Japans Premierminister Shinzo Abe © Yuya Shino/Reuters

"Endlich kommen die Spiele nach Japan", sagte Premierminister Shinzo Abe nach der Entscheidung am Sonntag strahlend, kurz nach 5 Uhr morgens japanischer Zeit. Es war der zweite Anlauf Tokios nach der Bewerbung für die Spiele 2016, die Rio de Janeiro gewann. Bei einem Public-Viewing-Event in Tokio brach Jubel aus, als Jacques Rogge, der scheidende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das Ergebnis verkündete.

War die Entscheidung vorhersehbar?

Unter Buchmachern war Tokio leichter Favorit gewesen. Auch mehrere Indizes, die anhand vergangener Entscheidungen über die Spielevergabe und der Merkmale der eingereichten Bewerbungen ein Punktesystem entwickeln, sahen Tokio leicht vor den Konkurrenten Madrid und Istanbul. Es war das knappste Rennen seit langem. Im zweiten Wahlgang gewannen die Japaner schließlich mit 60 zu 36 Stimmen gegen Istanbul.

Über die vergangenen Monate hatte man sich in Japan bereits als vorzeitiger Sieger gefühlt. Tsunekazu Takeda, der Vorsitzende des japanischen olympischen Komitees und Bewerbungschef von "Tokyo 2020", hatte wiederholt gesagt: "Unsere Bewerbung ist die beste. Ich mache mir keine Sorgen." Schließlich hat Spanien seit langem mit einer ökonomischen Krise zu kämpfen, die sich auch politisch ausdrückt und Madrids Fähigkeit, die Spiele zu finanzieren, infrage gestellt hatte. Istanbul machte zuletzt ein Dopingskandal türkischer Athleten zu schaffen. Zudem waren erst kürzlich die Bilder von den Ausschreitungen im Stadtzentrum Istanbuls um die Welt gegangen.

Welche Rolle spielte die Nuklearkatastrophe von Fukushima?

"Tokyo 2020" galt lange Zeit als sichere Option in Zeiten globaler Unsicherheit – bis Mitte Juli bekannt wurde, dass in Fukushima, gut 200 Kilometer nordöstlich von Tokio, täglich rund 300 Tonnen radioaktives Wasser auslaufen. Seit der Havarie dreier Atomreaktoren im März 2011 ist die Nuklearkatastrophe also weitaus weniger unter Kontrolle, als die japanische Politik immer wieder behauptet. Misstrauen erweckte zudem das Timing, mit dem die Hiobsbotschaften über die Reaktoren an die Öffentlichkeit gelangten. Die Betreiberfirma Tepco wusste etwa schon länger von den gefährlichen Lecks. Kommuniziert wurden sie aber erst nach der Oberhauswahl am 21. Juli, bei der die regierende Liberaldemokratische Partei, die einzige kategorische Befürworterin der Atomkraft, eine komfortablere Regierungsmehrheit erreichen wollte.

So mussten sich Bewerbungschef Takeda, Premier Abe und auch der Tokioter Gouverneur Naoki Inose zuletzt dem starken Misstrauen der Öffentlichkeit stellen. "In Tokio ist das Leben völlig normal", beteuerte Takeda. In Japan war unterdessen eine englischsprachige Website eröffnet worden, die für sämtliche Teile Tokios radioaktive Strahlenwerte zeigt. "Die Strahlung in Tokio ist nicht höher als in London, Paris, New York oder anderen Weltstädten", sagte Takeda. Bei der 45-minütigen finalen Präsentation vor dem IOC am Samstag warf Shinzo Abe schließlich seine persönliche Würde in die Waagschale: "Ich werde Verantwortung für Maßnahmen übernehmen, um die Situation absolut risikofrei zu halten."

Womit hat Tokio gepunktet?

Die Japaner versprechen, mehr als achtzig Prozent der Wettkämpfe in einem Acht-Kilometer-Radius um die Innenstadt zu veranstalten, lästige lange Wege, wie es teilweise bei den Spielen in London 2012 war, sollen vermieden werden. Und es soll auch garantiert sein, dass es die bisher grünsten Olympischen Spiele werden. Ein weiterer Pluspunkt war, dass ein Gros der Infrastruktur bereits steht. Zwar wird ein neues Olympiastadion gebaut. Aber insbesondere das öffentliche Verkehrssystem gehört schon jetzt zu den besten und modernsten der Welt.

Auch die Finanzierung schien im Fall Tokios am glaubwürdigsten. Das veranschlagte Budget ist zwar mit 3,4 Milliarden US-Dollar etwas höher als das der beiden Konkurrenten. Für den Fall aber, dass der geplante Etat gesprengt wird, was bei Olympia die Regel ist, bürgt die Stadt Tokio zu hundert Prozent. Eine gute Versicherung, denn keine Stadt der Welt hat eine so hohe jährliche Wirtschaftskraft wie die japanische Metropole. Die Zentralregierung Japans hat zudem zugesagt, Kosten für Sicherheit und Gesundheit, Zoll, die Einreise der Besucher und Ähnliches zu übernehmen. Auch auf die Wirtschaft kann "Tokyo 2020" zählen. Toyota, größter Autobauer der Welt, hat seine Unterstützung schon angekündigt.