Fußball-Bundesliga : Die Bayern können jetzt Tiki-Taka

90 Minuten Offensive, ein brillanter Spielmacher, ein dichtes Kurzpassnetz – beim 1:1 in Leverkusen zeigen die Triple-Bayern, dass sie unter Guardiola noch besser sind.
Leverkusens Lars Bender (links) im Zweikampf mit Dante vom FC Bayern München ©Markus Becker/dpa

Es gibt eine Art Regellücke im Fußball. Nimmt ein Spieler einen Abstoß seines Mitspielers im Strafraum an, muss das Spiel unterbrochen werden. Diese Verzögerung ist zwar verboten, wird aber nicht geahndet. Der Abstoß muss lediglich wiederholt werden. Der Fußballgesetzgeber hat in den vergangenen Jahrzehnten viel getan, um das Spiel schneller zu machen. Diesen Paragraphen hat er übersehen, wohl weil die Situation im Profifußball sehr selten vorkommt.

Die Partie zwischen Bayer Leverkusen und Bayern München wäre eine gute Gelegenheit, in dieser Frage eine Gesetzesnovelle zu erwägen. Die bizarr unterlegenen Leverkusener nutzten gleich drei Mal diesen E-Jugend-haften Verlegenheitstrick zur Verschnaufpause. Weil sie sahen, dass sie im Rücken wieder mal von einem rastlosen Angreifer der Bayern attackiert wurden.

Im Top-Spiel des 8. Spieltags maßen sich der Dritte und der Zweite der Bundesliga. Nach der Dortmunder Niederlage zuvor stand fest, dass der Sieger die Tabellenführung übernehmen würde. Vielleicht würde der FC Bayern zum ersten Mal nach über elf Monaten wieder mal ein Bundesliga-Spiel verlieren. Die Zuschauer hofften auf ein Spitzenspiel – bei nur einem Punkt Unterschied zwischen Bayern und Bayer in der Tabelle.

Doch die kann entgegen einem großen Fußballweisen durchaus lügen. Das Geschehen auf dem Feld wirkte nämlich, als hätten es die Bayern mit einem unterklassigen Verein zu tun. Leverkusen verschanzte sich am Strafraum und lief den Bayern 90 Minuten lang hinterher.

Vor der Saison hatte sich mancher gefragt, ob Pep Guardiola die Triple-Bayern verbessern könnte, ob er mit neuen Ideen am Widerstand der Spieler scheitern, ob der Trainerwechsel zum Problem würde. Nach diesem Auftritt in Leverkusen muss man feststellen: Es geht offenbar, eine Mannschaft, die alles gewonnen hat, auf ein höheres Niveau zu heben. Der Konkurrenz muss es bange werden, angesichts der Dominanz, die die Bayern an diesem Abend zeigten. Und angesichts ihres neuen Stils, den sie unter ihrem neuen Trainer schnell verinnerlicht zu haben scheinen.

Die Bayern können jetzt Tiki-Taka, zumindest in der Grobform. In Leverkusen webten sie ein dichtes Netz aus Hunderten Pässen, Pässen, Pässen. Der Ball zirkulierte nahezu ungestört in ihren Reihen. Verloren sie ihn dennoch einmal, holten sie ihn sich in kleinen Jagdgruppen schnell wieder zurück. Auch dieses Instrument, das Gegenpressing, hat Guardiola verfeinert.

Seine Handschrift, die man aus Barcelona kennt, ist nun auch in München zu lesen. Dennoch enthält das Spiel des Deutschen Meisters viele bayerische Elemente: Dribblings auf den Flügeln, Tempoläufe, Vorstöße aus dem Mittelfeld, scharfe Flanken, Gefahr bei Eckbällen und Kopfstößen, Schüsse aus der Distanz, Dauerdrang nach vorne.

Guardiola hat sein System angepasst – an die Bundesliga und die Stärken seiner Spieler. Die bedeutendste Änderung betrifft Philipp Lahm. Der Trainer setzt den Kapitän, der ein Jahrzehnt lang Außenverteidiger war, als zentralen Mittelfeldspieler ein. Nicht erst das Spiel in Leverkusen gab ihm Recht. Lahm war der Lenker, stets anspielbar passte er fast genauso oft wie alle Leverkusener zusammen. Er beherrschte die schnellen Drehungen mit dem Ball, ob links- oder rechtsrum.

Tiki taka in Grobform

Lahm ist mit einem Radar ausgestattet. In einer Szene in der ersten Halbzeit wurde er angespielt und von drei Gegenspielern aus drei Himmelsrichtungen angelaufen. Eine bedrohliche Situation in der Nähe des Bayern-Strafraums. Nicht für Lahm, er erkannte die verbliebene freie Himmelsrichtung und leitete den Konter ein. Lahms kleiner Wendekreis und seine skalpellhaften Grätschen sind zudem Waffen der Balleroberung. "Er spielt es besser, als es möglich ist", sagte Guardiola unter der Woche.

Oliver Fritsch

Oliver Fritsch ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Auch Toni Kroos kommt der Guardiola-Fußball entgegen. Die Versuche der Leverkusener, ihm den Ball abzunehmen, wirkten geradezu putzig. Kroos kann zudem diesen Pass, dessen Richtung kein Gegenspieler und kein Zuschauer vorhersehen kann. Den Spielmacher aus den Vorjahren, Bastian Schweinsteiger, schob Guardiola etwas nach vorne, auch etwas zur Seite. Der nimmt diese Degradierung ohne Murren hin, vielleicht weil seine Torgefahr besser zur Geltung kommt.

Ebenso hat sich die Aufgabe der Außenverteidiger leicht geändert. Bei Angriffen bieten sie sich nun zentraler an. Dann stößt David Alaba von dort aus zu seinen gefährlichen Flügelläufen. Thomas Müller, den Guardiola anfangs noch im Mittelfeld aufbot, spielte zum zweiten Mal hintereinander in der Spitze. Er ist ein idealer Stürmer im Sinne Guardiolas, ein "Ausweicher", ein "Rochierer", ein beweglicher Lückenreißer.

Die Hoffnung, dass die Bayern nach der Supersaison wieder öfter zu schlagen sein könnten, dürfte sich in der Bundesliga mit Ausnahme von Borussia Dortmund, der es in Mönchengladbach drei Stunden zuvor ähnlich ergangen war, als nicht sehr haltbar herausstellen. Am Anfang der Saison offenbarten sie zwar ein paar Lücken im Mittelfeld und in der Abwehr, ihren Angriffen fehlte oft die Zielgenauigkeit. Zudem mussten die Schiedsrichter Guardiola beim Einstand unterstützen, etwa mit günstigen Elfmeterentscheidungen gegen Frankfurt, Nürnberg und Wolfsburg. Doch schon beim 4:0 in Schalke vor zwei Wochen sah man die neuen Bayern: Mit ihrem 3:1 in Manchester beeindruckten sie ganz Fußballeuropa.

Der Champions-League-Teilnehmer Leverkusen verteidigte aufopfernd, aber auch mitleiderregend. Leverkusen, ein Team, das sich seit Jahren durch Spielkultur definiert, schoss den Ball manchmal einfach ins Aus, half sich mit Befreiungsschlägen. Die Mittelfeldspieler versuchten meist erst gar nicht, nachzurücken. Vom ständigen Hinterherlaufen und den Dribblings Franck Ribérys geriet selbst der Dauerrenner Lars Bender völlig außer Puste. Der famose Tormann Bernd Leno stand im Mittelpunkt.

Die Statistik sagt viel. Leverkusen hatte unter 30 Prozent Ballbesitz. Die Bayern schossen 27 Mal aufs Tor, Leverkusen 5 Mal. 27 Bayern-Flanken standen 3 von Leverkusen gegenüber. Am meisten sagt dieser Wert: 602 Bayern-Pässe fanden einen Mitspieler, nur 107 aus Leverkusen.

Ach ja, da war noch eine Statistik, das Ergebnis: 1:1. Die TV-Kameras zeigten Guardiola nach dem Spiel alleine auf der Bank, scheinbar mit der Ausbeute hadernd. Ist den Bayern die Effizienz verloren gegangen? Doch mit diesem Unentschieden dürften die Bayern die Gegner mehr eingeschüchtert haben, als mit einem ihrer vielen Siege. Zumal die "Performanz von Leverkusen", wie Guardiola sagte, nicht das Ende der Entwicklung sein wird.

Später war Guardiola die Freude anzumerken, einen Triple-Sieger in hundert Tagen erneuert zu haben. Er ahnt, manchmal lügt das Ergebnis.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Xavier Lahm

Ich schätze Lahm technisch stärker ein als Martinez, er wird deshalb vermutlich auch weiterhin als Sechser agieren.
In Thiago sehe ich eine enorme Verstärkung insbesondere für das System welches Guardiola spielen lässt, nicht umsonst ist er zum Spieler der Turniers bei der U21-EM gewählt worden. Wer ihn da gesehen hat, wird wissen was da für ein Künstler noch auf uns zu kommt. Leider bisher noch verletzt gewesen. Im Sturm würde ich mich freuen wenn Guardiola es mal mit Mario Götze versucht, im Abschluss für mich der stärkste Offensivakteur beim FCB.
Guter Artikel!

Es gibt schon ein paar Gegner,

Real, wenn sie sich nicht feige in der eigenen Hälfte verstecken und ihr eigenes Offensivpotenzial entfalten
Barca, gefährlicher als letzte Saison, mit einer klareren Philosophie und Geschwindigkeit http://www.youtube.com/wa...
United, Chelsea, Arsenal wenn sie in einem Hinspiel stabil spielen
Napoli, Turin, PSG sind an einem guten Tag ebenfalls kein Fallobst
und dann natürlich Dortmund, die vielleicht taktisch am flexibelsten auf München reagieren können.
Es gibt sehr viele Gegner, nur in der Bundesliga und DFB Pokal kann ich mir keine FCB Niederlage vorstellen.