Das Stadion in Braunschweig ist klein und alt. Doch die Stimmung beim Tabellenletzten der Bundesliga nimmt einen selbst bei Niederlagen mit. Beim 0:4 gegen Stuttgart Ende September sangen die Eintracht-Fans minutenlang You'll never walk alone. Als Schalke am vorigen Samstag in der letzten Minute den 3:2-Siegtreffer schoss, feierten sie dennoch und munterten die Spieler auf. Sitz- und Stehplatzfans, Alt und Jung scheinen in Braunschweig enger verbunden als in anderen Vereinen.

Doch die Braunschweiger Fußballfans schrieben zuletzt auch andere Schlagzeilen. Sie prügelten sich. Ende September griffen Braunschweiger Hooligans im Stadion von Mönchengladbach zweimal die Gruppe UB 01 an, schlugen und traten sie. Zu hören waren antisemitische und rassistische Parolen sowie ein abgewandelter NPD-Slogan. Die Polizei Mönchengladbach spricht vom "Angriff einer rechten auf eine linke Gruppe". Von wem die Gewalt ausging, sei unstrittig.

Noch größere Schlagzeilen schrieb danach die Eintracht. Sie erteilte UB 01, also den Verprügelten, ein Gruppenverbot. Und schrieb, die Gruppe habe den Angriff provoziert. Fan-Experten halten das für ein fatales Signal. Mancher sagt: Der Verein hat das Faustrecht wiedereingeführt.

In Braunschweig lässt sich exemplarisch ein Kulturkampf beobachten, der in Aachen und Duisburg sowie in rund zehn anderen deutschen Stadien ähnlich verläuft. Es geht um Zivilcourage, um Hierarchien im Block und um die Frage, ob Fußball nur Fußball ist. Es geht auch um Politik, um Rechts gegen Links – wobei Links im Fußball nicht mehr heißt als demokratisch.

Soeren Oliver Voigt, der Geschäftsführer der Eintracht, sitzt vor dem Spiel gegen Schalke in seinem Büro. Er ist wütend über die kritischen Berichte der Medien, sie seien einseitig, sagt er. Voigt ergreift das Wort, ohne die Fragen abzuwarten. Er schimpft auf das Internet und wehrt sich gegen den Vorwurf, Rechtsextremismus zu dulden. In Braunschweig gebe es keine rechten Strukturen, sagt er. "In unserem Stadion ist ein Querschnitt der Gesellschaft vertreten."

Wie rechts ist Braunschweig?

"Diese Gruppe hat jahrelang nur Ärger gemacht" sagt Voigt über UB. "Alle anderen Fans sind gegen sie." Die Entscheidung, sie aus der Kurve zu entfernen, sei richtig. Der Leiter des Fan-Rats, des Dachverbands der Fans, sagt: "Wir wissen alle nicht, was UB will. Viele glauben, die wollen anderen schaden."

Die Polizei Braunschweig sagt, sie teile die Maßnahme des Vereins nicht. Und die Mehrheit der Fans? Sie freut sich über die Entscheidung. Aber warum? Ist die Braunschweiger Fan-Szene von Nazis dominiert? Schlendert man vor dem Spiel über das Stadiongelände, sieht man: Das ist sie offensichtlich nicht. Viele junge Frauen und Männer in blau-gelben Trikots, mit blau-gelben Schals in freudiger Erwartung auf das Spiel. Alte Eintrachtler debattieren beim Bier. Auch die Glatzen- und Thor-Steinar-Dichte im Stadionumfeld ist durchschnittlich.

Wie rechts ist Braunschweig? Die Polizei Braunschweig zählt in der Fan-Szene 10 bis 15 Rechtsextreme und 20 bis 30 in deren Dunstkreis. Damit belegt die Eintracht im nationalen Ranking einen Platz im Mittelfeld. Reinhard Koch, Leiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt Braunschweig, sagt: "Man wird im Block kaum organisierte Neonazis finden."

Man müsse sich aber von der Vorstellung verabschieden, sagt Koch, dass Rechte den Hitlergruß zeigten oder bei Aufmärschen teilnähmen. Koch identifiziert rechte Fußballfans anhand drei Kriterien: Sie haben eine rechte Gesinnung. Ihre lebensweltliche Orientierung ist durch Feindbilder und Abwertung anderer geprägt. Und sie haben erhebliches Gewaltpotenzial. Von diesen Lifestyle-Rechten gebe es in Braunschweig einige, sagt Koch, zudem eine größere "Mischszene".