Blick aus dem DFB-Block in Stockholm © Christian Spiller

Der Mann mit der schwarz-weiß-roten Fahne kann kaum noch stehen. Er hatte schon einige Bier zu viel, aber macht sich noch ein Neues auf. Ein "Judenbier", wie er vor dem Stadion von Stockholm laut kundtut. Auf seinem Sweatshirt ist etwas abgebildet, was einem Reichsadler sehr ähnlich sieht. Mit der Flagge des Kaiserreichs in der Hand wankt er zur Sicherheitskontrolle. Er kommt durch. Als er drin ist, hält er seine Fahne mit beiden Händen in die Höhe. Die Schweden können kommen.

Solche Gestalten sieht man oft bei Länderspielen der DFB-Elf. Bei den Heimspielen finden sich das Familienpublikum und die Event-Fans mit ihren Klatschpappen ein, der DFB zeigt Integrationswerbespots. Doch im Umfeld von Auswärtsspielen sammeln sich regelmäßig Rechtsextreme. Immer noch. Die Haare sind kurz, die Nacken dick, und das "Deutschlaaaand" zieht sich oft besonders in die Länge.

Schon im Flugzeug nach Stockholm ist das zu sehen. Zwei Männer zeigen sich kichernd per Hitlergruß, wo sie gerade sitzen. Eine Gruppe stimmt Nazi-Lieder an. Mindestens einer trägt Kleidung mit der Aufschrift der mit einem Erscheinungs- und Auftrittsverbot belegten Ultra-Gruppierung "Inferno Cottbus". Ein anderer ruft: "Flieg, Reichsadler, flieg!"

Die Stewardessen der norwegischen Fluglinie Norwegian Air Shuttle sehen den Gruß nicht und verstehen auch nichts. Die Passagiere, die verstehen, tun nichts. Beim Aussteigen sagt eine Schwedin in Richtung der deutschen Fans, sie sollten sich schämen. Sie erntet höhnische Blicke.

Die üblichen Szenecodes

Seit Jahrzehnten hat der DFB ein Problem mit rechtsextremen Fans. Beobachter schätzen die Lage zwar nicht mehr so schlimm ein wie noch in den neunziger und nuller Jahren, als Nazis regelmäßig offen rassistische Parolen durch Stadien brüllten. Aber vor allem bei Spielen in Osteuropa ist das Gewalt- und Rassismuspotenzial nach wie vor hoch. Die Nationalelf zieht ihrer Natur wegen Nationale, Hooligans und rechte Schläger aus ganz Deutschland an.

Florian Schubert bestätigt das. Er ist Mitglied im Bund Aktiver Fußball-Fans und hat eine Studienarbeit über Rechtsextremismus im Fußball geschrieben. Im vergangenen Sommer fuhr er mit deutschen Fans zur EM in die Ukraine. Er hat darüber einen Text veröffentlicht, der so gar nichts mit dem angeblich entspannten Party-Patriotismus, wie er in Deutschland angeblich mittlerweile herrschen soll, zu tun hat. 

Stattdessen: Viele rassistische Sprüche, eine Fahne, deren Slogan direkt von Wehrmachtssoldaten stammt und Deutschland-Fans im 88er-Look, dem Szenecode für "Heil Hitler". Ein erschütternder Bericht. "In den Medien hieß es immer, es passiert nichts mehr", sagt Schubert. "Aber mich hat überrascht, wie viel man schon mitbekommt, wenn man einfach nur dabei ist."

In Stockholm hat das Spiel begonnen. Es ist kaum drei Minuten alt, da stimmt der deutsche Block das Lied Mexiko von den Böhsen Onkelz an. Eine Band, die sich lange gegen den Verdacht wehren musste, rechtsextrem zu sein. Das Lied wird seit Jahrzehnten im deutschen Block gesungen.