Über die Mitglieder der Union und der FDP im Sportausschuss des Bundestags heißt es oft, sie seien von ihren Themen gelangweilt. An diesem Montag jedoch verließ so mancher von ihnen den Sitzungssaal mit einem Lächeln und breiter Brust, als hätte er ein wichtiges Spiel gewonnen.

Sie fühlten sich als Sieger einer Debatte über eine brisante Angelegenheit: die Studie über die Dopinggeschichte Westdeutschlands, über die der Sportausschuss in einer Sondersitzung verhandelte. Die beteiligten Universitäten aus Berlin und Münster hatten darin nichts grundsätzlich Neues ans Tageslicht gebracht, aber viele unbekannte Details über das "systemische" Doping der BRD.

Vor allem hat der

Berliner Teil öffentlichen Druck auf Sport und Politik entfacht, dabei die Frage aufgeworfen: Wie reagiert die Politik auf die Feststellung, dass die Geschichte des deutschen Sports auf beiden Seiten der Mauer auch eine Geschichte der chemischen Manipulation ist? Viele Sachverständige, unter anderem die Forscher, kamen nach Berlin, auch viele Zuschauer. Sogar der oberste Dienstherr des Sport erschien, der Innenminister Hans-Peter Friedrich. Eine Woche zuvor hatte er in einem Zeitungsinterview ein Antidopinggesetz erwogen – eine nicht mehrheitsfähige Position im bürgerlichen Lager. 

Die Nada klagt

An diesem Montag waren Friedrichs Antworten moderater, monotoner, defensiver. Der Sportausschuss erlebte keinen Verfechter eines neuen Gesetzes. Stattdessen forderte Friedrich Selbstverständliches und Nichtigkeiten wie "Sachlichkeit", "Augenmaß" und "Argumente von beiden Seiten". Er werde Experten fragen und Kommissionen bilden. Auf deutsch: erst mal nichts tun. Über den Inhalt der Studie redete Friedrich nicht, vielleicht auch, wie sich in der Debatte herausstellte, weil er sie nicht allzu genau gelesen haben kann.

Nicht nur die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) zeigte sich davon enttäuscht. "Wie viele Experten wollen Sie noch fragen, bevor sie endlich handeln?", fragte Viola von Cramon von den Grünen. "Wir fühlen uns veräppelt." Der Sozialdemokrat Martin Gerster bezichtigte den politischen Gegner der "wahnsinnigen Angst" vor dem Thema Doping.

Noch rigider als Friedrich gaben sich die Sportausschussmitglieder der beiden Regierungsfraktionen. An der Sache zeigten sie nur Interesse, wenn die Berliner Forscher um den Projektleiter Giselher Spitzer von einem der Sachverständigen kritisiert wurden. Und das wurden sie oft und deutlich.

Die Studie sei "wissenschaftlich fragwürdig", sagte der Sportarzt Klaus-Michael Braumann, ein Beirat des Projekts. Die Forscher hätten "nicht ergebnisoffen" gearbeitet und Ethik mit Empörung verwechselt. Der Leiter des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, des Auftraggebers der Studie, schloss sich dem an. Die Vorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) kündigte gar juristische Schritte an, weil die Berliner Forscher der Nada vorwerfen, die Zusammenarbeit erschwert zu haben.