Der Schachweltmeister Viswanathan Anand © Thomas Samson/AFP/Getty Images

Am 7. November beginnt die Schach-WM in der südindischen Millionenstadt Chennai. Der 22 Jahre alte Norweger Magnus Carlsen will den 43-jährigen Weltmeister Viswanathan Anand bezwingen. Anand aber denkt nicht daran, seinen Titel herzugeben. In Bad Soden am Taunus, im Trainingscenter der Chess Tigers, hat er sich zwei Monate lang mit seinem Team auf den Kampf vorbereitet. 

ZEIT ONLINE: Herr Anand, mögen Sie uns etwas über das Trainingslager erzählen? Wie sieht so eine WM-Vorbereitung aus?

Viswanathan Anand: Man entwirft zunächst ein vollständiges Bild vom Gegner. Man fragt sich, was man erreichen will, auf welchem Gebiet man den Kampf sucht und wo die Probleme liegen. Und dann natürlich Fitnessübungen, Laufen, Schwimmen. Man arbeitet den ganzen Tag.

ZEIT ONLINE: Von neun bis fünf?

Anand: Ein bisschen länger schon.

ZEIT ONLINE: Das Wochenende frei?

Anand: Schachspieler kennen kein Wochenende.

ZEIT ONLINE: Und nun sind Sie in Form?

Anand: Ich bin zufrieden. Wir waren fleißig, es hat Spaß gemacht. Jetzt gönne ich mir eine kleine Pause und stimme mich zu Hause in Chennai auf den Kampf ein. Ich habe meinen Sohn ewig nicht gesehen. Akhil ist zweieinhalb, da gibt es einiges nachzuholen.

ZEIT ONLINE: Kann er schon Schach spielen?

Anand: Er weiß, wie die Figuren ziehen, und manchmal ziehen wir sie gemeinsam.

ZEIT ONLINE: Mit dem Wechsel vom Taunus in die Tropen kommen Sie klar?

Anand: Ich fliege eh dauernd hin und her, das macht mir nichts.

ZEIT ONLINE: Ihr Herausforderer hat sein Trainingscamp irgendwo in der Nähe von Chennai aufgeschlagen, um sich an die feuchte Hitze zu gewöhnen. Haben Sie das Klima auf Ihrer Seite?

Anand: Wo immer man spielt, muss man sich an die Umstände gewöhnen. Insofern ist das eigentlich egal. Jeder Spielort hat seine Vor- und Nachteile.

ZEIT ONLINE: Carlsen fürchtet gesundheitliche Probleme, Bakterien, Durchfall. Auf seinen Wunsch hin kann man sich bei dieser WM zwei Tage krankschreiben lassen. Was halten Sie davon?

Anand: Ich war nicht scharf darauf. Die Bedingungen in Chennai sind ausgezeichnet.

ZEIT ONLINE: Waren Sie jemals krank, wenn es drauf ankam?

Anand: Es kann einiges schiefgehen, aber krank war ich nie. Solange man einige Vorsichtsmaßnahmen trifft, hat man keine Probleme.

ZEIT ONLINE: Das Match wird in einem Fünfsternehotel ausgetragen, dem Hyatt Regency. Wie weit ist das von Ihrer Wohnung?

Anand: Zehn bis fünfzehn Minuten, je nach Verkehr.

ZEIT ONLINE: Wie finden Sie das, die Weltmeisterschaft vor der eigenen Haustür auszutragen?

Anand: Das ist sehr schön. Es hat viele Vorteile. Ich kenne den Spielort gut. Es ist meine Heimatstadt. Andererseits ist der Druck natürlich höher. Ich muss mich auf den Kern der Dinge konzentrieren und dabeibleiben.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie als Weltmeister so wenig in Indien gespielt? Fehlt es da an Geld, an Interesse?

Anand: Es gibt viel Schach in Indien, jede Menge Turniere. Aber manchmal braucht man einen Stimulus. Und vielleicht öffnet diese WM eine Tür.

ZEIT ONLINE: Was tun Sie für das indische Schach?

Anand: Ich arbeite für die Mind Champions Academy des Nationalen Institutes für Informationstechnologie, NIIT. Wir versuchen, Schach landesweit an die Schulen zu bringen. Das Projekt wurde 2002 gegründet. Seither haben wir anderthalb Millionen Schüler in mehr als 15.000 Schulen unterrichtet, auf dem Land wie in der Stadt. Es gibt ein richtiges Netzwerk der Schulen inzwischen. Darauf bin ich sehr stolz. Darüber hinaus haben zwei Bundesstaaten Schach zum Schulfach gemacht; aus einem, Tamil Nadu, komme ich. Dort wird unser Match stattfinden.

ZEIT ONLINE: Wie ist Ihr Verhältnis zu Magnus Carlsen?

Anand: Wir sind Rivalen. Davon abgesehen ist es ganz gut. Ich kenne ihn seit zehn Jahren.

ZEIT ONLINE: Der Herausforderer sieht sich als Favorit in diesem Kampf.

Anand: Die meisten Leute sehen das so. Aber ich werde mein Bestes geben.

ZEIT ONLINE: Jugend trifft auf Erfahrung – wäre das eine gute Beschreibung des Kampfes?

Anand: Das ist offensichtlich. Jedes Match braucht einen Blickwinkel, unter dem man es sieht. Da Indien und Norwegen keine Atomraketen aufeinander richten, taugt das Politische nicht als Blickwinkel.