Auf diesem Planeten gibt es Menschen, die mich als Tobi den Deutschen kennen. Diesen Namen schätze ich sehr und diese Identität öffnet mir viele Türen.

Heute zum Beispiel geht Tobi der Deutsche mit Dschibril dem Araber spazieren, einem Mann, der 17 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht hat und derzeit Präsident zweier Organisationen ist: Des Palästinensischen Fußballverbandes und des Palästinensischen Olympischen Komitees.

Natürlich – Sie ahnen es vielleicht – steckt hinter so einem Namen meist mehr, als man zunächst erkennt.

Zunächst einmal ist Dschibril gar kein Fußballer. Dschibrils vollständiger Name lautet, falls Sie es noch nicht erraten haben, General Dschibril ar-Radschub. Er ist der ehemalige Sicherheitschef des palästinensischen Geheimdienstes und einer der gefürchtetsten Anführer in dieser Region. Warum beschäftigt sich der General mit Fußball? Naja, Dschibril ist ein Spionagechef. So ganz lässt sich nie sagen, was Leute wie er tun, egal, wie sehr man sich bemüht.

Welche Gründe er auch haben mag, sein Posten passt mir. Er ist ein Fußballchef und ich bin Sportjournalist – wir beide passen perfekt zueinander.

Heute Morgen zum Beispiel, als Dschibril entschied, zu Fuß von Ramallah nach Jericho zu gehen, fragte er mich, ob ich mitkommen wolle.

Inzwischen sind wir siamesische Zwillinge: Wo immer Dschibril hingeht, geht auch Tobi hin.

Ein Spaziergang mit Dschibril ist eine ganz besondere Erfahrung.

Wie jeder General auf dieser Welt ist Dschibril auf Schritt und Tritt von Sicherheitsleuten umgeben, jedoch, wie man es bei einem gefürchteten Spionagechef erwartet, tragen seine Sicherheitskräfte keine Sturmgewehre oder andere beeindruckende Metallgegenstände offen zur Schau. Nein. Sie haben vielmehr Wasser, Eis, Bananen, Datteln, Joghurt und andere, ähnlich listige Waffen dabei. Wenn wir ein Wadi hinabgehen oder einen Berg erklimmen, stecken mir Sicherheitsleute Wasserflaschen, Kuchen, frisches Obst und leckere Eiscreme zu – und alles andere, wonach es mich beim Spazierengehen verlangt.

Während ich so abbeiße, schlecke und laufe, lasse ich mich von der Landschaft verzaubern. Die Wege führen in großen Schleifen durch Massen von weißbraunem Sand, enge und breite Straßen verstecken sich zwischen Hügeln und Bergen, und ständig pustet einem ein sanfter Wind ins feuchte Gesicht.

Wir gehen und gehen, aber die Straßen nehmen kein Ende. Unser Weg führt teilweise durch Israel, teilweise durch Palästina, teilweise über gemeinsame Straßen. Es ist schwer zu erkennen, wann wir das eine Land verlassen und das andere betreten. Ich dachte immer, dass die Staaten durch schwer bewachte Grenzübergänge voneinander getrennt sind, aber da lag ich offensichtlich falsch.

Denjenigen Menschen, die seit Jahrzehnten vom israelisch-palästinensischen Konflikt gehört und gelesen haben, muss das umstrittene Gebiet riesengroß erscheinen, größer vielleicht als Kanada. Doch wenn man mit Dschibril unterwegs ist, merkt man schnell, dass das Land nicht nur sehr klein ist, und damit meine ich Israel und Palästina, sondern auch, wie sehr die beiden Länder miteinander verbunden sind. Das einzige, an dem sich erkennen lässt, in welchem Land man gerade ist, sind die Straßenschilder: Hier sind sie arabisch, dort hebräisch.

An einem Abschnitt unseres Spaziergangs beschließt Tobi ohne besonderen Grund, Dschibril zu verlassen und sich das Heilige Land auf eigene Faust anzusehen.

"Geh nicht allein dorthin", warnt Dschibril aus Arabien Tobi aus Germanien sogleich. "Die sehen deine blonden Haare und schlachten dich ab!"

Wer sind "die"? Das frage ich besser nicht.

"Hast du unsere Flüchtlingslager gesehen?", fragt der olympische Geher seinen arischen Seelenverwandten.

Nein, noch nicht. Aber ich würde sehr gerne.

"Nidal!", ruft Dschibril einen der Eiscremeschlecker herbei. "Sorg dafür, dass der Deutsche sich ein Flüchtlingslager ansehen kann."

Nidal nickt gehorsam und bietet mir dann eine Banane an.

Erst die Banane, dann die Flüchtlinge.

Ich kann Ihnen verraten, Bananen aus Palästina sind süßer als Honig. Nur Allah weiß, wie sie das schaffen.