Fett wie ein TurnschuhWenn sie meine blonden Haare sehen, schlachten sie mich ab

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom marschiert neben dem Chef des palästinensischen Fußballverbandes über die israelische Grenze. Ohne Waffen, aber mit falschem Namen. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom (2.v.l.) bei seiner Wanderung mit General Dschibril ar-Radschub (m.)

Tuvia Tenenbom (2.v.l.) bei seiner Wanderung mit General Dschibril ar-Radschub (m.)  |  © Florian Krauss

Auf diesem Planeten gibt es Menschen, die mich als Tobi den Deutschen kennen. Diesen Namen schätze ich sehr und diese Identität öffnet mir viele Türen.

Heute zum Beispiel geht Tobi der Deutsche mit Dschibril dem Araber spazieren, einem Mann, der 17 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht hat und derzeit Präsident zweier Organisationen ist: Des Palästinensischen Fußballverbandes und des Palästinensischen Olympischen Komitees.

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Natürlich – Sie ahnen es vielleicht – steckt hinter so einem Namen meist mehr, als man zunächst erkennt.

Zunächst einmal ist Dschibril gar kein Fußballer. Dschibrils vollständiger Name lautet, falls Sie es noch nicht erraten haben, General Dschibril ar-Radschub. Er ist der ehemalige Sicherheitschef des palästinensischen Geheimdienstes und einer der gefürchtetsten Anführer in dieser Region. Warum beschäftigt sich der General mit Fußball? Naja, Dschibril ist ein Spionagechef. So ganz lässt sich nie sagen, was Leute wie er tun, egal, wie sehr man sich bemüht.

Welche Gründe er auch haben mag, sein Posten passt mir. Er ist ein Fußballchef und ich bin Sportjournalist – wir beide passen perfekt zueinander.

Heute Morgen zum Beispiel, als Dschibril entschied, zu Fuß von Ramallah nach Jericho zu gehen, fragte er mich, ob ich mitkommen wolle.

Inzwischen sind wir siamesische Zwillinge: Wo immer Dschibril hingeht, geht auch Tobi hin.

Ein Spaziergang mit Dschibril ist eine ganz besondere Erfahrung.

Wie jeder General auf dieser Welt ist Dschibril auf Schritt und Tritt von Sicherheitsleuten umgeben, jedoch, wie man es bei einem gefürchteten Spionagechef erwartet, tragen seine Sicherheitskräfte keine Sturmgewehre oder andere beeindruckende Metallgegenstände offen zur Schau. Nein. Sie haben vielmehr Wasser, Eis, Bananen, Datteln, Joghurt und andere, ähnlich listige Waffen dabei. Wenn wir ein Wadi hinabgehen oder einen Berg erklimmen, stecken mir Sicherheitsleute Wasserflaschen, Kuchen, frisches Obst und leckere Eiscreme zu – und alles andere, wonach es mich beim Spazierengehen verlangt.

Während ich so abbeiße, schlecke und laufe, lasse ich mich von der Landschaft verzaubern. Die Wege führen in großen Schleifen durch Massen von weißbraunem Sand, enge und breite Straßen verstecken sich zwischen Hügeln und Bergen, und ständig pustet einem ein sanfter Wind ins feuchte Gesicht.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Wir gehen und gehen, aber die Straßen nehmen kein Ende. Unser Weg führt teilweise durch Israel, teilweise durch Palästina, teilweise über gemeinsame Straßen. Es ist schwer zu erkennen, wann wir das eine Land verlassen und das andere betreten. Ich dachte immer, dass die Staaten durch schwer bewachte Grenzübergänge voneinander getrennt sind, aber da lag ich offensichtlich falsch.

Denjenigen Menschen, die seit Jahrzehnten vom israelisch-palästinensischen Konflikt gehört und gelesen haben, muss das umstrittene Gebiet riesengroß erscheinen, größer vielleicht als Kanada. Doch wenn man mit Dschibril unterwegs ist, merkt man schnell, dass das Land nicht nur sehr klein ist, und damit meine ich Israel und Palästina, sondern auch, wie sehr die beiden Länder miteinander verbunden sind. Das einzige, an dem sich erkennen lässt, in welchem Land man gerade ist, sind die Straßenschilder: Hier sind sie arabisch, dort hebräisch.

An einem Abschnitt unseres Spaziergangs beschließt Tobi ohne besonderen Grund, Dschibril zu verlassen und sich das Heilige Land auf eigene Faust anzusehen.

"Geh nicht allein dorthin", warnt Dschibril aus Arabien Tobi aus Germanien sogleich. "Die sehen deine blonden Haare und schlachten dich ab!"

Wer sind "die"? Das frage ich besser nicht.

"Hast du unsere Flüchtlingslager gesehen?", fragt der olympische Geher seinen arischen Seelenverwandten.

Nein, noch nicht. Aber ich würde sehr gerne.

"Nidal!", ruft Dschibril einen der Eiscremeschlecker herbei. "Sorg dafür, dass der Deutsche sich ein Flüchtlingslager ansehen kann."

Nidal nickt gehorsam und bietet mir dann eine Banane an.

Erst die Banane, dann die Flüchtlinge.

Ich kann Ihnen verraten, Bananen aus Palästina sind süßer als Honig. Nur Allah weiß, wie sie das schaffen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
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    und ich bin auch sicherlich nicht er einzige. Solange die Kolumne Leser hat, gibt es keinen Grund, die Kolumne einzustellen. Sie muss ja nicht jedem gefallen.

    Ich kann die Einschätzung des ersten Kommentars ("1. Langweilig wie immer, diese Kolumne, ZO sollte sich etwas Neues einfallen lassen und den Platz mit etwas Interessantem füllen.") nicht teilen, die Tuvia Tenenbom selbst wohl kaum entfernt hätte. Er ist als Künstler und Autor sicherlich gewöhnungsbedürftig, der heutige Beitrag ist jedenfalls versöhnlich. Was man daneben an ihm schätzen kann, ist sein persönlicher Mut, sich ständig zu exponieren. Die Kolumne will eher erfühlt als rational verstanden werden, denke ich jedenfalls. Weiterhin viel Glück und Erfolg, Tuvia!

    Wikipedia zum Wandersmann: "Dschibril ar-Radschub (...) wurde mit 15 Jahren wegen des Wurfs einer Handgranate auf israelische Soldaten zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis lernte er so gut Hebräisch, dass er Menachem Begins Buch "Die Revolte" ins Arabische übersetzen konnte. Nach 17 Jahren kam er 1985 im Rahmen einer Amnestie frei (...) Beim Einmarsch der israelischen Armee in Hebron im Februar 2002 und in Ramallah (...) ließ er seine Polizei nicht zur Verteidigung ausrücken. Am 3. April wurde sein Hauptquartier in Baituniya angegriffen, bei dem er, nach Vermittlung durch die CIA, selbst entkam, aber ca. 50 versteckte Islamisten gefangen genommen wurden. Deshalb beschimpfte ihn Arafat als „Versager“ und „Verräter“ und entließ ihn am 2. Juli 2002 mit vorgehaltener Pistole. Im August 2003 bildete Arafat auf Druck der USA die Regierung um, ar-Radschub wurde zum Nationalen Sicherheitsbeauftragten ernannt."

  2. und ich bin auch sicherlich nicht er einzige. Solange die Kolumne Leser hat, gibt es keinen Grund, die Kolumne einzustellen. Sie muss ja nicht jedem gefallen.

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    • tx111
    • 12. September 2013 4:01 Uhr

    Israelpropaganda bleibt Israelpropaganda. Ob es viele Leser hat oder nicht sei dahingestellt, einen zweiten Broder braucht hierzulande niemand.

  3. Wirklich öde dieser propagandistisch anmutende Artikel. Absolut tendenziös und unseriös. Tenenboim will uns hier einen Bären aufbinden. Natürlich können Palästinenser sich stundenlang frei bewegen, sie können nach Israel spazieren wann und wohin sie wollen. Die Absperrungen der Soldaten die das gesamte Land abriegeln sind nur böse Lügen der bösen Deutschen. Die ganzen schwangeren Frauen die an irgendwelchen Checkpoints Kinder gebären, weil sie von Soldaten am Passieren gehindert werden sind wohl nur Märchen.

    Ich mag es einfach nicht, wenn man dermaßen befangen ist und seine eigene Herkunft und die dort vorherrschende Politik derart idealisiert, dass man alle anderen verteufelt.

    Einfach nur peinlich. Da hat der sich in Lebensgefahr stürzende Tenenboim ja tierisch Glück, dass der brutale Spionagegeneral eine derart schlechte Spionage betreibt, dass er nicht merkt, dass da gar kein Deutscher vor ihm steht. Nicht auszudenken er wäre einem Palästinenser über den Weg gelaufen der deutsch sprechen kann.

    Das ist investigativer Journalismus wie ihn kein Mensch braucht. Reine Propaganda!!

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    • Rutland
    • 11. September 2013 19:08 Uhr

    Nimmt mans mit teutonischer Ernsthaftigkeit, drängt sich diese Frage geradezu auf.

    Sonst einfach frei nach Grabbe:
    "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"

    Übrigens hätten wir gerne mehr von "Tobi dem Deutschen".
    (Gemeint sind alle, die es nicht ganz zu verkniffen sehen ...)

    • mhofer
    • 11. September 2013 19:47 Uhr

    Es ist faszinieren, wie diejenigen wie Sie, die gegen Israel hetzen glauben alles besser zu wissen.

    Anstatt selbst dorthin zu fahren, lesen Sie anscheinend nur darueber und wenn dann ein Artikel beschreibt wie man sich dort frei bewegen kann, dann wissen Sie es natuerlich besser.

    Wirklich interessant. Das bedeutet, die Artikel, die das schreiben, was sie glauben moechten aus denen beziehen Sie Ihre Informationen und aus den anderen eben nicht, die sind Propaganda. Fahren Sie doch selbst hin, wenn sie es nicht glauben.

    Das einzig zu kritisierende am Artikel ist, dass in ganz Israel auf jedem Strassenschild der Name der Strasse ebenfalls in Arabisch steht- vermutlich nur in den arabischen Staedten in Judaea und Samaria nicht auf Hebraeisch: So sieht es aus!

    >>Wirklich öde dieser propagandistisch anmutende Artikel. Absolut tendenziös und unseriös.<< Zitatende

    Nach einem - zugegeben - arg abgenudelten Tucholsky-Zitat darf Satire allles. Doch sie darf nicht nur alles, im Umkehrschluss muss sie auch gar nichts. Sie muss also weder untendenziös, unpropagandistisch noch seriös sein. Und sie muss vor allem nicht jedem gefallen, sonst wäre sie keine Satire mehr, sondern eine Sonntagspredigt.. Eines allerdings darf Satire - entgegen Tucholsky - doch nicht: Sie darf nicht politisch korrekt sein. Dann wäre sie keine Satire mehr, sondern - zum Beispiel - eine Rede von Margot Käßmann. Da hört man doch ab und zu lieber Tobi dem Deutschen zu..

  4. Erst am Ende des Artikels habe ich einen Link zum Originaltext gefunden. Wenn ich das schon vorher gesehen hätte, hätte ich wahrscheinlich auch das Original gelesen...

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  5. Ich fand es sehr interessant und hatte Freude beim Lesen. "Propaganda" lässt sich bei jedem Artikel schreien, selbst wenn dort nicht einmal eine wertende Meinung ausgesprochen wird. Es reicht schon anderer Meinung und nicht diskussionsfähig zu sein um Vorwürfe auszuspeien.

  6. Ein abgründiger und irgendwie brillianter Artikel. Und sogar noch witzig. Mehr geht nicht.

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  7. Ich kann die Einschätzung des ersten Kommentars ("1. Langweilig wie immer, diese Kolumne, ZO sollte sich etwas Neues einfallen lassen und den Platz mit etwas Interessantem füllen.") nicht teilen, die Tuvia Tenenbom selbst wohl kaum entfernt hätte. Er ist als Künstler und Autor sicherlich gewöhnungsbedürftig, der heutige Beitrag ist jedenfalls versöhnlich. Was man daneben an ihm schätzen kann, ist sein persönlicher Mut, sich ständig zu exponieren. Die Kolumne will eher erfühlt als rational verstanden werden, denke ich jedenfalls. Weiterhin viel Glück und Erfolg, Tuvia!

    Wikipedia zum Wandersmann: "Dschibril ar-Radschub (...) wurde mit 15 Jahren wegen des Wurfs einer Handgranate auf israelische Soldaten zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis lernte er so gut Hebräisch, dass er Menachem Begins Buch "Die Revolte" ins Arabische übersetzen konnte. Nach 17 Jahren kam er 1985 im Rahmen einer Amnestie frei (...) Beim Einmarsch der israelischen Armee in Hebron im Februar 2002 und in Ramallah (...) ließ er seine Polizei nicht zur Verteidigung ausrücken. Am 3. April wurde sein Hauptquartier in Baituniya angegriffen, bei dem er, nach Vermittlung durch die CIA, selbst entkam, aber ca. 50 versteckte Islamisten gefangen genommen wurden. Deshalb beschimpfte ihn Arafat als „Versager“ und „Verräter“ und entließ ihn am 2. Juli 2002 mit vorgehaltener Pistole. Im August 2003 bildete Arafat auf Druck der USA die Regierung um, ar-Radschub wurde zum Nationalen Sicherheitsbeauftragten ernannt."

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    Antwort auf "[...]"
    • Rutland
    • 11. September 2013 19:08 Uhr

    Nimmt mans mit teutonischer Ernsthaftigkeit, drängt sich diese Frage geradezu auf.

    Sonst einfach frei nach Grabbe:
    "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"

    Übrigens hätten wir gerne mehr von "Tobi dem Deutschen".
    (Gemeint sind alle, die es nicht ganz zu verkniffen sehen ...)

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schade, schade"
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    Ich würde gerne mehr über und von diesem mutigen Spaziergänger lesen.

    LG

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