" veredelt, Schlachten liefern? Deren Einfluss ist zu gering. Drum wird Spitzen- und Profisport wie gewohnt mit allen Ausschweifungen auch Doping weitergehen. Jede Wette !

Aktuell

Wurde nicht gerade "heute" der Antrag der Grünen auf weitere Forschungsgelder zu den Dopingvorfällen mit den Stimmen der Schwarz/Gelben Regierung abgelehnt?? (Quelle Radio)

Entweder habe ich schlecht gehört, oder euer Artikel ist nicht auf dem neuesten Stand.

@Redaktion
Leider finde ich keinen entsprechenden Link, der darauf hinweist, aber es wäre schön wenn ihr da am Ball bleiben könntet. Gerade im Wahlkampf finde ich es sehr wichtig solche Vorfälle zu veröffentlichen. Und falls ich mich verhört habe sollte man dies richtig stellen. Ich will ja keine Gerüchte verbreiten.