Roman Kochagow in seinem Club Majak in Sotschi © Steffen Dobbert

Der Klub Majak ist von außen nicht zu erkennen. Er liegt unweit des Meeres, neben dem neuen Hyatt-Hotel, das bis zum Beginn der Olympischen Winterspiele am 7. Februar fertig gebaut werden soll. Kein Schild, keine Werbung, nur eine kleine versteckte Kamera über der schwarzen Eingangstür. Jeder Besucher muss klingeln, um in die Kellerräume zu gelangen. Roman Kochagow betreibt den Klub gemeinsam mit Andrei Tanichew. Er ist vor 13 Jahren von Moskau nach Sotschi gezogen und sitzt jetzt in einem Raum neben der Bühne.

ZEIT ONLINE: Herr Kochagow, seit wann betreiben Sie Ihren Klub in Sotschi?

Roman Kochagow: Inzwischen seit neun Jahren, wir sind immer noch der einzige Schwulen- und Lesben-Klub in der Stadt. Jede Nacht bieten wir unseren Gästen eine Transvestiten-Show.

ZEIT ONLINE: Gab es irgendwelche Probleme, als Sie Ihren Klub damals eröffnen wollten?

Kochagow: Nein, keine Probleme. Es ist ein ganz normales Geschäft, nichts Spezielles.

ZEIT ONLINE: Sie wissen um das sogenannte Anti-Homosexuellen-Gesetz, welches Putin im Juni unterzeichnet hat?

Kochagow: Natürlich.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich als Schwuler frei und uneingeschränkt in Sotschi?

Kochagow: Ja, ich lebe mit meinem Freund seit 13 Jahren zusammen hier. Putins Gesetz gegen Schwule ist gar kein Problem. Nur in der Öffentlichkeit halten wir nicht Händchen oder küssen uns.

ZEIT ONLINE: Weil Sie das nicht wollen oder weil Sie das nicht dürfen?

Kochagow: (überlegt lange) Also, in unserem Land findet dieses Gesetz keine Anwendung, weil sowieso niemand dagegen verstößt. Wie gesagt: Wir küssen uns eben nicht in der Öffentlichkeit. In Russland haben die Menschen generell weniger Toleranz als ihr in Europa. Die Athleten sollten vielmehr die russische Gesellschaft als so ein Gesetz fürchten.

ZEIT ONLINE: Das neue Gesetz unterstützt Homophobie und schränkt die Freiheit liberalerer Russen ein. Finden Sie dieses Gesetz etwa gut? Oder halten Sie es für einen Fehler?

Kochagow: Auf diese Frage möchte ich nicht antworten.

ZEIT ONLINE: Warum nicht? Haben Sie Angst, sich kritisch zu äußern?

Kochagow: Wenn ich Angst hätte, hätte ich diesem Interview mit Ihnen nicht zugestimmt. Es ist einfach so, dass diese Fragen bedeutende Fragen sind. Deren Antworten gehen tief und ich habe diese Antworten noch nicht für mich selbst gefunden. Also will ich erst drüber nachdenken, bevor ich Ihnen antworte.

ZEIT ONLINE: In Deutschland gibt es eine Debatte über das Gesetz. Da es während der Spiele im Februar womöglich schwule oder lesbische Athleten daran hindert, sich in der Öffentlichkeit zu küssen.

Kochagow: Mich betrifft das nicht. Mir und meinem Freund geht es hier gut.

ZEIT ONLINE: Für viele Sportler, Politiker und Homosexuelle aus anderen Teilen Russlands ist das Anti-Homosexuellen-Gesetz ein großes Thema. Und Sie sitzen hier im einzigen Gay Club Sotschis und Sie sagen, alles kein Problem?

Kochagow: Tja, so ist es. Hier hat wegen dieses Gesetzes niemand ein großes Fass aufgemacht. Vielmehr gibt es dazu nichts zu sagen.

ZEIT ONLINE: Einige Politiker und Sportler erwägen gar einen Boykott der Spiele?

Kochagow: Olympische Spiele sind Sportwettkämpfe. Sie sollten nichts mit den Rechten oder Freiheiten von Homosexuellen zu tun haben. Bevor Sie in ein arabisches Land fliegen, informieren Sie sich doch auch über die dortigen Gesetze. Wenn es nicht erlaubt ist, auf offener Straße Alkohol zu trinken, machen Sie das nicht. Oder: Stellen Sie sich vor, Katar würden die Olympischen Spiele austragen. Der Kultur der Kataris zufolge dürfen Frauen in der Öffentlichkeit keine nackte Haut zeigen. Was würden die Liberalen aus Europa dazu sagen? Ich denke, Ausländer, egal wo sie herkommen, sollten Gesetze und Kultur eines Landes respektieren.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für ein homosexuelles Paar, das während der Spiele händchenhaltend durch die Straßen von Sotschi spazieren will? Das Internationale Olympische Komitee verspricht diese Freiheit in seiner Charta.

Kochagow: Diese Frage stellen Sie lieber dem Präsidenten des IOC und nicht dem Präsidenten eines Gay Clubs.

ZEIT ONLINE: In Moskau locken jugendliche Banden junge Schwule unter falschen Namen zu einem Date. Wenn es soweit ist, filmen sie die Schwulen, verprügeln sie und veröffentlichen diese Filme dann auf YouTube. Finden Sie das okay?