Nürnbergs ehemaliger Trainer Michael Wiesinger © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Memmert, in Michael Wiesinger in Nürnberg wurde nun der dritte Trainer der laufenden Saison entlassen, obwohl erst acht Spiele gespielt sind. Können Sie so etwas verstehen?

Daniel Memmert: Nein. Heutzutage werden Trainerentlassungen fast immer nach der Tabelle vorgenommen. Es wird meist nur auf einen Indikator, die nicht erreichten Punkte, geschaut. Damit machen es sich die Verantwortlichen zu einfach. Zumal wir durch die Statistik wissen, dass 50 Prozent aller Tore durch Zufall fallen und damit vor allem knappe Spiele Zufallsprodukte sein können.

ZEIT ONLINE: Aber es geht doch um Ergebnisse? Wonach sollten die Verantwortlichen sonst urteilen?

Memmert: Es sollte um das große Ganze gehen, um den Prozess, nicht um das Endprodukt Punkte. Langfristig wichtiger ist: Wie agiert der Trainer? Hat er ein aktuelles Konzept? Wie geht er mit den Spielern um, einzeln oder in der Gruppe? Trainiert er systematisch, ist sein Training vielleicht sogar wissenschaftlich gestützt? Wie werden seine Trainingsziele kontrolliert, dokumentiert und reflektiert? Finden die Spieler, dass die Übungsinhalte ihnen auch im Spiel helfen? Wir wird mit Misserfolg umgegangen? Was ist mit dem Teamgeist? Das sind alles Dinge, die man täglich bewerten kann und eigentlich auch täglich bewerten muss. Das wäre eine Aufgabe für eine Art Supervisor.

ZEIT ONLINE: Supervisor?

Memmert: Ja, jemand, der den Trainer jeden Tag beobachtet. Beim FC Bayern wirkt es so, als ob Matthias Sammer diese Rolle übernimmt. Er verpasst anscheinend keine Trainingseinheit. Ob eine solche Aufgabe auch ein klassischer Sportdirektor oder Manager übernehmen kann, der ja nebenher noch Transfers einfädeln und sich um Spielerverträge kümmern muss, kann ich schwer einschätzen. Eigentlich ist diese Aufgabe ein Fulltime-Job.

ZEIT ONLINE: Diese Supervisions-Aufgaben scheinen auch Fans und Medien zu übernehmen.

Memmert: Das stimmt, manchmal hat man das Gefühl, bestimmte Trainer seien gar nicht mehr zu halten, so groß ist der Druck der Öffentlichkeit. Beispielsweise nach sehr hohen Niederlagen, wie beim Club 0:5 oder beim HSV 2:6. Die Klubs müssen dann ihren Trainer feuern, wenn sie das Gesicht wahren wollen. 

ZEIT ONLINE: Sie sagen also, ob ein Trainer gute oder schlechte Arbeit macht, entnimmt man nicht nur den Spielergebnissen?

Memmert: Wenn gewonnen wird, verstärkt sich der Glaube, alles richtig gemacht zu haben. Das ist reine Psychologie und geschieht unbewusst. Geht es so weiter, glauben alle, der Trainer ist gut, unabhängig davon, ob sein Training gut oder schlecht ist. Andersherum ist es genauso. Trainer neigen in Krisen dazu, Dinge zu machen, von denen Sie eigentlich nicht überzeugt sind, nur um des Änderns Willen. Weil sie meinen, mit den Inhalten zuvor hat es nicht geklappt, ändern sie ihre Herangehensweise. Aber vielleicht war es zuvor ja richtig und der Trainer hatte einfach nur Pech und knappe Spiele. Durch den Faktor Zufall besteht die Gefahr, die Arbeit eines Trainers gerade am Wochenende nicht korrekt einzuschätzen. Der Supervisor könnte das eher.

ZEIT ONLINE: Was sollten Trainer tun, um eine Abwärtsspirale zu stoppen?

Memmert: Sie sollten die Spiele klar aufarbeiten und sich fragen: Lag das gute oder schlechte Ergebnis an meinem Team oder an anderen Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann? Also an Roten Karten, Verletzungen, Schiedsrichter-Fehlern oder was auch immer. Theoretisch kann ein Trainer auch nach einer 0:3-Niederlage zu dem Schluss kommen: Ich bin mit meiner Mannschaft zufrieden.

ZEIT ONLINE: Der Trainer, der das sagt, müsste sich ganz schön was anhören.

Memmert: Deshalb hängt es davon ab, klar zu argumentieren. Die Trainer haben ja viele Werkzeuge, Spielstatistiken zum Beispiel. Nehmen wir das Spiel der Bayern jetzt in Leverkusen: Niemand käme nach diesem Spiel auf die Idee, zu sagen, Pep Guardiola mache schlechte Arbeit, weil das Spiel nur Unentschieden ausging. Guardiola hat einfach gute Argumente. Jeder hat gesehen, dass Bayern die Leverkusener an die Wand spielte. Und die Zahlen, vor allem die 27 Torschüsse! Und, ja, auch nach einem 0:3 könnte es unter Umständen solche Begründungen geben.