Vielleicht ist Joachim Löw einfach nur im falschen Land geboren. In einem Land, das von allen anderen großen Fußballnationen am ehesten vergisst, dass Fußball (und Fußballschauen) vor allem Spaß machen soll. Anders ist das alles nicht mehr zu erklären.

Neulich hat sogar Jürgen Klinsmann ein Interview gegeben. Er redete über den Aufschwung im amerikanischen Fußball und die "extremen Gefühle", die er hätte, wenn er bei der Fußball-WM 2014 als US-Trainer auf Deutschland treffen sollte. Der bemerkenswerteste Satz: "Für uns in Deutschland kann es nur ein Ziel geben: den Titel." Er meinte den WM-Titel.

Möglicherweise ist Joachim Löw bei der Lektüre morgens der Espresso aus der Hand gefallen. Vielleicht hat er seinen Freund in Übersee auch gleich angerufen und ihm klargemacht, was er von solch leicht dahergesagten Worten hält. Klinsmann artikulierte aus der Ferne nur, was viele deutsche Fans noch deutlicher formulieren würden: Langsam reicht es. Bei der WM 2014 muss endlich ein Titel her!

Der Bundestrainer wird in den kommenden Tagen seinen Vertrag verlängern. Das Ergebnis einer gelungenen und souveränen WM-Qualifikation, die am Dienstag mit einem Quasi-Freundschaftsspiel gegen Schweden endet. Und trotzdem hat sich die öffentliche Meinung zu Löw gedreht. Der Bundestrainer hat in den vergangenen Monaten an Kredit verspielt. Die Löw-Skepsis ist salonfähig geworden. Ein misslungenes Spiel im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien und eine mysteriöse zweite Halbzeit beim 4:4 gegen Schweden im Oktober haben gereicht. Vertragsverlängerung hin oder her: Liefert Löw im Sommer im vierten Anlauf keinen Titel, wird er vielen als oberster Fußballlehrer des Landes untragbar. Dabei ist Joachim Löw, egal wie die WM endet, ein Glücksfall für den deutschen Fußball.

Titelhuber möchten bei den Siegern sein

Bevor er mit Jürgen Klinsmann übernahm, gab es die Ära der Bieger und Brecher, in der Bundestrainer versuchten, torlose Unentschieden auf Island schönzureden. Mittlerweile ist Deutschland mindestens die zweitbeste Fußballmannschaft der Welt, spielt so mitreißend wie kaum eine andere und wirkt stilbildend: Die Engländer, die Niederländer, die Franzosen – all jene Teams, die das DFB-Team links und rechts überholt hat, schauen bewundernd und neidisch ins einstige Land des Brachialfußballs. Nur hier wird gemeckert. Fußballdeutschland, wo ist dein Problem?

Es ist der Fetisch der Titelhuber. Titelhuber sind Menschen, die sich nur gut fühlen, wenn ihre Mannschaft die andere bezwingt. Sie wollen Erfolg um des Erfolges Willen. Titelhuber möchten bei den Siegern sein. Fairness, Spielfreude, der Sinn des Spiels ist ihnen egal, solange ihr Team am Ende Blech in den Abendhimmel reckt.

Titelhuber schwärmen von Berti Vogts und bringen Rudi Völler ein Ständchen, weil sie dessen rumpeligen zweiten Platz bei der WM 2002 Löws begeisterndem Dritten 2010 vorziehen. Den Titelhubern ist ein 0:0 lieber als ein 4:4. Eine Siegerehrung im TV lässt sie zwei Jahre miese Fußballabende ertragen. Für den Titelhuber mäht sich als Weltmeister der Rasen besser. Die Butterstulle schmeckt besser. Der Chef ist erträglicher.

Die Titelhuber schimpfen selbst am Rande der Fußballspiele ihrer Kinder oder drohen dem Schiedsrichter Schläge an. Sie sitzen mit dem Bier auf der Couch und kompensieren eigene Minderwertigkeitskomplexe mit dem Erfolg elf fremder Männer. Sie hängen die Deutschland-Fahne auf den Balkon, fühlen sich wohl in schwarz-rot-goldenen Gruppen und sind schnell stolz aufs Vaterland.

Die Titelhuber sehen Scheitern als Schwäche und merken nicht, dass ihre Erwartungshaltung lähmt. Sie verehren Oliver Kahn, Felix Magath und den Ehrgeiz, Druck, Druck, Druck. Betroffen sind sie erst, wenn sich ein Nationaltorwart das Leben nimmt.