Zehn Kilometer vor den Toren von Doha stampft Katar eine neue Stadt aus dem Wüstenboden. Lusail City wird die glamouröse Metropole einmal heißen, geplant als Drehscheibe für die Fußballweltmeisterschaft 2022 – das erste globale Fußballspektakel auf arabischem Boden. Hier soll die gigantische 90.000-Zuschauer-Arena für das Endspiel errichtet werden, hier entstehen die meisten der 29 neuen Hotels, um die angereisten Fans zu beherbergen. Gleichzeitig will Katars Emirfamilie die gesamte Infrastruktur ihres superreichen Ministaats modernisieren: Mehr als hundert Kilometer Metro sind geplant, eine Autobahnbrücke nach Bahrain, dazu ein komplett neues Schienennetz für ihre Halbinsel im Persischen Golf.

So kühn und fantastisch, so superreich und glitzernd – doch seit den Vorwürfen von Sklavenarbeit auf Katars Großbaustellen gerät nun erstmals auch die düstere Rückseite des weltweit bewunderten Baubooms ins internationale Rampenlicht: das Schicksal der Millionen Migrantenarbeiter aus Indien, Pakistan, Sri Lanka, Bangladesch und Nepal in der Golfregion. Nicht nur in Doha, auch in Dubai, Abu Dhabi, Riad und Kuwait City schuften Hunderttausende indische und asiatische Arbeitskräfte auf spektakulären Megabaustellen – schlecht bezahlt und schlecht ernährt, untergebracht in überfüllten, schäbigen Massenbaracken vor den Toren der Städte. Wer krank wird, bekommt die Tage im Bett vom Lohn abgezogen.

In Katar starben im vergangenen Jahr rund 200 Arbeiter aus Nepal, viele an Herzversagen nach extrem langen Schichten in der Gluthitze oder durch schwere Arbeitsunfälle. Bei Beschäftigten aus Indien, Bangladesch und Sri Lanka liegen die Zahlen ähnlich hoch, mehr als 1.000 wurden auf den Baustellen verletzt.

Und dennoch machen sich nach wie vor Hunderttausende junge Männer und Frauen auf die Hoffnungsreise in den Nahen Osten. Denn die Staaten am Persischen Golf gehören zu den reichsten Ländern der Welt. Ihr Wohlstand jedoch ruht auf den Schultern eines stetig wachsenden Heeres von Wanderarbeitern. Zwölf Millionen arbeiten inzwischen in den Emiraten und Monarchien der Arabischen Halbinsel, die Frauen als Hausangestellte, die Männer auf dem Bau, als Verkäufer, Kellner, Putzleute oder Taxifahrer. Mit neun Millionen geht der Löwenanteil nach Saudi-Arabien, wo Migranten ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. In Kuwait und Katar liegt ihr Anteil bei 70 Prozent, in Dubai und Abu Dhabi, den beiden glitzernden Metropolen der Vereinigten Arabischen Emirate, sogar bei 90 Prozent. Keine andere Region der Welt nutzt Dienste von Gastarbeitern in solchen Dimensionen und mit solchen jährlichen Zuwachsraten.

Die jungen Saudi-Araber, Katarer und Kuwaiter denken gar nicht daran, sich die Finger schmutzig zu machen. Manuelle Arbeit ist verpönt und zu den mageren Löhnen der ausländischen Migranten mögen sie schon gar nicht schuften. Stattdessen streben sie alle nach einem sicheren Posten im ohnehin schon aufgeblähten Staatsdienst. Ihr Lebensziel ist ein ruhiger Schreibtischjob, möglichst üppig bezahlt, mit kurzen Arbeitszeiten, während das Millionenheer der Inder und Asiaten Wohlstand und Wirtschaft am Laufen hält, in der Regel mit Monatslöhnen zwischen 150 und 400 Euro.

Allein in Saudi-Arabien, dem mit Abstand bevölkerungsreichsten Golfstaat, sind nach Angaben des Arbeitsministeriums zwei Millionen einheimische Männer und 1,7 Millionen einheimische Frauen arbeitslos, fast ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung. Doch 90 Prozent der Arbeitsplätze, die heute von asiatischen Gastarbeitern ausgefüllt werden, seien "ihrer Natur nach nicht geeignet für Bürger des Königreiches Saudi-Arabien", erläuterte Arbeitsminister Adel Faqih im Namen seiner ölsatten Landsleute.

Da der öffentliche Sektor aus allen Nähten platzt, werden Privatfirmen nun mehr und mehr per Gesetz gezwungen, Quoten-Saudis einzustellen. Damit die mit ihrer geringen Arbeitsmoral und Unzuverlässigkeit jedoch nicht zu viel Chaos anrichten, zahlen Privatunternehmen dem verwöhnten Nachwuchs allzu oft jeden Monat ein Gehalt und schicken ihn nach Hause.